Kommentar zur NachwuchshistorikerInnen Initiative

Wem widerfuhr es nicht, wie das wohlgesonnene Laecheln des Doktorvaters ploetzlich misstrauisch hochgezogenen Augenbrauen und skeptischen Falten auf der Stirn wich, als man nach langer Bedenkzeit von seinem neuen Vorhaben berichtete, sich dem wissenschaftlichen Metier ganz zu widmen. Hatte man doch nach bestandenem Doktorat den klugen Rat mit auf den Weg gegeben bekommen, die Wissenschaft in Zukunft zu meiden und einem Broterwerb nachzugehen. Sollte der "Schueler" sodann die Initiationsriten der hoechsten bundesdeutschen akademischen Weihen hinter sich gebracht haben, so wartet keinesfalls der Lorbeerkranz auf den Erwaehlten. Die bundesdeutschen Produktionsbedingungen im Wissenschaftsgewerbe sehen anders aus. Das Sozialsystem oder besser gesagt: Sozial- oder Arbeitslosenhilfe erwartet die ueberfluessige Funktionselite im Wartestand der heute 35-45-Jaehrigen insbesondere in den Sozial- und Kulturwissenschaften. Ihnen wurde auf der Sitzung vergangenen Freitag unmissverstaendlich kundgetan, dass die Wissenschaftsbuerokratie zwar zu handeln bereit sei, aber in Anbetracht der nunmehr einsetzenden Studentenebbe eben nicht mit neuen Stellen gerechnet werden koenne.

Die "Bewirtschaftung der Planstellen", so der Buerokratenjargon, koenne nicht eine beliebige Ausweitung des Lehrpersonals betreiben. Die Umwidmung von Assistenten-, C1- und allenfalls C2-Stellen in die neue Ausgeburt des Juniorprofessors werde erwogen, um in Zukunft im Nachwuchsbereich das langwierige Habilitationsverfahren zu umgehen, und auch Nichthabilitierten den Weg in die Alma Mater zu erleichtern. Gewiss, diese wohlgemeinte Massnahme verdient Applaus, haben sich die Planungsbuerokraten ueberhaupt etwas einfallen lassen. Doch kann es allein bei einer Umwidmung von Stellen belassen werden, wenn man einen weiteren Brain Drain nicht in Kauf nehmen will?

Wie wahr, kann man nur noch rufen. Allein die Bemerkung, wegen der geburtenschwachen Jahrgaenge wuerden kuenftig die Personalstellen an die Nachfrage weiter angepasst werden muessen, hinterlaesst den faden Beigeschmack bei jener Generation, die vor ziemlich genau 20 Jahren sich erzaehlen lassen musste, warum es Sinn mache, mit 100 oder 200 Kommilitonen in einem Seminar zu sitzen. Damals sorgten zu hohe Ruestungsausgaben und die Wirtschaftsrezession fuer die Entschuldigung, man koenne nicht soviel Lehrpersonal einstellen. Nun sorgt man sich offenbar, dass zuviele Lehrende sich um die wenigen Studierenden konkurrieren koennten.

Bei den kaum ueberzeugend vorgebrachten Vorschlaegen sollte die Bildungsbuerokratie vielleicht auch Anleihe im Wirtschaftsmanagement machen. Dort wird seit einiger Zeit ueber das Topsharing nachgedacht, jener Moeglichkeit des Jobsharings im Management, das durch multifunktionale Arbeitsueberlastung zu den mittlerweile hoechstgefaehrdeten Berufsgruppe zaehlt: Herzinfarkte, Burn outs und soziale Krisen gehoeren in jenen Kreisen zum sogenannten Lebensstandard und bekanntlich sind Professoren von diesen Erscheinungen nicht ausgenommen. Fragt sich ebenfalls, ob dem autoritaetsfixierten deutschen Wissenschaftssystem eine radikale und gruendliche Reform nicht besser stuende. Eine IBM-Studie ueber Karriereentwicklungen erlaubt die Einsicht, dass fuer diese nur 10% die wissenschaftliche Leistung, aber zu 60% das Networking und zu 30% das eigene Marketing ausschlaggebend sind. Ganz in diesem Sinne war neulich im Zuercher Tagesanzeiger zu lesen, ob der typische Professor nicht laengst ein ueberholtes und gar maennlich gepraegtes Modell aus dem 19. Jahrhundert sei, das auf Geniekult basiere. Insofern ist es der Mythos, denn Wissenschaft ist auch ein lernbares Handwerk, und es ist mit der heutigen Arbeitswelt nicht mehr zeitgemaess (hinsichtlich Flexibilitaet, keine lebenslangen Perspektiven mehr etc.).

In der Neuen Zuercher Zeitung vom 4. Okrober steht unter dem Titel "Universitaet unter Markt- und Hoffnungsdruck" zu lesen, dass Peter Glotz auf einer Tagung in Bern seine Vision einer modernen Universitaet verkuendete: Die deutsche Wissensfabrik als Aktiengesellschaft im Konkurrenzkampf mit amerikanischen Universitaeten. Bleibt es nur bei der Vision, oder kann man der NZZ eher Glauben schenken als deutschen Buerokraten: "Die anderen Universitaeten, die mit ihren regionalen Bezuegen durchaus eine Rolle behalten koennten, seien von buerokratischen Fesseln zu befreien, ihre Entscheidungsgremien seien auf die Gesellschaft hin zu oeffnen, und in ueberschaubaren Einheiten sollten neuartige Professoren gedeihen." Dem laesst sich kaum noch was hinzufuegen!


Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>

From: "M. Fahlbusch" <fifa@swissonline.ch>
Subject: Kommentar zur NachwuchshistorikerInnen Initiative
Date: 04.10.2000


       

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