H-Soz-u-Kult Review-Symposium:

Kultur und Geschichte. Neue Einblicke in eine alte Beziehung


Eine "nachholende" Diskussion: Transatlantische Anmerkungen zur Debatte ueber die neue Kulturgeschichte

von Konrad H. Jarausch, Chapel Hill und Potsdam <jarausch@zzf-pdm.de>

In den Vereinigten Staaten verliert die Auseinandersetzung um die neue Kulturgeschichte gegenwaertig an Schaerfe und weicht einer pragmatischeren Einschaetzung ihrer Moeglichkeiten und Grenzen. Zwar wirbeln die "culture wars" um "political correctness" immer noch einigen Staub auf, aber die Formulierung der Programme postmoderner Theoretiker in Frankreich oder marxistischer Kulturhistoriker in England liegt bereits zwei Jahrzehnte zurueck. Auch die wachsende Anerkennung der "cultural studies" als ein interdisziplinaeres Programm an den Universitaeten mildert die Virulenz der Kontroversen, weil sie ein eigenes Forum fuer kulturell argumentierende Gesellschaftskritiker schafft, ohne die traditionelleren Methoden der Geistes- oder Sozialwissenschaften generell in Frage zu stellen. Auch bei den Historikern scheint der Hoehepunkt der programmatischen Kontroversen um Postmoderne, Poststrukturalismus und "linguistic turn" ueberschritten zu sein und die Diskussion sich eher den Problemen einer praktischen, fallbezogenen Anwendung zuzuwenden, wenn man die repraesentative Einfuehrung von Joyce Appelby, Lynn Hunt und Margaret Jacobs "Telling The Truth About History" als Indikator nimmt.

In der Graduiertenausbildung hat sich an den meisten fuehrenden Universitaeten die neue Kulturgeschichte in den Lektuereplaenen der Methodenkursen durchgesetzt, auch wenn weiterhin einige ihrer Kritiker wie die formidable Gertrude Himmelfarb zu Wort kommen. Konnte man vor einem halben Jahrzehnt intensive Diskussionen zwischen neo-Rankeanischen Vertretern einer Politikgeschichte und strukturell argumentierenden Proponenten einer Gesellschaftsgeschichte mit an postmodernen Theorien interessierten Studierenden erleben, haben letztere mittlerweile eine hegemoniale Position errungen. Es ist geradezu schwierig geworden, manche von Foucault, Raymond Williams oder Geertz usw. beeinflussten Doktoranden von der Wichtigkeit der Methoden einer klassischen Quellenanalyse oder Techniken der statistischen Auswertung zu ueberzeugen. Die kommende Generation amerikanischer Historiker wird bereits stark von den Ansaetzen der neuen Kulturgeschichte beeinflusst, obwohl noch abzuwarten bleibt in wie weit es ihnen gelingen wird, dieses Programm in eigene weiterfuehrende Monographien umzusetzen. Demgegenueber scheint der Diskussionsstand in Deutschland ein ganz anderer zu sein, da dort die teils methodologisch, teils politischen Lager der Politikgeschichte oder Gesellschaftsgeschichte weiterhin die Lehrstuehle dominieren. Allerdings hat sich auch hier in den letzten Jahren jenseits der alten Frontlinien mit Hilfe von ueberzeugenden Forschungsergebnissen der Alltagsgeschichte und der theoretischen Anregungen von Kollegen in Nachbarfaechern wie der Kulturanthropologie ein reges Interesse an der neuen Kulturgeschichte entwickelt. Die Diskussionsbeitraege in "Geschichte und Gesellschaft", der Methodenueberblick von Ute Daniel in "Geschichte in Wissenschaft und Unterricht" sowie die neuen Sammelbaende von Hans-Ulrich Wehler und Wolfgang Hardtwig sowie Thomas Mergel und Thomas Welskopp legen ein beredtes Zeugnis von der groesseren Aufmerksamkeit ab, die diesen Ansaetzen nunmehr entgegengebracht wird. Auch die gut informierten und differenziert argumentierenden Beitraege zu diesem Symposium zeigen eine wachsende Souveraenitaet im Umgang mit diesem komplexen Thema.

Dennoch ist es in Deutschland bisher nur eine Minderheit, vor allem in der juengeren Generation, die sich auf solche methodologische Experimente einlassen mag. Die zensierenden Anmerkungen von Hans-Ulrich Wehler zeigen beispielhaft, dass fruehere Innovatoren der Sozialgeschichte versuchen, die Kulturgeschichte eher begrenzt in ihre bestehendes Paradigma zu kooptieren als sie in ihrer ganzen widerspruechlichen Vielfalt zuzulassen. Der Titel einer hoechst interessanten Tagung an der Arbeitsstelle fuer Vergleichende Gesellschaftsgeschichte der FU Berlin ist bezeichnend fuer diese Ambivalenz, denn es sollte um "Strukturgeschichte und Kulturalismus", nicht etwa um "Strukturalismus und Kulturgeschichte" gehen, er wertete also das kulturelle Interesse schon in der Formulierung ab. Von einzelnen ruehmlichen Ausnahmen wie Alf Luedtke und Adelheid von Saldern abgesehen, verhaelt sich die deutsche Zunft daher mehr rezipierend, und auch der weitgespannte Schlussvortrag von Lothar Gall auf dem Muenchener Historikertag von 1996 macht durch seine Anlehnung an deutsche kulturanthropologischen Vorlaeufer deutlich, wie schwierig es zu sein scheint, in der internationale Debatte um die "new cultural history" eine eigenstaendige Stimme zu entwickeln.

I. In einem solchen Diskussionsklima leistet der Band ueber "Kultur und Geschichte" einen wichtigen Beitrag zur Klaerung der Begriffe, Exemplifizierung von theoretischen Ansaetzen und Illustration von Anwendungsbeispielen. Die Herausgeber Christoph Conrad und Martina Kessel hatten schon vor einigen Jahren Aufsehen erregt mit einem ersten Band ueber die "Postmoderne", der mittlerweile ein fester Bestandteil der Lektuere in Proseminaren geworden ist. Ihr neuer Reader spiegelt den Fortschritt der Diskussion, indem er eher inhaltlich als programmatisch argumentiert, also die Implikationen des historischen "Blickwechsels" anhand der Historisierung der Moderne aufzeigt. Vor allem die einleitende Darlegung multipler Bedeutungen des Kulturbegriffs, der von Sinnproduktion ueber Identitaetsbildung zu Gegenstandsbereichen oder zusammenhaengenden Lebensweisen reicht, hilft, eine Reihe von verbreiteten Missverstaendnissen im Umgang mit einem konstruktivistischen Geschichtsverstaendnis zu vermeiden. Die Darstellung der theoretischen Anregungen ist breitgefaechert, denn sie bietet den Klassikerdiskussionen um die Jahrhundertwende ebenso Raum wie neueren kulturanthropologischen, linguistischen, post-marxistischen und feministischen Stroemungen. Auch die Bemerkungen um Kulturgeschichten betonen die Stellung anderer Fragen und die Oeffnung neuer Themenbereiche, die sich einer ordnenden Synthese entzieht und eine Suche nach neuen Darstellungsformenn ausloest.

Die einzelnen Beitraege des Sammelbandes bieten dann eine tour d'horizon durch verschiedene Ebenen der Geschichtsphilosophie, Methodenreflexion und Praxiserfahrung. Der Foucaultsche Essay ueber Nietzsche versucht die Geschichtsschreibung von metaphysischer Sinngebung zu befreien, um sie als "Genealogie" durch Parodie und Possenspiel, Aufloesung der Identitaet und Opferung des Erkenntnissubjekts zum kritischen "Gegengedaechtnis" zu machen. Das zum Klassiker gewordene Vorwort des Literaturwissenschaftlers Edward Said beschreibt den Orientalismus als eine "westliche Projektion auf den Orient", die einer wissenschaftlich erscheinenden, aber im Kern rassistischen Rechtfertigung europaeischer Vorherrschaft ueber den Rest der Welt diente. Schliesslich bietet Eric Hobsbawms viel zitierte Einleitung ueber die "Erfindung der Traditionen" eine mittlerweile fast schon zum Klischee gewordene Erklaerung, welche die "invented tradition" als Reaktion auf die Verunsicherung rapiden gesellschaftlichen Wandels, also als Produkt einer galoppierenden Moderne interpretiert. Die nochmalige Lektuere solcher Klassikertexte bietet vor allem die Chance, ihr eigentliches Anliegen von ihrer vergroebernden Popularisierung zu befreien.

Die Methodentexte versuchen dagegen zwischen den programmatischen Aussagen und der Umsetzung in der Forschungspraxis zu vermitteln. Alain Corbins Plaedoyer fuer eine anthropologisch inspirierte Geschichte der Sinneswahrnehmung ist eine komplexe Reflexion ueber die Schwierigkeiten und Chancen eines solch diffizilen Unterfangens. Peter Jelavichs Aufsatz bietet eine entwaffnende Darstellung der intellektuellen Entwicklung eines praktizierenden Kulturhistorikers von sozialhistorischen Strukturansaetzen hin zu pragmatischen Experimenten mit post-strukturalistischen und dekonstruktivistischen Theorien, die der Dezentriertheit moderner Massenkultur angemessener zu sein scheinen als der heroische Ordnungsversuch der Gesellschaftsgeschichte. John Toschs Beitrag dreht die feministische Perspektive der "gender studies" radikal um und bietet eine differenzierte Diskussion der Entwicklung des viktorianischen Maennlichkeitsideals in dem England der Jahrhundertwende, macht also den im Paternalismus vorausgesetzten Maennlichkeitsbegriff selbst zum Objekt historischer Analyse. Auch fuer Historiker, die nicht an den gleichen Problemen arbeiten, sind diese Versuche anregende Exempel der vielfaeltigen Moeglichkeiten, die Ansaetze der neuen Kulturgeschichte dem Historiker bieten.

Demgegenueber fallen die konkreten Forschungsbeispiele leider etwas ab, da sie sich mehr auf engere Gegenstandsbereiche von Kultur als auf breitere kulturelle Perspektiven beschraenken. Robert Darntons Herauspuzzeln der "Erkenntnistheoretischen Strategie der Enzyklopaedie" ist eine souveraene Etude der Textintepretation und eine virtuose Ideengeschichte; Elisabeth Bronfens feministische Analyse des Gemaeldes "Vorbereitung einer Autopsie" setzt klassische kunstgeschichtliche Methoden in einer etwas veraenderten Sprache fort; Stephen Kerns Versuch ueber den "kubistischen Krieg" besteht teils aus sozialer Militaergeschichte, teils aus kunst- und literaturgeschichtlichen Metaphern, welche sich nicht immer zusammenfuegen lassen.... Dagegen benutzt Simon Schamas brillante Einleitung zu dem Thema Landschaft und Erinnerung ein traditionelles Sujet der Landschaftsmalerei, um die komplexe Genese des kultivierten Blicks auf die Natur zu eruieren; die etwas atemlose Darstellung der Morgue, des Wachsfigurenkabinetts und des Panoramas von Vanessa Schwartz erschliesst immerhin ungewoehnliche Gegenstaende und Kristin Ross Essay ueber den Hausputz stellt gewagte Fragen ueber die Funktion von Folter im franzoesischen Algerienkrieg. Wenn diese etwas willkuerlich gewaehlten Beispiele nicht truegen, gibt auch eine anregende kulturgeschichtliche Programmatik keine Garantie fuer eine erfolgreiche Umsetzung in der Forschungspraxis.

II. Dies ist ein Band, der produktive Irritationen ausloesen will. Eine Rezension von Clemens Pornschlegel im Berliner "Tagesspiegel" vom 3. Mai 1998 deutet darauf hin, dass dieses Ziel nur zum Teil erreicht wird. Die Bewertung des Rezensenten, dass es sich dabei um ein "unfreiwilliges Unglueck handelt," denn "die Texte werden ersichtlich weder durch ein gemeinsames historisches, philosophisches oder soziologisches Problem noch durch eine theoretische Grundlage zusammengehalten", identifiziert eher ungewollt ihre Andersartigkeit, ihre Differenz von der etablierten Politik- oder Gesellschaftsgeschichte. Dieses Urteil ist problematisch, da es die Praemissen der konventionellen Forschung auf die neue Kulturgeschichte anwendet und so zu dem nicht besonders ueberraschenden Schluss kommt, dass diese nicht in diejenigen Kategorien passt, die sie sprengen will! Gerade bei der spielerischen und vielfaeltig gebrochenen Postmoderne traegt der Vorwurf der Beliebigkeit eines "unfolgsamen, bunten und kreativen aber zuletzt doch methodologischen Paradigmas" nicht besonders weit, denn er setzt eben die Ordnung der Moderne voraus, die von den Kulturhistorikern nicht mehr als verbindlich akzeptiert wird.

Ein Kardinalproblem in der Beurteilung der neuen Kulturgeschichte, das teils in der Sache selbst, teils aber auch in ihrer oft polemischen Programmatik begruendet zu sein scheint, ist die Frage der Beweisbarkeit ihrer Schlussfolgerungen. Aus dieser Sicht geschriebene Texte argumentieren zumeist weniger mit Zitaten aus offiziellen Quellen oder mit amtlichen Statistiken als mit Anspielungen, literarischen Sentenzen, kuenstlerischen Bildern oder Metaphern, die oefter Assoziationsketten hervorrufen, als dass sie eindeutige "Beweise" lieferten. Von der neuen Kulturgeschichte werden Hypothesen und Schlussfolgerungen suggeriert, illustriert oder dramatisiert, aber nur selten durch klassisches historisches Quellenmaterial untermauert. Die Argumentation zeigt logische Spruenge, Ueberraschungen und spielerische Leichtigkeit, setzt sich also ueber die Notwendigkeit von Stringenz hinweg und versucht, sich gerade durch ihre Vielschichtigkeit und Bruechigkeit der Komplexitaet der Vergangenheit zu naehern. Diese Art von Gedankenfuehrung verwendet eine andere Art der Plausibilitaet (siehe den Rezensionsaufsatz von Georg Iggers der in GG erscheinen wird), die nicht der naturwissenschaftlichen Logik folgt sondern die Widerspruechlichkeit von Entwicklungen bestehen lassen will. Allerdings kann eine einfache Deklaration der eigenen ideologischen Position ("positionality") nicht genuegen, um eine historische Aussage glaubhaft zu machen.

Auch das neuartige Vokabular, die anderen Referenzpersonen und nicht-lineare Darstellungsformen irritieren diejenigen Leser, die nach dem "gesunden Menschenverstand" in allgemeinzugaenglicher Sprache geschriebene Erzaehlungen erwarten. Poststrukturalistische Analysen verwenden, wie die Rezension von Lutz Musner zeigt, eine komplexe aus der Linguistik entlehnte Ausdrucksweise, welche dem nicht eingeweihten Leser unzugaenglich bleibt. Auch der obligatorische Katalog von Verbeugungen vor neuen Autoritaeten wie Lyotard, Saussure, usw. den Ute Daniel aufs Korn nimmt, traegt zu dem Verfremdungseffekt bei, besonders weil die Kernbegriffe und Argumente dieser Vordenker den praktizierenden Historikern in Deutschland nur selten bekannt sind. Schliesslich sind es auch die nicht-narrativen Darstellungsformen, die sich sowohl von Meistererzaehlungen als auch von ueberschaubaren sozialwissenschaftlichen Analysen abheben, welche immer wieder ihr Verstaendnis erschweren. Der Preis der Befreiung von restriktiven Konventionen ist manchmal eine Begriffsbarriere und eine neue Unuebersichtlichkeit.

Gleichzeitig sorgt die inhaerente Unschaerfe des Kulturbegriffs immer wieder fuer Irritationen unter skeptischen Historikern. Statt sich auf ein klar umrissenes Gebiet der Hochkultur wie Philosophie, Literatur, Theater, Kunst oder Musik zu beschraenken hat sich der Gegenstand der neuen Kulturgeschichte immer weiter ausgeweitet, so dass er zu verschwimmen beginnt, wodurch immer breitere Gebiete der Vergangenheit anscheinend zur Kultur werden. Zwar deutet der nicht unberechtigte Vorwurf der Begriffsinflation auf einen tatsaechlichen Bedeutungswandel, der nunmehr auch Populaerkultur und Lebensweisen mit einschliesst. Aber auch wenn die Akzentverschiebung zur "popular culture" manchen gehobenen Stilvorstellungen missfaellt, spiegelt das wachsende Interesse an der kommerzialisierten Populaerkultur eine der zentralen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts wieder, die der historischen Erklaerung bedarf. In einer immer mehr aus Fernsehbildern, elektronischen Daten und Soundbytes bestehenden Welt ist die Erforschung dieser neuen Medien und Kommunikationsformen eine unumgaengliche Notwendigkeit.

Der eher anthropologische Gebrauch des Kulturbegriffs, der auf Lebenswelten und Lebensweisen abhebt, weist auf eine weitere zentrale Problematik der neuen Kulturgeschichte hin, naemlich den fundamentalen Unterschied von Kultur als separatem Gegenstandsbereich zu Kultur als umfassender Perspektive. In vielen Debatten um die "new cultural history" geht es weniger um die Erforschung von Erscheinungen der Hoch- oder der Populaerkultur, als um einen kulturellen Blick auf die Vergangenheit, der Deutungen, Identitaeten oder Interaktionsmuster bezeichnet, die in einer auf Macht zentrierten Politikgeschichte oder einer strukturell argumentierenden Gesellschaftsgeschichte unterbelichtet geblieben sind. Man koennte den ganzen Laerm um die neue Kulturgeschichte ignorieren, wenn es nur um einen Methodenstreit innerhalb eines begrenzten und oft marginalisierten Spezialgebietes ginge. Aber die eigentliche Provokation dieses Paradigmenwechels liegt geradezu in dem generalisierenden Anspruch der neuen Kulturgeschichte einen andersartige Perspektive auf die Vergangenheit zu bieten, die sich staerker auf Erfahrungen oder Erinnerungen von Menschen konzentriert, um dadurch alte Fragen der Macht und Ungleichheit neu zu thematisieren. Es ist dieser Aspekt, der die groesste Herausforderung an die Geschichtsschreibung darstellt und daher auch den meisten Widerspruch hervorruft.

Daher leidet die deutsche Debatte ueber die neue Kulturgeschichte auch etwas daran, dass sie, um Habermas abzuwandeln, weitgehend eine "nachholende" Diskussion ist. Die meisten Anstoesse kommen von aussen, von durch amerikanische Wissenschaftler rezipierten franzoesischen Theoretikern, deren fruehere deutsche Wurzeln entweder verschuettet oder problematisch geworden sind. Weil sie aus anderen sozio-politischen Kontexten entstanden sind, sprechen sie nicht direkt das Problembewusstsein hiesiger Intellektueller an, auch wenn ihre Fremdheit ihnen manchmal einen gewissen esoterischen Charme verleihen mag. Waehrend die meisten progressiven Denker in Deutschland in Folge des Holocaust-Traumas immer noch dem Projekt einer aufklaererischen Moderne verhaftet sind, wird dieses Leitbild vor allem in Amerika scharf als universelle Bemaentelung der Hegemonie elitaerer weisser Maenner angegriffen, um die Identitaet vermeintlich oder wirklich unterdrueckter Minderheiten zu staerken. Obwohl feministische und multikulturelle Stroemungen auch hierzulande an diese radikale Agenda anknuepfen koennten, scheinen die zentralen Werte der modernen Gesellschaft noch weit weniger umstritten zu sein. Deswegen ist hierzulande leichter, aus einer gewissen Abwehrhaltung heraus die neue Kulturgeschichte als Modestroemung abzuqualifizieren.

Aus transatlantischer Sicht macht die deutsche Debatte daher einen eigentuemlich zeitversetzten und selbstbezogenen Eindruck. Da die Auseinandersetzung mit den post-strukturalistischen Theoretikern in weiten Kreisen der Historikerschaft ueberhaupt noch nicht stattgefunden hat, bleibt die Uebersetzung und Praesentation der Texte von Klassikern der Postmoderne notwendig und legitim. Obwohl andere Kollegen besser informiert sind und hervorragende Arbeiten schreiben, die auch von internationalen Fachleuten ihres Arbeitsgebietes geschaetzt werden, erregen ihre Beitraege kaum Aufmerksamkeit in der englischsprachigen Methodendiskussion. Das Argument der Holocaustleugnung fungiert dagegen generell als Beleg fuer die Gefahr postmoderner Beliebigkeit, ohne zu bedenken, dass eine kulturelle Erforschung der Rassendiskurse vielleicht zur Erklaerung des sonst Unerklaerlichen beitragen koennte. Erst wenn aus der von Gerhard Oexle immer wieder geforderten Anknuepfung an die grossen kultursoziologischen Denker der Jahrhundertwende wie Weber und Simmel eine eigenstaendige Stimme entsteht, wird die neue Kulturgeschichte in Deutschland ueber das Stadium der Rezeption hinausgekommen sein. Trotz vieler ermutigender Beispiele in einer sich rasch entwickelnden deutschen Fachliteratur ist es bis dahin noch ein weiter Weg.

Sinn der Debatte um Kultur und Geschichte ist eine konstruktive Irritation der Historiker, die nicht nur die kleine Gruppe der bereits Interessierten sondern auch bisher skeptischere Kollegen erreicht. Dabei geht es nicht um die Durchsetzung eines neuen, an einem autoritativen Denker wie Weber oder Bourdieu festzumachenden Ansatz, sondern um eine kreative Oeffnung fuer eine Vielfalt intellektueller Experimente in der Erkundung der Vergangenheit als einem fremden Land, um ein angelsaechsisches Klischee zu wiederholen. Im Gegensatz zur Rankeschen Tradition der Politikgeschichte oder dem Bielefelder Entwurf der Gesellschaftsgeschichte bietet die neue Kulturgeschichte kein geordnetes Paradigma sondern eine breite Palette von unterschiedlichen Ansaetzen wie "historische Kulturwissenschaft", "Alltagsgeschichte", oder den "linguistic turn", die miteinander konkurrieren. Die wichtigen Beitraege zu diesem Sammelband zeigen, dass ein Eingehen auf diese Herausforderung nicht zu einem historischen Feuilletonismus fuehren muss, sondern den Blick fuer andere, zu lange vernachlaessigte Dimensionen der Historie schaerfen kann. Eine kulturgeschichtliche Perspektive kann keine fertigen Systeme anbieten, sondern sie muss weiterhin irritieren, um produktive neue Impulse zu vermitteln.


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