H-Soz-u-Kult Review-Symposium:

Kultur und Geschichte. Neue Einblicke in eine alte Beziehung


Alf Luedtke, Zwischenruf(e)

1. Diskussion oder Assoziation ?

In dem Review-Symposium zu Conrad /Kessel (Hg.), Kultur & Geschichte liegen die ersten Beitraege vor: zweimal zwei "Vortraege". Im Unterschied zu dem Ablauf, den wir von Hoer- bzw. Rede-Vortraegen nur zu gut kennen, muss man im net allerdings nicht abwarten, bis ein "panel" "durch" ist und die Vortragenden ausgeredet haben. Hier kann/darf jedeR auch schon "zwischendurch" oder "sofort" reagieren.

Vielleicht hilft die Erinnerung an das Medium und seine Zeitmasse, die falsche Metaphorik nicht zu weit zu treiben. In diesem Symposium wird eben *nicht* geredet und zugehoert. Wir lesen, jedeR fuer sich. Und zumindest die practioners von oral history wissen nur zu gut um die Unterschiede zwischen Oralitaet und Literalitaet! Das meine ich nicht nur in skeptischer Absicht. Denn die Chance ist ja gerade: Das (zu rasche?) Re-Agieren per e-mail scheint "leichter" als das Reden in einer Diskussion. Seminar-Erfahrungen deuten darauf hin, dass die physisch-sinnliche Anwesenheit anderer zumindest fuer viele derer, die noch keine "alten Fahrensleute" sind, eher ein Hindernis als eine Ermunterung zur diskussiven (sic!) Teilnahme bedeutet.

Zugleich: formal ist die "note", die knappe formlose Bemerkung, sind Kuerzel und Jargon, ist (gewollte?) Munterkeit wohl Teil jenes "Vorverstaendnisses", das alle zumindest kennen, vielleicht sogar schaetzen, die e-mailen oder net-surfen.

Also Rapiditaet gegen sinnliche Wahrnehmung des/der anderen? Fuers "Verstehen" der anderen wahrscheinlich eher ein Erschwernis! Insofern ist die - eventuelle - Beschleunigung womoeglich teuer erkauft. Ein Zusammenhang der Diskussion (z.B. als Eingehen auf ein vorher geaeusserstes Argument) ergibt sich ja nicht nur aus inhaltlichen Gruenden oder Motiven der DiskutandInnen. Das Arrangement von Vortrag oder Seminar spiegelt und betont gleichermassen Anspruch wie Anreiz, sich (zumindest verbal) aneinander zu reiben, also mit- oder gegeneinander zu diskutieren. Und das heisst auch: die allueberall spriessenden Komplexitaeten und Gleichzeitigkeiten in verbale Einzelfaeden "aufzudroeseln". Im net scheint das Assoziieren oder  "Weiterspinnen" naeher zu liegen. (Uebrigens auch in der Form, dass ich "einschreiben" kann - also z.B. einen der Vortrage mit meinen Zwischenbemerkungen versehe und den derart erweiterten Text zurueck- oder herumschicke. so dass z.B. das Referieren dessen entfaellt, was man im folgenden geisseln oder preisen will). - Dass Diskutieren und Assoziieren keine strikten Gegensaetze meinen: d'accord! Mir kaeme es freilich darauf an, die Chancen des Assoziierens und "Zwischenschreibens" nicht durch die - ich wiederhole es, falsche - Metaphorik auszublenden oder daempfen zu wollen.

2. Neu-Gewichtungen

Adelheid von Saldern zitiert in ihren Bemerkungen (natuerlich frage ich mich hier en passant: sollte ich ein wertendes/lobendes Adjektiv einbeziehen? Denn ich faende es "eigentlich" angemessen und inhaltlich mehr als berechtigt anzudeuten, dass ich ihr Stueck fuer einen sehr anregenden und nuetzlichen Text halte - aber gehoert das hierher, ist das diskutierendem Assoziieren angemessen? Oder ist das nur eines jener schlecht-alten rituellen Elemente von academia, die Ute Daniel - in ihrem ebenfalls sehr anregenden Text - so pointiert beim Namen nennt?) - doch zurueck: A. von Saldern zitiert de Certeau. Es geht um die Praxis dessen, was manche "Aneignung" nennen (ich selbst in Anlehnung an Marx, bei ihm in den oek-phil. MSS). A. von Saldern verweist darauf, dass der letzte Halbsatz der de Certeau-Formulierung haeufig vergessen werde (Jetzt schaue ich uebrigens ihren Text im Ausdruck nach - dazu ist mir das Hin- und Herschalten zu unuebersichtlich, der printtext handlicher, schlicht angenehmer und zuverlaessiger). Es geht de Certeau um die "...*Umgangsweise* mit den Produkten, die von einer herrschenden oekonomischen Ordnung aufgezwungen werden" (de Certeau, Kunst des Handelns, S. 13). Vergessen werde - so von Saldern - in den Analysen, die sozial-*kulturelle* Deutungen und Alltagspraktiken ins Zentrum ruecken, dieser letzte Halbsatz ueber die "herrschende... Ordnung". ABER: Mir scheint eine der Pointen der (er)erneu(er)ten Aufmerksamkeit auf Motive und Formen, (symbolischen) Bedeutungen und Folgen von "Umgangsweisen mit...", dass sie genau jene Hierarchie der "herrschenden... Ordnung" irritiert und unterminiert!

Fuer mich gibt Kristin Ross in dem Auschnitt aus ihrem Buch "Fast Cars, Clean Bodies", den die beiden Hgs. in "Kultur & Geschichte" erfreulicherweise bringen, eine Fuelle von Anregungen, wie sich "herrschende" Ordnung(en) als *Resonanzen* neu buchstabieren lassen. Ross erkundet Praktiken und Bilder haeuslich-privater "Sauberkeit" im Frankreich der 1950er und bezieht sie auf Folter- und Toetungspraktiken im Algerienkrieg. Dabei geht es nicht um "herrschende" Momente, wohl aber um Resonanzen, die zwischen Erfahrungen und Deutungen des Alltags von Frauen "hier" mit solchen des Alltags von Maennern (Ehemaenner, Soehnen...) "dort" zu erkennen sind. Vielleicht oeffnet sich damit ein (in der Tat mehrschichtiges) Feld - jenseits jener Suche nach "letztlich" bestimmenden Fakoren, damit aber entschieden "dichter" an jenen Dynamiken, die Vergangenheit wie Geschichte bestimmen.

3. Plausibilitaet

Adelheid von Saldern macht sehr zurecht darauf aufmerksam, dass die Plausibilitaet von Begriffen, Sichtweisen (z.B. "Kultur", aber auch Geschlechter- und/oder Alltagsgeschichte) nicht eindeutig ist. Sie setzten sich bzw. wuerden durchgesetzt "im intersubjektiven Diskurs". Das scheint mir zu eng. Ich habe den Eindruck, damit werden jene Seiten des "field of forces" sozial-kultureller Praxis unterschaetzt, die "Diskurse" - zumindest die in der common sense-Verwendung des Wortes (dazu ja Schoettler in GG 1997) ermoeglichen oder blockieren.

Ich halte es dabei fuer besonders spannend, dass eine anthropologisch informierte Wissenschaftsgeschichte zeigt (z.B. Peter Reill, zur Parallelitaet von mechanistischen und vitalistischen Naturbildern in der Spaetaufklaerung), dass es eben nicht allein "intersubjektive Diskurse" sind oder waren, die bestimmte Interpretamente ermaechtigten, andere aber ausschalteten. Verkehrskreise, mit ihren Mischungen von Interessenkalkulationen mit Sym- und Antipathien bzw. emotiven Ladungen, aber auch symbolische Deutungen und (akademische) Rituale: Sie haben offenbar die Plausibilitaet von Naturvorstellungen mindestens ebenso nachdruecklich geformt wie Diskurse.

Vermutlich gibt es hier kaum Dissenz. Interessant ist vielleicht eher, wie es gelingen kann, das weitere *Oeffnen* der Perspektive(n) auch terminologisch so zu signalisieren, dass z.B. ein Begrenzen auf nur kognitive Leistungen (in Diskursen) ausgeschlossen ist.

4. Text ? - Pluralitaet der Texte !

Ute Daniel fordert nachdruecklich und mit besten Gruenden, die "Stilkonventionen der deutschen Wissenschaftssprache" zu aendern - der "Spassgehalt" moege doch zumindest ueber Null liegen: schoen waer s in der Tat!

ABER: die Forderung nach zumindest lesbaren, also entschlackten etc. Texten ist doch nur das eine. Kulturwissenschaftliche Neugier auf unkonventionelle(re) Schreibformen reicht m.E. ueber "gute Texte", Reduzierung der Devotions-Gesten und eine unverkrampfte Schreibe um einiges hinaus.

Und dabei wird es rasch auch haariger: Wie steht es mit der Erwartung nach einem durchlaufenden Text (von den master narratives einmal ganz zu schweigen, die - Eurozentrismus und.. und... - in sehr unterschiedlichenTextformen daherkommen koennen)? Sind Collagen, bei denen die organisierende Hand sehr erkennbar bleibt oder wird - wie bei Peter Fritzsches "Reading Berlin 1900", Harvard UPr 1996 - noch tolerabel? Wie steht es damit bei Pruefungs- und Qualifikationsarbeiten? Oder wird es erst unakzeptabel (bzw.: fuer wen?), wenn die einheitliche und geordnete Druck-Seite, mit Haupttext und evtl. Fussnoten, aufgebrochen wird - wenn zwei oder drei Textstraenge parallel laufen und ein rasches Hin und Her, aber auch Kreuz und Quer zwischen den "Stimmen" erlauben oder erleichtern?Hier waere das Beispiel Richard Price "First-Time. The Historical Vision of an Afro-American People", Baltimore/London 1983. Oder wie steht es mit dem Spiel, das Hans Ulrich Gumbrecht (freilich, kein Historiker...) mit Systematisierungswut oder -lust, aber auch der Verwirrung bisheriger Ordnungen durch "Moderne" vorfuehrt? Ich meine seine in vier Schnitten angelegte Mini-Encyclopedie, mit ihren jeweils alphabetisch geordneten und interkontinental ausgelegten Panoramen zu 1926 bzw. den spaeten 1920ern: "In 1926. Living at the Edge of Time" (1997 bei Harvard UPr).

Diese Seite der Medaille fehlt auch ganz bei Conrad & Kessel. Sie ist aber nicht nur eine Neben-Frage, die man "ja immer noch angehen" kann - wenn man denn "erst mal geforscht" und gedeutet hat. Hier gilt doch, dass die Vorstellung von den Texten (und, in der Tat, Bildern!!), die wir nutzen, von der ueber den Text, den wir produzieren, nicht zu trennen ist.


Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>

From: "Alf Luedtke" <Luedtke@MPGS-NTS1.mpi-g.gwdg.de>
Subject: Zwischenruf(e)
Date: 21.5.1998


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