Kultur und Geschichte. Neue Einblicke in eine alte Beziehung
von Andreas Ernst, Zürich
Was ist dieses kleine gelbe Reclam-Bändchen eigentlich? "Kultur & Geschichte" steht als Titel darauf und "Neue Einblicke in eine alte Beziehung". Ein Tagungsband ist es nicht, das sieht man schnell. Die Beiträge sind alle schon einmal anderswo erschienen, in Zeitschriften, Herausgeberbänden und Monographien. Der älteste datiert von 1974, die Mehrzahl ist Mitte der 1990er Jahre erschienen. Die meisten Autoren können wohl als prominente Vertreter ihrer Disziplinen und Ansätze gelten. Eine Einführung in Theorien der Kulturgeschichte ist es auch nicht, dafür ist der Aufbau zuwenig systematisch und kaum didaktisch. Um eine Spezialistendiskussion kann es sich auch nicht handeln, denn die angesprochenen Themen und Ansätze sind sehr weit gestreut, und es fehlt eine fokussierende Debatte.
Was vorliegt, lässt sich vielleicht am ehesten mit einem "Sampler" vergleichen, wie wir sie aus der Musikindustrie kennen: Eine (repräsentative) Zusammenstellung einer Stilrichtung bzw. eines Interpreten bzw. die Wiederverwertung bestehender Materialien zu einem neuen Ganzen. Sampler sind ein Produkt (und manchmal ein Ausweg) aus der Unübersichtlichkeit und Fülle, die gewachsen ist, weil nicht nur viele vieles günstig konsumieren, sondern auch viele vieles billig produzieren können. Wir alle halten deshalb Ausschau nach Begriffen und Identitäten, nach Wegweisern und Landkarten, die den Dingen einen Namen geben und einen Ort zuweisen. Man "sampelt", um Überblicke zu ermöglichen oder neue, überraschende Konfrontationen zu probieren.
Beide Bedeutungen des Wortes treffen auf das Reclam-Bändchen zu: Die versammelten Aufsätze ermöglichen Überblicke, und die Einleitung verknüpft bestehende Diskussionen zu einem neuen Diskurs. Und trotzdem bleibt (wie oft auch im Musikgeschäft) eine gewisse Frustration und Unsicherheit zurück. Wie zwingend oder originell ist die Zusammenstellung? Welcher der vielen, vielen Fäden soll aufgegriffen und weiterverfolgt werden? Und vor allem: Wo sind die Dissonanzen, die Schnittpunkte und Debatten, in denen Argumente vorgeführt und in Rede und Gegenrede vom Lesenden validiert werden können? Ist es ein sinnvolles Programm, zwei so schwierig handhabbare "Mega-Begriffe" wie Kultur und Geschichte auf einen Buchdeckel zu setzen und typographisch locker (&) zu verbinden? Ich bin mir nicht sicher. Zweifellos ist es eine Chance, die wir nutzen sollten, wenn wir Foucaults Nietzsche-Rezeption auf 20 Seiten geliefert bekommen, oder den berühmten Text von Hobsbawm, neu übersetzt, nun wirklich mal lesen können, statt ihn immer zu zitieren. Und John Toshs heuristisches Konzept von Männlichkeit als sozialgeschichtliche Kategorie oder das elegante Zaudern von Jelavich vor dem Bekenntnis zur theoriegeleiteten Arbeit all das liest man mit Gewinn und kriegt Lust auf Diskussionen. Aber weshalb haben die Herausgeberin und der Herausgeber gerade diese Texte ausgewählt, fragt man sich. Welchen Pfad verfolgen sie im Dschungel der Ansätze und Definitionen? Die ausführliche, gut geschriebene und gelehrte Einführung mit ihren zahlreichen weiterführenden Literaturhinweisen bleibt diesbezüglich zu unbestimmt. Die Herausgeber würden wohl von Flexibilität sprechen. Programmatisch zitieren sie Alain Corbin: "Am wichtigsten auf diesem Gebiet ist, Flexibilität zu bewahren, Einengung und strikte Reproduktion zu vermeiden." Keine Ab- und Ausschliessungen, keine Bekenntnisse und ja keine Festlegungen Wie der Teufel das Weihwasser scheuen die Herausgeber das Zensurieren, und trotzdem haben sie selektioniert: Nur 12 Beiträge bei einem solchen Thema offenbar wussten sie doch was sie wollten. Aber in der Einleitung erfahren wir zuwenig darüber.
Bei der (wie sie selbstironisch sagen) "verzweifelt gesuchten" Kulturdefinition stossen sie auf zwei zentrale Prozesse, mit der die Funktion von Kultur beschrieben werden kann: Sie produziert Bedeutung und konstituiert Identitäten. Sie ist sowohl "gesellschaftliche Produktivkraft" wie auch "Medium kritischer Reflexion". Damit mögen viele einverstanden sein (sogar Peter Jelavich, der seinem Beitrag einen explizit "traditionellen" Kulturbegriff voranstellt: Kultur als "Hochkultur", als Texte, Aufführungen und Kunstwerke, die auf eine Bildungselite ausgerichtet sind). Die lose Klammer eines solchen Kulturbegriffs, der auf die Produktion von Bedeutung abzielt, wird aber noch weiter geöffnet, wenn die Herausgeber auf die zentralen Elemente der im Buch vorgestellten "Debatte" verweisen. "Erkenntnistheoretische und kulturphilosophische Reflexionen auf hohem Niveau" würden hier mit "erkennbarem Appetit auf Material verbunden". Die Beiträge stellten sich der "Gegenwart einer verwissenschaftlichten und mediatisierten Gesellschaft sowie den Herausforderungen von Globalisierung und (Post-) Kolonialismus" und pflegten einen "kreativen Umgang mit der Tradition kulturphilosophischen und kultursoziologischen Fragens". Das ist flott formuliert, erinnert an Soziologentag-Rhetorik, gibt aber kaum Anhaltspunkte, wohin die Reise gehen soll.
Bei solcher Offenheit und Unbestimmtheit hilft fast immer Geschichte. Und wir fühlen uns sofort wohler, wenn wir von den Herausgebern an der Hand genommen werden und im Eilschritt an wichtigen Exponenten, Schulen und Debatten der Kulturtheorie seit den 1950er-Jahren vorbeigeführt werden (Geertz und der interpretive turn, die Annales und die mentalités, die britischen kulturalistischen Marxisten, Foucault und die Feministinnen). Kaum etwas Boden unter den Füssen, beschleunigt die Sampler-Maschine schon wieder: Wir werden konfrontiert mit der Geschichte des Gefühls und der Empfindungen, der Tränen und Blicke, der Männlichkeit, der Zeit- und Raumwahrnehmung, mit Denkmälern und Kino, Kolonien, Enzyklopädien und Landschaft. Gewiss, es ist keine blosse Aufzählungen dieser kulturellen "Errungenschaften", was uns vorgelegt wird was sie aber miteinander verbindet, jenseits der Produktion von Bedeutung und Identität, weiss ich nicht. Vielleicht ist das auch gar nicht wichtig. Aber dann ist Sampler in diesem Fall bloss ein anderer Name für ein Lesebuch, das mich zu (meist) interessanten Autoren mit (meist) spannenderen "Kultur-Geschichten" führt, und ich kann sehen und darüber staunen, was es unter dem Titel Kultur & Geschichte alles gibt. Das bürdet dem Rezensenten noch kein Identitätsproblem auf, aber manchmal stellt sich die Frage: Was soll das bedeuten?