Quelle - email <H-Soz-u-Kult>

From: Raimund.Lammersdorf@phil.tu-chemnitz.de (Raimund Lammersdorf)
Subject: "Ein Trauma schlagen?" oder Welches Trauma eigentlich?
Date: Friday, February 28, 1997 16:10:31 MET


Die Ueberlegungen von Klaus Vogel zur Verarbeitung bzw. Bewaeltigung von traumatischen Erlebnissen der Taeter moegen in sich richtig sein, doch zweifle ich an der impliziten Praemisse: dass die Taten selbst ueberhaupt als traumatisch weil boese empfunden wurden. Mein Eindruck ist, dass die Abwesenheit von Empathie mit der "Gegenseite" nicht Ausdruck eines Leidens an den eigenen verdraengten Untaten ist. Vielmehr ist diese Verachtung anderer Menschen von den Taetern als etwas Richtiges empfunden worden. Gerade dies machen die Ausstellung in Muenchen, die Buecher Goldhagens, Brownings und juengst Stephen G. Fritz, "Frontsoldaten: The German Soldier in World War II". Lexington: University Press of Kentucky, 1995, deutlich: der Mord an "Untermenschen" war nicht Trauma oder widerwillig erfuellter Befehl, sondern fuer viele Genuss, positives Erlebnis, Bestaetigung der eigenen Ueberlegenheit als Deutscher, ein Fest maennlicher Staerke verbunden mit dem Stolz, beteiligt zu sein an dem grossartigen Projekt zur Reinigung der Welt von Untermenschen. Folgt man Bartov und Fritz, so ist die angeblich mangelnde Unterstuetzung deutscher Soldaten fuer den Krieg und seine rassistischen Ziele ein Mythos.

Das Problem fuer die meisten Taeter nach dem Krieg, wenn man so will ihr Trauma, scheint mir nicht die Verzweiflung ueber angebliches eigenes moralisches Versagen zu sein, sondern vielmehr die Enttaeuschung darueber, dass der eigene mutige und opfervolle Beitrag zum kollektiven Projekt des Krieges nicht auf Dankbarkeit stiess (ein Trost war die Konfrontation des Westens mit dem Ostblock, die dafuer benutzt werden konnte, den deutschen Angriffskrieg gegen die Sowjetunion im nachhinein zu rechtfertigten). Die jahrzehntelange Aufrechterhaltung des Mythos von der anstaendigen Wehrmacht, lange Zeit sogar der Waffen-SS als kaempfender Truppe, diente zu einem guten Teil dazu, wenigstens ein bisschen Stolz fuehlen zu koennen, der zwar nie ganz oeffentlich geaeussert werden konnte, aber als Subtext zentraler Bestandteil des bundesrepublikanischen oeffentlichen Diskurses darstellte und immer noch darstellt.

Klingt das zu hart, zu radikal? Es geht noch um einen weiteren Mythos: dass die Beteiligung am Krieg allein nicht unbedingt ein Verbrechen gewesen sei. Das wird kaum offen so formuliert, aber das klingt an in den verdrechselten Ueberlegungen und Diskussionen darueber, wer wann wie schuldig wurde oder unschuldig blieb. Theo Sommer liefert dafuer wieder ein Beispiel, wenn er sich bemueht, genau zwischen Taetern und einfachen Soldaten, die ja nur ihre Pflicht taten, zu differenzieren, dass nicht jeder der 18 oder 19 Mill. deutscher Soldaten persoenliche Schuld auf sich geladen habe.

Aus der Perspektive der Opferlaender ist es einfach grotesk, im Zusammenhang mit dem deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg ueberhaupt von soldatischer Ehre oder Pflichterfuellung zu sprechen, schlimmer noch, gefallene deutsche Soldaten mit ihren Opfern auf eine Stufe zu stellen, wie es in der Neuen Wache in Berlin geschieht oder in dem Michael Frank Zitat aus der SZ. Es kann den Opfern herzlich egal sein, wie ehrenhaft die Mehrzahl deutscher Soldaten gekaempft hat: es aendert nichts daran, dass Deutschland nur mit deren Beteiligung einen grossen Teil Europas erobern konnte. Ohne die vorgeblich exkulpierende Pflichterfuellung der einfachen Soldaten waeren die deutschen Morde nicht moeglich gewesen. Im Zusammenhang mit der deutschen Aggression vom Anstand deutscher Soldaten zu sprechen ist eine Perversion des Denkens, die zur Normalitaet in der deutschen politischen Kultur geworden ist.

Dies festzustellen, heisst nicht, von gleichmacherischer Kollektivschuld zu reden. Natuerlich muss genau differenziert werden zwischen verschiedenen Stufen von Verantwortung und Schuld, muss die diktatorische Gesamtsituation mit einbezogen werden bei der Bewertung des Verhaltens Deutscher. Aber umgekehrt darf fuer die Soldaten der Wehrmacht, fuer alle Deutschen, die in der einen oder anderen Form den Krieg unterstuetzten, nicht von kollektiver Unschuld ausgegangen werden und vor allem nicht davon, dass eigentlich alle dagegen gewesen seien.

RL


Raimund Lammersdorf rlammers@fas.harvard.edu

Center for European Studies 27 Kirkland St., Cambridge, MA 02138

Harvard University (617) 495 -43 03, ext.235, fax: -8509


Copyright ©1996-2002, H-Soz-u-Kult · Humanities · Sozial- und Kulturgeschichte

Diskussionen    Diskussion Was in Muenchen...