[Dieser Beitrag knuepft an eine Anfrage vom 08.01.98 mit dem Titel: "Subversion als biographische Kategorie" der Absenderin an. ]
Die Festschrift fuer Jan Peters war mir auch schon in die Haende gekommen und ich habe ueber den Begriff des Eigen-Sinns bereits mehrfach nachgedacht. Mich wuerde interessieren, wie der Begriff definiert ist. Eigen-Sinn scheint mir eine sehr interessante, auf viele Personen zutreffende Kategorie zu sein. Andererseits ist sie aber auch ziemlich beliebig und laesst die Handlungen und Motivationen nur schlecht konturieren. Voellig klar ist mir natuerlich, dass der Begriff der Subversion sehr scharf ist und W. Fraenger in mancher Situation eher den Rueckzug angetreten hat, sich also wenig mit dem politischen Zeitgeschehen auseinandergesetzt hat. Der "subversive Charakter" ist aber dennoch ein Grundzug seiner Person. Und zwar in Bezug auf jede Herrschaftsform, die allzu sehr dazu neigt, ihre Strukturen zugunsten eigener Machtstabilisation nach unten, d.h. zur Bevoelkerung, abzuschotten. Dieser Charakterzug bezieht sich allerdings weniger auf konkrete tagespolitische Ereignisse als auf kulturpolitische Entwicklungen. Insofern bildete Fraenger eine Kontinuitaet aus, die vom Kaiserreich ueber die Weimarer Republik und den NS bis in die DDR hinein Gueltigkeit hatte.
Sicherlich war Fraenger auch sehr eigensinnig. Allerdings war der Eigen-Sinn eher der Motor fuer die Phasen des inneren Rueckzugs, wie z..B. waehrend des NS und spaeter an der Akademie der Wissenschaften. Fraenger war, wenn die politische Konstellation es zuliess, sehr engagiert und stets an einer spezifischen Form des Gemein-Sinns orientiert. Sein 1917 gegruendeter Verein hiess programmatisch "Gemeinschaft". Und sein Engagement zwischen 1945 und 1949, als er Buergermeister in Paewesin war, den Kulturbund in Brandenburg aufbaute und die Volkshochschule Brandenburg gruendete, galt der kulturellen Erneuerung des "Volkes". Seine eigenen Forschungsinteressen stellte er hintan.
Eindeutig ist eigentlich nur: Fraenger hatte einen sehr spezifischen Bildungsbegriff und kulturellen Anspruch, den er mit seiner besonderen paedagogischen Wirkung verfolgte. Und zwar verfolgte er ihn hoechst eigensinnig durch alle politischen Zeitenwenden. Aber dieser Eigensinn war auf Gemeinschaftssinn gerichtet. Durch die Gruendung eigener Zirkel und Gruppen versuchte er seine Vorstellungen zu realisieren. Diese Aktivitaeten bezogen sich jedoch nie auf ein abstraktes staatliches Modell, wie es auch auf groessere Massen nicht anwendbar war. Aber innerhalb der relativ kleinen Kreise war Fraengers Einfluss gross. Und er machte sozusagen resistent gegen staatliche Normierungen. Fraenger oeffnete seinen Freunden und Zuhoerern den Blick fuer das Gegenweltliche, fuer das was ausserhalb institutioneller Dogmen existierte und sich mit oft viel groesserer Lebensfuelle entfaltete.
Sein Lieblingsschriftsteller war Rabelais Gargantua und Pantagruel. So wie dieser in seinem Roman einen unentwegten Karneval entwickelt, dessen subversive Wirkung Michail Bachtin sehr eindruecklich beschreibt, wollte auch Fraenger zum kollektiven Lachen gegen die Institutionen reizen. Nicht der individuelle Humor, der vielerlei Ursachen haben kann, sondern nur das unbeherrschte und unbeherrschbare kollektive Lachen hat die Macht, herrschende Autoritaeten zu entmachten. Aber nicht in einem destruktiven Sinne, sondern durchaus kreativ und im Sinne eines archaischen oder dialektischen Kreislaufverstaendnisses von der gesellschaftlichen Entwicklung. Das Vergehende macht Platz fuer das Neue. Jeder Tod initiiert zwangslaeufig eine Geburt.
Mit freundlichen Gruessen,
Petra Weckel, Potsdam
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