Die Suche nach Interpretamenten, mit denen bestimmte Formen von
"Eigenstaendigkeit" bei Individuen - in einzelnen Situationen , im Lebenslauf
- zu erschliessen seien, hat ja erst sehr allmaehlich begonnen. Das gilt
jedenfalls wohl fuer die Geschichte der (aller-) neuesten Zeit. Die neueste
Zeit: Damit wird auch eine der Ausgangsbedingungen der Unsicherheit erkennbar,
wie denn mit unterschiedlichen Formen von Nicht-Angepasstheit umzugehen sei:
die Annahme, "neuzeitliche" Menschen treten als Subjekte auf; sie seien (im
Prinzip) mit sich identische Personen (die dann auch noch Welt und Geschichte
aus ihrem "Ich" begruenden; so argumentiert ja J.G. Fichte). Demnach gibt
es nur "einheitliche" Profile- oder auch Typen. Mischformen gelten hier per
se als "unrein" (erst in der aggressiven Formel von den Hybrid- und
Bastardkonstruktionen, die sich im Zuge postmoderner OEffnungen, zumal im
new criticism, zeigt, ist das Vorzeichen geaendert!).
In der Auseinandersetzung um "Resistenz" (M. Broszat) im NS ging es darum, wie Nicht-Mitmachen, das punktuell oder auf einzelne Bereiche "beschraenkt" war (also: Kritik am NS in Fragen der Schul-Kruzifixe -- aber Zustimmung zu / Mitmachen bei: Krieg und/oder Ausgrenzung und auch Vernichtung derer, die als "Juden" markiert wurden), zu unterscheiden sei von jenen Aktionen oder Planungen, welche den NS zu ueberwinden suchten . Nur letztere seien "Widerstand".
Dabei wurde ein Moment immerhin indirekt erkennbar, das seither fuer den NS-Kontext immer wichtiger geworden ist: Menschen handelten *nicht* als "Typen". Die massenhafte Denunziationspraxis konnte bei einzelnen sehr wohl mit Wegtauchen, auch Sabotieren (z.B. am Arbeitsplatz) zusammengehen (Mallmann/Paul; Gellately). Dabei waere aber auch das Spektrum des Verhaltens nicht mehr nur in die Polaritaet von entweder: Mitmachen/Gehorchen oder: Sich verweigern/widersetzen einzupassen. Das weite Feld der Praktiken, in denen z.B. "Distanz" gesucht wurde - von Kollegen, (Ehe-)Partnern, Nachbarn, (Militaer-)Kameraden aber auch Menschen "oben" wie "unten" - bleibt dabei stets ausgeblendet. Fuer die Potentiale, sich engagiert "dafuer" einzusetzen ( weder durch Terror noch Manipulation genoetigt zu sein!) - sich parallel immer wieder zu entziehen, vielleicht auch zu widerstehen, scheint eben nicht ein Entweder-Oder "typisch". Mischungen, Pendelbewegungen ("shifting involvements", A.O. Hirschman!): geht es nicht darum, diese nicht als defizitaer, sondern als das "Normale" zu sehen ? Dazu passt aber m.E. nicht (mehr) die Suche nach z.B. dem "Typus eines subversiven Wissenschaftlers" (so aber Weckel).
Mir scheint demgegenueber produktiver, nach Formen des "Eigensinns" zu fragen (Eigensinn, der *offen* war/ist fuer Mitmachen und Engagement, z.B. als "guter Soldat", der aber auch das Verweigern eines Akkordheraufsetzens im Panzerbau motivieren konnte - bei *denselben* Menschen! Ich halte hier die Figur das "Maeanderns" fuer angemessen(er) (vgl. meinen Versuch: Arbeiten und Dabeisein, in: FS Jan Peters, Weimar 1997; s. auch A. Luedtke: Eigen-Sinn, Hamburg 1993).
AEhnliches gilt fuer die Figur der (Lebens-)Strategie. Ist das nicht (zumal bei HistorikerInnen!) eine Konstruktion a posteriori? Unterstellt sie nicht Konsistenz und Homogenitaet - fuer die dasselbe gilt, wie fuer die (angeblich) mit sich identischen Persoenlichkeit ?
Kurz: Fraenger scheint sehr interessant - vielleicht aber weniger wegen seiner "Strategie". Ist es nicht eher die Spannbreite gleichzeitig vielfaeltiger und (pardon!) eigensinniger, mitunter gewiss auch "subversiver" Praxis ?
Alf Luedtke, Goettingen
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