H-Soz-u-Kult Review-Symposium:

Kultur und Geschichte. Neue Einblicke in eine alte Beziehung


Galoppieren trotz Stolpersteinen - Ein Kommentar

von Adelheid von Saldern, Hannover <asalder@gwdg.de>

Eine Internet-Debatte

Wer via Internet ueber Kulturgeschichte nachdenkt, ueberlegt zunaechst, worin das Neue einer solchen Debatte besteht, wie sich die Diskurs- und Kommunikationsstrukturen dadurch mittelfristig veraendern werden und was Wissenschaftskultur im 21. Jahrhundert bedeuten wird, oder ganz banal: worin die Vor- und Nachteile der verschiedenen Kommunikationsformen liegen. Vieles muss schlicht ausprobiert werden. Nicht zuletzt die Neue Kulturgeschichte hat uns Instrumentarien, Denkebenen und Methoden aufgezeigt, die uns besser als vorher in den Stand versetzen, Handlungen und Geschehnisse aus einer Doppelperspektive zu erleben: Wir sind selbst Teil eines Rades, das sich dreht, koennen aber gleichzeitig - quasi auf einer Meta-Ebene - erkennen, was mit uns und durch uns geschieht, wer die Mitspieler sind, wie agiert wird, wer wie versucht, das `Feld' zu besetzen, welche Sprache verwandt wird, auf wen sich berufen wird, in welchen Formen etwaige Deutungskaempfe ausgetragen werden usw. Diese Art Doppelperspektive, die nicht zuletzt durch die Neue Kulturgeschichte Gewicht erhalten hat, bringt wahrnehmungsanalytische Reize mit sich.

Dass eine Internet-Debatte organisiert wurde, ist den InitiatorInnen und OrganisatorInnen hoch anzurechnen. Und wir sollten alle hoffen, dass sie ertragreich wird. Doch hat das Programm noch keine festumrissene Fragestellung. `Kultur' und `Geschichte' sind zu grosse Kaliber. Zwar sind einige Neuerscheinungen als Diskussions-Unterfutter angegeben, aber die Einstiegsmoeglichkeiten sind selbst dann noch so viele, dass sich daraus wohl keine sehr spannende Diskussion entwickeln, sondern eher empathische oder auch kritische Erklaerungen gegenueber der Neuen Kulturgeschichte abgegeben werden. Vielleicht kristallisiert sich ja in der zweiten Runde eine Fragestellung heraus, auf die genauer eingegangen werden kann, bei der man "naeher am Korb" spielen kann, was bekanntlich spannender ist - nicht nur beim Basketball. In der ersten Runde tippe ich also auch nur einige Sachverhalte bzw. konzeptionell-methodische Ueberlegungen, die mir nach dem Lesen der Reader-Einleitung in den Sinn kamen, kurz an.

Ein Reader

Die Aufsatzsammlung betrachte ich als einen nutzvollen Reader, von denen es zu wenige in deutscher Sprache gibt, die aber aeusserst sinnvoll fuer Seminare eingesetzt werden koennen, vor allem, wenn sie so preiswert sind und dazu noch in jede Tasche passen, wie das beim vorliegenden Band der Fall ist. Den Herausgebern und dem Verlag sei also ausdruecklich fuer ihr Engagement gedankt. Sicherlich, ich haette teilweise eine andere Auswahl von  AutorenInnen getroffen, Bourdieu, R. Williams, Stuart Hall, Eco, de Certeau, Loefgren/Frykman, D. Miller sowie Levine waeren in jedem Falle dabei gewesen. Doch was soll's? Auch meine Auswahl waere lediglich eine Auswahl.

Und inspiriert werden kann man durch viele Texte, so auch durch die vorliegenden. Wer von Hierarchien und Zitierkartellen loskommen moechte, kann auch nicht mehr sagen: der oder die muss in einem solchen Reader vertreten sein - ein Stueck Befreiung, wie ich meine, von einem gerade in Deutschland stark vorgepraegten und oftmals einseitigen Kanon.

Eine Innovation

Conrad und Kessel vermitteln in ihrer anregenden und kenntnisreichen Einleitung den Eindruck, dass sie die Neue Kulturgeschichte als innovativ und als eine Bereicherung der bisherigen Geschichtsschreibung betrachten. Dem ist zuzustimmen.

Selbstverstaendlich ist es schwer zu beweisen, dass die Neue Kulturgeschichte eine Innovation darstellt. Vieles ist tatsaechlich nicht neu, kommt nur anders als frueher ins Spiel, wird mit anderen Begriffen ausgedrueckt. Doch bekanntlich gibt es ja nichts absolut Neues in der Wissenschaft. Und wer moechte bestreiten, dass nicht auch einst die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, spaeter die Geschlechtergeschichte und die Alltagsgeschichte mit gewichtigen Innovationspfunden wuchern konnten, die auch heute noch Bestand haben. Wie bedeutsam sie sind, erkennen wir daran, wenn wir uns vorstellen, dass es sie nicht mehr gaebe. Der Verlust waere fuer die Geschichtswissenschaft gross, die Neue Kulturgeschichte hinge buchstaeblich in der Luft. Aber auch umgekehrt gilt: Wie beschraenkt und provinziell waere die Sozialgeschichte, wenn es nicht die Herausforderungen durch die Alltagsgeschichte und die Geschlechtergeschichte und neuerdings durch die Neue Kulturgeschichte gegeben haette - und noch immer gibt. Die Neue Kulturgeschichte bietet die Moeglichkeit, die bisherigen historiographischen Zugriffe miteinander zu verzahnen und dabei das Gewicht auf die Deutungszusammenhaenge und Sinnzuweisungen zu legen, ein Erkenntnisinteresse, das bisher am weitesten in der Alltagsgeschichte und der Geschlechtergeschichte zutage trat. In der Neuen Kulturgeschichte wird indessen das Spektrum der Untersuchungsgegenstaende erweitert, und die Interpretationsmoeglichkeiten werden staerker reflektiert. Drei Beispiele seien genannt:

Erstens koennte nun selbst eine Diplomatenkonferenz aus dem 19. Jahrhundert ein spannendes Untersuchungsfeld abgeben, waehrend bisher die Diplomatiegeschichte ueber Jahrzehnte mit Recht als `mega-out' gegolten hat.

Weniger sind hier Sozial- und Alltagsgeschichte gefragt, dafuer mehr die Kombination von Politikgeschichte, Geschlechtergeschichte und Kulturgeschichte inklusive Diskursanalyse. Wie Diplomaten ihre Nationen repraesentieren, wie die Hierarchisierung der Nationen sich in den Kommunikationsstrukturen niederschlaegt, in welchen Formen Konflikte  ausgetragen werden, wie geschichtliche Entwicklungen gedeutet und Zukunftsvorstellungen artikuliert werden, mit welchen Deutungsmustern ueber Gott und die Welt, ueber Staat und Gesellschaft geredet wird, welche Symbolsprache und Ikonographie eingesetzt werden, wie mit Inszenierungen gearbeitet wird und sich Maennlichkeit praesentiert, all dies sagt eine Menge aus ueber den sogenannten "Zeitgeist", ueber Interdependenzen und Verfasstheiten von Staaten und Gesellschaften. Die Nennung dieses Beispiels soll beileibe nicht dazu fuehren, die Diplomatiegeschichte insgesamt zu reaktivieren, sondern damit soll lediglich gezeigt werden, dass die Neue Kulturgeschichte selbst einem drittrangigen und dazu noch eher langweilig erscheinenden Sachverhalt bei guter Quellenlage neue Erkenntnismomente abgewinnen koennte, vielleicht in etwa vergleichbar mit den schon vorhandenen Analysen von Denkmals-, Erinnerungs- und Einweihungsfeiern. Deren Untersuchungen erfordern auch den genauen Blick, bei dem selbst Kleinigkeiten, Nebensaechlichkeiten und Unterschwelliges erfasst werden.

Als ein zweites Beispiel kann die Geschichte des Wohnens genannt werden. Nicht zuletzt der Geschlechter- und Alltagsgeschichte ist die Einsicht zu verdanken, dass die sogenannte Privatsphaere viel mit Politik und Gesellschaft zu tun hat. Bei der Erforschung dieses Themenfeldes greifen Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, Geschlechtergeschichte und Neue Kulturgeschichte zusammen, von den Rahmensetzungen durch Politik und Oekonomie einmal ganz abgesehen. Der multiperspektivische Zugriff gibt den Raeumen und den in ihnen lebenden Menschen eine neue Lebendigkeit, vermittelt die komplexen Aneignungsvorgaenge, verfolgt den "Kapitalsortentransfer" (Bourdieu), rekonstruiert die sozialen Distinktionsvorgaenge, verabschiedet sich dabei von den eindimensionalen und oberflaechlichen "Sicker- und Imitationstheorien", zeigt sowohl die Polaritaet als auch die Verschraenkungen von Privatheit und Oeffentlichkeit auf und untersucht die Deutungsschemata kultureller Praxisformen von  Schichten, Ethnien und Geschlechtern. Wohnungsgegenstaende gewinnen analytisch nicht nur an Relevanz wegen ihrer Bedeutung fuer den Menschen, sondern darueber hinaus fuer die Beziehungen der Menschen untereinander.

Als drittes Beispiel sei auf die Neue Mediengeschichte als Teil der Neuen Kulturgeschichte verwiesen. Wer die radikale Variante des linguistic turn als ueberzogen betrachtet, fuer den oder fuer die rueckt gerade das wechselseitige Beziehungsgeflecht von sozialer Realitaet und `medialer Realitaet' in den Mittelpunkt. Wer im Gefolge der cultural studies das Konsumieren von Medienangeboten (Radio, Fernsehen etc.) als soziale Handlungen begreift, bei denen nicht von vornherein angenommen wird, dass die Menschen manipuliert werden, nimmt diese mehr als bisher als Subjekte wahr, deren Rezeptions- und Nutzungsweisen von individuellen, sozialen und kulturellen Faktoren abhaengen. Die beliebten Begriffe wie Manipulation und Instrumentalisierung werden infolgedessen obsolet, zumindest stark in den Hintergrund gedraengt. Schon die Alltags- und Geschlechtergeschichte hat das wahrnehmende, deutende und handelnde Subjekt in den Mittelpunkt von Analysen gestellt (was nicht heisst, dass der Subjektcharakter nicht als fragil anzusehen ist). Warum sollte es dann bei der Analyse von Mediennutzungen anders sein? Warum sollte man gerade da den Menschen ihren (fragilen) Subjektcharakter absprechen und auf die Analyse der sozialen Logiken, die den verschiedenen Rezeptionsweisen zugrunde liegen, wegen normativer Annahmen verzichten?

Kurzum: Das Innovative der Neuen Kulturgeschichte liegt in der Blickerweiterung, in der Interpretationsvertiefung, der Kontextualisierung, der Erschliessung neuer Quellengruppen (zum Beispiel die Quellengruppe `Gegenstaende' aller Art), der Annaeherung an Unterirdisch-Archaelogisches, ferner in den verfeinerten Interpretionsinstrumentarien und in der Aufhebung der Fachgrenzen im Hinblick darauf, was als erkenntnisbereichernd und deshalb als erforschenswert gilt.

Schliesslich liegt sie in der persoenlichen Bereicherung der ForscherInnen, wie sie die Welt in gegenwaertiger und historischer Perspektive erfahren, sowie und in dem gewissen Kick, der Forschung freudvoll macht.

Stolpersteine

Mit der Neuen Kulturgeschichte zurecht zu kommen, ist nicht einfach. Im folgenden werden einige analytische Probleme im Zusammenhang mit der Neuen Kulturgeschichte angesprochen.

a) Ueber die Hierarchie von Aussagequalitaeten

Leicht kommt man bei der Analyse von Sinndeutungen und Symbolwirkungen in Konflikt mit `waschechten' SozialhistorikerInnen. Letztere rekonstruieren hauptsaechlich Strukturen und Handlungen an Hand von manifesten Quellenueberlieferungen. Sie koennen ihre Behauptungen belegen und quellenkritischen Rueckfragen standhalten. Laengst ist zwar der Quellenfetischismus des 19. Jahrhunderts ueberwunden und an seine Stelle sind qualitativ hochwertige Gesellschaftsanalysen getreten, aber gleichwohl ist die archivalische, solide Basis einer Arbeit noch ein entscheidendes Bewertunsgkriterium. Das ist ein grosser Plazierungsvorteil gegenueber all denjenigen, die sich auf das Minenfeld der Neuen Kulturgeschichte begeben. Welche Aussagen koennen letztere belegen oder gar beweisen? Meist nur wenige. In der Regel handelt es sich um Deduktionen, und dann auch noch vielfach um `weiche' Schlussfolgerungen. Oftmals liegt die einzige Chance darin, dass eine Schlussfolgerung plausibel erscheint. Plausibilitaet und Neue Kulturgeschichte gehoeren eng zusammen. Zwar gibt es auch in sozialgeschichtlichen Untersuchungen Deduktionen, aber bei der Neuen Kulturgeschichte sind sie nachgeradezu der Regelfall. Um der auf Deduktionen beruhenden Plausibilitaet gebuehrende Anerkennung zu verschaffen, bedarf es bei wissenschaftlichen Bewertungsverfahren erstens einer kritischen Reflexion ueber die bestehende Hierarchie von Aussagequalitaeten, zweitens einer Enthierarchisierung derselben und drittens auch eines fachspezifischen Diskurses darueber, inwieweit Plausibitaetsaussagen getragen oder toleriert und wo ggf. neue Grenzlinien sinnvoll gezogen werden sollten. Denn Plausibilitaet ist kein objektivierbarer Wert, sondern kann sich allenfalls im intersubjektiven Diskurs durchsetzen. Doch dabei kommt ein anderes Problem zum Tragen: Plausibilitaet haengt nicht zuletzt vom Vorwissen und Vorverstaendnis der LeserInnen ab. Vorwissen und Vorverstaendnis fallen unter HistorikerInnen jedoch haeufig auseinander. Ein gutes Beispiel hierfuer war und ist die Geschlechtergeschichte. Diese leidet noch heute  darunter, dass ihre zum Teil hervorragenden Analyseleistungen nicht in den Kanon des Vorwissens und Vorverstaendnisses unserer FachvertreterInnen vorgedrungen und noch immer als ein Spezialgebiet angesehen werden, das vorgeblich nur SpezialistInnen zur Kenntnis nehmen muessten. Das gleiche Problem stellt sich mit der Neuen Kulturgeschichte. Insofern sind leicht zugaengliche Reader, wie der vorliegende, wichtig, um aus der Ecke des  [exotischen] Spezialistentums herauszukommen.

Ein konkretes Beispiel sei fuer die Notwendigkeit eines erweiterten, kulturhistorisch orientierten Zugriffs auf die Geschichte genannt. Im Unterschied zu den KulturgeschichtsschreiberInnen faengt fuer SozialgeschichtlerInnen die eigentliche Modernisierung der deutschen Gesellschaft in der Bundesrepublik der 50er/60er Jahre an. Was in der Weimarer Republik an Modernisierung geschah, sei im Vergleich dazu marginal.

An der Richtigkeit dieser Aussagen kann kein Zweifel bestehen. Die Quellen `beweisen' es. Doch von den Erfahrungen der Menschen aus betrachtet, sieht die Sachlage voellig anders aus. Aus dem 19. Jahrhundert kommend, erlebten sie die 20er Jahre als eine grosse kulturelle Umbruchszeit. Die subjektiven Erfahrungen, beispielsweise mit Verkehrslaerm und Elektrizitaet oder mit Massenkultur und Konsumangeboten, die einen Rattenschwanz von Sinndeutungen, etwa ueber Vergangenheit und Zukunft, ueber Industriegesellschaft und Nationalkultur, nach sich zogen, sollten in Analysen genauso ernst genommen werden wie die `objektiven Quellen', ja gerade der widerspruchsvolle Bezug aufeinander und die analytische Vernetzung bringen neue Konturen in das Bild und erhoehen die analytische Qualitaet der Forschungsergebnisse.

b) Ueber die Gewichtung kritischer Gesellschaftsanalyse

Das Feld der Neuen Kulturgeschichte stellt aber noch andere Stolpersteine bereit, auf die man treten kann, aber nicht unbedingt muss. Gemeint ist der Verlust normativer Wertmasstaebe im Sinne einer an der (Frueh-)Aufklaerung orientierten kritischen Geschichtswissenschaft. Wer beispielsweise Mediennutzung als soziales Handeln begreift, der oder die entfernt sich mehr oder weniger in diesem Bereich von der Frankfurter Schule, die die kritische Wissenschaft in Deutschland auf diesem Feld bisher doch stark gepraegt hat, ja als Inbegriff kritischer Gesellschaftsanalyse gelten kann. Die konzeptionelle Distanzierung muss nicht zwangslaeufig eintreten, doch liegt ein solcher Schritt nahe. Horkheimer und Adorno legten grosses Gewicht auf die Analyse der Kulturindustrie, und ihre Fundamentalkritik beruhte auf den von der Kulturindustrie ausgehenden Bewusstseinsmanipulationen. Gerade diese werden aber im Zuge der cultural studies in Frage gestellt, zumindest ein gutes Stueck weit. Wer nicht stolpern will, muss notwendigerweise die kritische Analyse der Medienproduktion von der Analyse der sozialen Mediennutzung in der Geschichte (und Gegenwart) trennen. In diesem  Zusammenhang kann auf de Certeau verwiesen werden. Er begreift das Konsumieren [von Produkten] ebenfalls als soziale Handlung, ja sogar als "andere Produktion" und faehrt dann fort: "Diese ist listenreich und verstreut, aber sie breitet sich ueberall aus, lautlos und fast unsichtbar, denn sie aeussert sich nicht durch eigene Produkte, sondern in der Umgangsweise mit den Produkten, die von einer herrschenden oekonomischen Ordnung aufgezwungen werden." (Kunst des Handelns, Berlin 1988, S. 13) Kein Zweifel, die Alltagsgeschichte sowie die Geschlechtergeschichte haben das Terrain bereitet, um Subjekte und soziale Logiken analytisch ernst zu nehmen. Die Neue Kulturgeschichte tut es allemal. Wie leicht geraet aber dabei der letzte Halbsatz des Zitats ins Vergessen!

c) Ueber diverse Lesarten historischer Massenkulturtexte

Aus dem Arsenal der analytischen Probleme, die sich bei der Interpretation von Deutungsmustern und Sinngebungen stellen, moechte ich die Diversifikation von Lesarten historischer Massenkulturtexte nennen. Texte weisen in der Regel dominante Deutungsmuster auf, die allein schon oft schwierig zu erforschen sind, zumal wenn es sich um Texte aus weiter zurueckliegenden Phasen handelt und "Oral-History" nicht mehr greift. Texte haben aber in der Regel mehrere Bedeutungsebenen und Deutungsmoeglichkeiten.

Das ist aus der Literaturwissenschaft bekannt. Fuer die Analyse historischer Massenmedientexte sind das jedoch neue Zugaenge, zumindest in der historiographischen Forschungspraxis. Woher weiss ich beispielsweise, wie ein Radiosketsch von 1936 von wem in welcher Weise rezipiert worden ist? Wir sind schon froh, wenn wir die moeglicherweise dominante Lesart einigermassen plausibel rekonstruiert haben, noch schwieriger ist es jedoch, von heute aus andere Lesarten jener Zeit offenzulegen. Gerade die feministischen Analysen der Nutzung von Medien, etwa der Besuch eines Kinos im fruehen 20.Jahrhundert, zeigen, dass Kinobesuche fuer Frauen auch anderes bedeuten konnten als Tagtraeumereien und Fluchtmoeglichkeiten (Kracauer), naemlich die Erweiterung sozialer Raeume und die damit verbundene Erweiterung der Kommunikationsmoeglichkeiten, von denen in unterschiedlicher Weise Gebrauch gemacht werden konnte. Dies konnte sogar dazu fuehren, die geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen in Frage zu stellen. Doch bewegen sich solche Interpretationen notwendigerweise auf wackeligem Untergrund. Ihr heuristischer Wert liegt vor allem in der Reflexion darueber, dass die von uns heute als dominant herausgearbeitete Lesart (falls sie ueberhaupt eine zutreffende Interpretation ist) nicht die einzig moegliche ist und dass davon ausgegangen werden muss, dass die RezipientInnen die ihnen vorgesetzten Texte umdeuteten und in ihren Lebens- und Erfahrungszusammenhang einpassten, wobei dann wieder die Sozial-, Alltags- und Geschlechtergeschichte gefragt sind. Es ist gerade die wechselseitige innere Interdependenz der unterschiedlichen Zugriffe, worauf die theoretisch-konzeptionellen Ueberlegungen abzielen sollten und die Innovation der zukuenftigen Forschungspraxis basieren wird. Im Vergleich zur Zeit vor nun fast 20 Jahren, als ich zu experimentieren anfing, ist `man' heute neuen Ansaetzen gegenueber etwas offener. Wir brauchen Experimente. Selbst Stolpern kann sehr produktiv sein, weil Irritationen entstehen und dadurch Innovationen moeglich sind. Wir muessen allerdings dafuer sorgen, dass sich die betreffenden WissenschaftlerInnen dabei nicht den Hals brechen. Wird das bei uns in Deutschland gelingen? Der vorliegende Reader laesst hoffen.


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