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Quelle - email <H-Soz-u-Kult>
From: weckel@rz.uni-potsdam.de |
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich schreibe eine BiographieWilhelm Fraengers (1890-1964) als Doktorarbeit bei Prof. Dr. Klessmann in Potsdam.
Wilhelm Fraenger war Kunsthistoriker und Volkskundler (heute wuerde man wahrscheinlich Kulturanthropologe sagen). Er hat sich in den Zwanziger Jahren in Heidelberg sehr intensiv mit dem Expressionismus und der sonstigen Moderne beschaeftigt und später ein umfangreiches Buch über Hieronymus Bosch geschrieben. Fraenger war ein linker Intellektueller, der während des Dritten Reiches in eine Art innere Emigration gegangen ist. Heinrich George hielt spaeter seine Hand über ihn. Unmittelbar nach dem Krieg wurde er in der Naehe von Brandenburg Buergermeister und ging 1953 an die Akademie der Wissenschaften der DDR und baute dort das Institut für Volkskunde mit auf. 1949 wurde er aus der SED ausgeschlossen und zu seinem siebzigsten Geburtstag erhielt er den großen Vaterländischen Verdienstorden in Bronze.
Fraenger beschaeftigte sich immer mit den Themen, die nicht en vogue waren, mit Abseitigem und Skurilem. Sein Interesse galt den geistigen Gemeinschaften, sei es in kuenstlerischer oder geistiger Hinsicht. Letztendlich versuchte er mit seinen Arbeiten stets die subversive Kraft solcher persoenlicher Verbindungen oder kultureller Entwicklungen aus dem Volke nachzuweisen, die neue kulturelle Wege beschritten und sich damit gegen bestehende Hierarchien und Strukturen wandten. Dabei arbeitete Fraenger methodisch immer ausgesprochen interdisziplinaer und war ein Streiter fuer die literarische Sprache in wissenschaftlichen Darstellungen. Nicht zuletzt fuehrte der Ansatz Fraengers zu einer moeglichst greifbaren Wissenschaft, die er mit dauerhaften paedagogischen Ambitionen auch real weitergeben wollte. Dadurch hatte Fraenger auf ziemlich viele einen wichtigen Einfluss ausgeuebt. Die vielen Briefe, die sich in seinem Nachlass befinden, belegen dies eindruecklich.
Mein biographischer Ansatz ist vor allem die Frage, wie es jemandem, der wie Fraenger wissenschaftlich und politisch stets irgendwie zwischen den Stühlen saß gelang, seine Person in den zwei deutschen Diktaturen zu behaupten. Besonders interessant ist dabei das Netz der Personen, das sich seit den zwanziger Jahren um Fraenger spann. Ueber jede politische Couleur hinweg bildete sich hier wiederum eine Art subversiver Gemeinschaft, allerdings sehr locker gebunden. Auf diese Weise schuf Fraenger jeweils sein eigenes Reich in einer Art geistiger Bruderschaft, das ihn die Zumutungen des Dritten Reiches ebenso wie der Zeit der DDR ertragen liess. Es zeigt sich im Leben Fraengers eine deutlich Analogie zu den Schluessen, die er in seinen Kunstinterpretationen zieht. Und es ist keineswegs klar, ob er sein Leben bewusst seinen kunsthistorischen Ergebnissen angepasst hat, oder ob seine Schriften gerade diese bestimmte Tendenz haben, weil sie aus seinem ganz spezifischen Lebenshintergrund resultieren.
Fraenger kam spätestens 1912 mit den Schriften Lamprechts in Berührung und wurde von diesen nachweislich deutlich gepraegt. Diese Tatsache ist nicht zuletzt deswegen sehr interessant, weil sich der universalistische Ansatz Lamprechts nicht so recht durchgesetzt hat, bzw. sehr schnell wieder in Vergessenheit geriet.
Heute, denke ich, besitzt Lamprecht nachwievor grosse Aktualität. Und mich interessiert, ob diese heute in der wissenschaflichen historischen Diskussion eigentlich entsprechend wahrgenommen wird. (Lamprecht hatte uebrigens in Dresden ein Institut für Kultur- und Universalgeschichte begruendet, und das schon gleich zu Beginn unseres Jahrhunderts. Allein diese Sache spricht fuer die ungeheure Modernitaet seiner Ansaetze)
Ueber Hinweise, Anregungen und Diskussion hierzu wuerde ich mich sehr freuen.
Petra Weckel.
weckel@rz.uni-potsdam.de
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