Kultur und Geschichte. Neue Einblicke in eine alte Beziehung
Achim Landwehr, Frankfurt a.M.
Es gehoert zum guten akademischen Ton, ein neues Etikett, das auf der wissenschaftlichen Bildflaeche erscheint, zunaechst einmal vorsichtig und distanziert zu betrachten, bevor man sich eingehender mit ihm beschaeftigt.
.Es gilt zunaechst einmal zwischen Vor- und Nachteilen abzuwaegen, zwischen Entwicklungsmoeglichkeiten und Defiziten, um am Ende ja nicht feststellen zu muessen, dass man auf das falsche Pferd gesetzt hat.
Der Neuen Kulturgeschichte (wobei ich hierunter die engere deutsche Debatte verstehe, nicht alle theoretischen Referenzen - Postmoderne, Bourdieu, Konstruktivismus etc. -, die regelmaessig herangezogen werden) geht es da nicht anders. Seit sie vor einigen Jahren auftauchte und seitdem die Gemueter beschaeftigt, wird versucht, sie auf Pro und Contra hin abzuklopfen - dieses Review-Symposium ist ein Exempel dafuer.
Sowohl bei einem kursorischen Blick ueber die Diskussion der vergangenen Jahre als auch bei der Lektuere der Beitraege zum Symposium faellt auf, dass ein gewisses Unbehagen beim Umgang mit dem Etikett "Kulturgeschichte" nicht abklingen will. Die positiven oder zumindest potentiell positiven Entwicklungsmoeglichkeiten werden immer wieder hervorgehoben, von neuen Fragestellungen ist die Rede, von ungeahnten theoretischen Zugriffen undmethodischen Konzeptionalisierungen. Eine richtiggehende Aufbruchstimmung macht sich (einmal mehr) breit. Man ist geradezu versucht, Roman Herzogs "Ruck" zu bemuehen, um die Situation zu charakterisieren.
Und doch folgt dieser Schilderung neuer kulturhistorischer Horizonte nahezu zwangslaeufig das grosse "Aber". Denn irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem sich die Frage stellt, was es mit "Kultur" und neuer "Neuer Kulturgeschichte" auf sich hat, und man wohl der Ehrlichkeit halber feststellen muss, dass es auf begrifflicher Ebene nebuloeser kaum noch geht.
Ute Daniel spricht in ihrem Beitrag von einem schwarzen Loch, das alles aufsaugt, Adelheid von Saldern entdeckt sogar ein Minenfeld und auch die Metapher vom duennen Eis des Kulturbegriffs, auf das man sich lieber nicht begeben wolle, wurde hier und dort bereits vernommen.
Die Schwierigkeit, die sich mit dem allumfassenden Kulturbegriff verbindet, liegt in der Tatsache begruendet, dass mit einem Mal alles Kultur ist und zahlreiche HistorikerInnen - die bisher moeglicherweise nicht im Traum daran gedacht hatten - sich die Frage stellen muessen (oder duerfen):
Machen wir nicht alle Kulturgeschichte? Ja, haben wir nicht alle schon immer Kulturgeschichte betrieben? Zugegebenermassen eine etwas zugespitzte Schlussfolgerung, doch wenn man Revue passieren laesst, wer nicht alles unter der Fahne der Neuen Kulturgeschichte segelt, erscheint sie nicht gaenzlich abwegig.
Zweifelsohne hat der kulturhistorische Ansatz neue Fragestellungen aufgeworfen, die wiederum neue theoretische und methodische Instrumentarien erforderten. Aber es bleibt fraglich, ob sich die Neue Kulturgeschichte (wo man sie personell und geographisch auch immer verorten will) einen Gefallen damit tut, die Tore fuer alle weit zu oeffnen, um anschliessend feststellen zu muessen, dass sie mit dem Andrang nicht mehr fertig wird.
Wenn die Neue Kulturgeschichte weiterhin die Moeglichkeit neuer Orientierungen bieten moechte, waere es unablaessig, das begriffliche, methodische und theoretische Instrumentarium zu schaerfen, um die Chancen, die sie bietet, auch weiterhin zu nutzen und vor allem fuer andere nutzbar zu machen. Doch meine Befuerchtung ist, dass es fuer eine solche Entwicklung bereits zu spaet ist, so dass sich die Neue Kulturgeschichte unter Umstaenden in zahlreiche Sub-Kulturgeschichtswissenschaften aufspalten bzw. sich denjenigen TheoretikerInnen zuwenden wird, die ohnehin bereits gewisse Vorreiterrollen spielten, ohne jedoch im Ungefähren zu versinken.
Moeglicherweise wird am Ende aber auch die ernuechternde Feststellung stehen, dass wir eine Neue Kulturgeschichte nicht brauchen, wenn ohnehin ueberall Kultur ist. Vielleicht dient der Kulturbegriff der "scientific community" doch nur als neues Etikett, mit dem sich jahrelang trefflich streiten, diskutieren und nebenbei auch noch ein neuer Projektantrag begruenden laesst. Doch schliesslich: Wer wollte sich darueber ernsthaft beschweren. Was kann sich ein Wissenschaftszweig denn Schoeneres wuenschen als (inhaltlich konstruktive) Diskussionen, die Bewegung in die Sache bringen - und wenn damit auch noch neue Forschungsvorhaben finanziert werden koennen, um so besser.
Achim Landwehr
Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>
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