H-Soz-u-Kult Review-Symposium:

Kultur und Geschichte. Neue Einblicke in eine alte Beziehung


Joachim Wintzer, Resümee und Diskussionsbeitrag

Eine kurze Stellungnahme zur "Nachbereitung" des ersten "Review-Symposiums". Ich kann die Redaktion nur ermutigen, sich durch die ausgebliebene Diskussionsbereitschaft nicht entmutigen zu lassen. Die veroeffentlichten Diskussionsbeitraege habe ich mit Interesse gelesen. Sowohl Zeitgruende als auch die Frage, ueber was denn eigentlich konkret diskutiert werden sollte, haben mich davon abgehalten, mir kurzfristig das Buch zu besorgen und Stellung zu beziehen. Nach Lektuere einiger Aufsaetze des inzwischen erworbenen Readers hat sich bei mir nun der Eindruck eingestellt: "Aha, dass kann man also auch machen."

Und noch einige Bemerkungen zu einem Beitrag des "Review-Symposiums":

Ungluecklicherweise interessiere ich mich u.a. fuer einen "drittrangigen und dazu noch eher langweilig erscheinenden Sachverhalt" (Adelheid von Saldern am 19.5.1998). Die aufmerksamen und freundlichen Leser wissen sofort, was gemeint ist, die Diplomatiegeschichte. Angelehnt an ihren Rettungsversuch, wie ein Untersuchungsgegenstand, der "ueber Jahrzehnte mit Recht als 'mega-out' gegolten hat", reaktiviert werden koennte, wuerde es mich interessieren, wie Historiker ihre Sachgebiete repraesentieren, wie die Hierachisierung der Sachgebiete sich in den Kommunikationsstrukturen (z.B. in Mailinglisten) niederschlaegt, in welchen Formen Forschungskontroversen und Konflikte ausgetragen werden und wie geschichtswissenschaftliche Entwicklungen und Forschungsdesiderata artikuliert werden. Was ist "erstrangig", was ist "zweitrangig" oder gar "viertrangig"? Sind die Anzahl der Beitraege einer Mailingliste entscheidend oder die Anzahl der Sektionen des Historikertages? Ich dachte bisher, eine solche Hierachisierung sei seit der Postmoderne "mega-out". Man muss nicht lesen und erforschen, was einen langweilt. Aber was sagt das ueber den Gegenstand oder die verwandte Methode aus?

Und haben die Diplomatiehistoriker (wann?) ihre bedingungslose Kapitulation unterzeichnen muessen, um in einem Reservat ihre Glasperlenspiele nach dem irenischen Motto "anything is allowed" betreiben zu duerfen? Oder ist nach einigen Jahrzehnten die 'reeducation' fuer Diplomatiehistoriker fuer beendet erklaert worden? Gibt es derzeit einen Hegemon (die Sozialgeschichte?) gegen welchen sich auch 'kleine' oder 'mega-oute' Sachgebiete zusammenschliessen koennen und muessen, um die 'balance of power' zu gewaehrleisten? Geschlechtergeschichte und Diskursanalyse und Diplomatiegeschichte gegen Sozialgeschichte? Aber ein Buendnis von Sozial- und Alltagsgeschichte bliebe wohl 'erstrangiger'?

Die aussenpolitischen Kontroversen ueber die NATO-Osterweiterung, die Nichtverbreitung von Atomwaffen, die Errichtung eines Internationalen Strafgerichtshofs oder einen moeglichen Militaereinsatz ohne Zustimmung des Sicherheitsrats im Kosovo etc., beduerfen sie in erster Linie einer diskurstheoretischen Unterfuetterung oder einer geschlechtergeschichtlichen Betrachtung? Oder sind diese fuer einige Menschen wohl nicht ganz folgenlosen Debatten (nicht unbedingt fuer die Debattenteilnehmer, aber fuer die Menschen, die vor Ort davon betroffen sind) fuer Historiker "drittrangig", weil bestimmte Methoden und Theorien verwandt, bzw. nicht verwandt werden? Vielleicht habe ich Adelheid von Saldern aber auch nur falsch verstanden, weil meine diskurstheoretischen Faehigkeiten noch nicht besonders entwickelt sind.

Als Abonnent von h-diplo (diplomatic history) habe ich schon einige sehr lebhafte Debatten ueber theoretische Fragen miterlebt (Interessierte moegen die h-diplo homepage mit entsprechenden Nachweisen aufsuchen). So wurde beispielsweise ueber einen Artikel debattiert, welcher Kennans 'Langes Telegramm' diskurstheoretisch unter die Lupe genommen hat. Die 'Traditionalisten' - hier den Sozialhistorikern nicht ganz unaehnlich - beharrten auf der Frage, was die Verwendung dieser Methode an neuen Erkenntnissen fuer ihren Untersuchungsgegenstand bringen wuerde.

Fuer h-diplo ist es relativ einfach, Debatten zu initiieren. Einerseits passiert auf der Welt immer irgend etwas, was einen Listenteilnehmer zu einer Stellungnahme reizt. Andererseits werden die Beitrage einer Zeitschrift (Diplomatic History) im Abstand von einigen Wochen zur Diskussion freigegeben. Manchmal entwickelt sich eine interessante Kontroverse, manchmal wird der Artikel 'totgeschwiegen'. Vielleicht waere es eine ueberlegenswerte Moeglichkeit, ueber neue theoretische Artikel (wie zuletzt in GG erschienen) zu diskutieren. Dann bekaeme die Liste (k)einen Korb.

Joachim Wintzer

Universitaet Heidelberg


Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>

From: Joachim Wintzer <jwintzer@urz-mail.urz.uni-heidelberg.de>
Subject: Re: Review-Symposium
Date: 30.06.98