H-Soz-u-Kult Review-Symposium:

Kultur und Geschichte. Neue Einblicke in eine alte Beziehung


Über Boote, Autoritäten und veraltete Dammbauprojekte

von Ute Daniel, Braunschweig

Statt, wie das sonst meist bei Rezensionen der Fall ist, fertige Gedanken zu fertigen Büchern zu formulieren, möchte ich fertige Bücher als Anlass nehmen, unfertige Gedanken zur Diskussion zu stellen. Unfertige Gedanken, impressionistische Eindrücke und Gefühle allgemeinen Unbehagens pflegen sich ja bekanntlich in dem Moment, wo sie einem anonymen Publikum zugänglich gemacht werden, den Konventionen der Textsorte "wissenschaftlicher Text" gehorchend in Aussagen mit dem Anspruch auf überindividuelle Gültigkeit zu verwandeln. Die spezifischen kommunikativen Eigenschaften des Internet erlauben, hoffe ich, Debatten auf der überaus anregenden Zwischenebene der intellektuellen Halbfertigprodukte - sogar dann, wenn diese auf deutsch geführt werden.

Ich möchte im folgenden Eindrücke schildern und kommentieren, die sich für mich ergeben, wenn ich neuere deutsche Sammelbände zur Kulturgeschichte Revue passieren lasse. [1]
 
1. Das "Wir-sitzen-alle-in-einem-Boot"-Syndrom

Es fällt auf, dass die programmatische Verwendung des Kulturbegriffs mittlerweile endemisch geworden ist: Unter seinem Banner versammeln sich, wenn ich das richtig sehe, so ungefähr alle, die den Anspruch haben, methodisch-theoretisch auf dem neuesten Stand zu sein. Die Mann- und Frauschaft des Bootes "Kulturgeschichte" ist zwar keine durchweg friedliche Besatzung: Es gibt Streit über die Methode der Positionsbestimmung und die Sternbilder, an denen der Kurs sich orientiert, sowie darüber, wer ans Steuerruder darf. Doch die Assoziation, dass es gemeinsame Planken sind, die die kulturhistorisch arbeitenden Menschen unter den Füssen haben, und dass diese aus anderem Holz sind als diejenigen anderer Boote, wird durch die Verwendung des Kulturbegriffs und durch den Tenor vieler Beiträge immer wieder bekräftigt.

Welche Charakteristika der aktuellen Debatten sind es, die diesen Eindruck evozieren? Zum einen legen die meisten heute gängigen Verwendungsweisen von "Kultur" keinen ausschliessenden Kulturbegriff zugrunde: "Kultur" dient eher als regulative Idee (Stichworte wären hier v.a. die Wahrnehmungs-, Symbol- oder Text-Orientierung) denn als Aufforderung zur Ausgrenzung. Und da, wo nicht aus- und abgegrenzt wird, alles innen ist, wirkt sich die appellative Verwendung von "Kultur" wie ein schwarzes Loch aus: Sie saugt alles auf.

Zum anderen entsteht dieser Eindruck wohl durch die Kleinräumigkeit vieler kulturgeschichtlicher Themen, die die historischen Welten in eine potentiell unendliche Vielfalt von Facetten aufbricht (Stichworte u.a.: "Alkoholkultur", "Kulturgeschichte der Träne"); diese Facetten haben alle nebeneinander im Boot Platz.

Und schliesslich dürfte der Eindruck kulturgeschichtlicher Gemeinsamkeit von der allgemeinen Trendwende ausgehen, die sich bei der Identifizierung relevanter Themen bemerkbar macht: Im Mittelpunkt des Interesses stehen derzeit Forschungsgegenstände wie die Geschichte der Nationalismen oder der Religion, der Körperpolitik oder der Visualität - Themen also, die per se wahrnehmungs- und symbolzentriert sind.

Diese Charakteristika sind zwar kennzeichnend für die heutige Redeweise über und Praktiken von Kulturgeschichte. Sie umreissen aber meiner Meinung nach weder theoretisch noch empirisch eine eigene Bindestrich-Geschichte, die in einem Differenzverhältnis zu einer irgendwie allgemeineren Geschichtswissenschaft oder Geschichtsschreibung zu sehen wäre: Ich kann mir keine "allgemeine" Geschichtswissenschaft vorstellen, die ohne Wahrnehmungs-, Symbol- oder Text-Orientierung auskäme. Der Eindruck, dass es so etwas geben könne, ist das Resultat der spezifischen deutschen Diskussionsgeschichte, vor deren Hintergrund die Karriere des Kulturbegriffs zu sehen ist - einer Diskussionsgeschichte, die durch den Anspruch der Sozial- und Gesellschaftsgeschichte geprägt war, weitestgehend ohne die theoretische und empirische Berücksichtigung historischer Symbol- und Deutungswelten auszukommen. Dieser Anspruch wird aber heute, wenn ich das richtig sehe, von keiner Seite mehr aufrecht erhalten.

Mein Vorschlag ist, darüber nachzudenken, ob es andere Gründe als die genannten aus dem Zusammenhang des "Wir-sitzen-alle-in-einem-Boot"-Syndroms geben könnte, die es als sinnvoll erscheinen lassen, auf dem heutigen Diskussionsstand "Kulturgeschichte(n)" von "Geschichte(n)" in einem irgendwie allgemeineren Sinn zu unterscheiden. Ich meine, ein solcher Unterschied sollte bis auf weiteres gemacht werden - allerdings nicht deswegen, weil er eine genuine kulturgeschichtliche Theorie, Methode oder Thematik bezeichnet, sondern deswegen, weil einer grundlegenden Ebene des geschichtswissenschaftlichen Arbeitens, nämlich der Ebene der wissenschaftlichen Selbstreflexion, im "kulturalistischen" Teil des geschichtswissenschaftlichen Diskussionsspektrums mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Ich komme in meinem dritten Punkt darauf zurück.
 

2. Das "Tote-weisse-Männer"-Syndrom

Unter denjenigen Beiträgen zur Kulturgeschichtsdebatte, die theoretische und methodische Fragen in den Mittelpunkt stellen, sind viele, die die Positionen anerkannter Autoritäten referieren und reflektieren. Gut daran finde ich, dass dies in vieler Hinsicht lehrreich sein und in Erinnerung rufen kann, dass die meisten Argumente so neu nicht sind. Weniger gut finde ich, wenn die Autorität zum impliziten Argument wird. Im angloamerikanischen Sprachraum läuft dies unter der ironischen Bezeichnung des dead-white-men-Arguments (auch wenn nicht alle, sondern nur die meisten tot und nicht alle, sondern nur die meisten männlich sind, die als Autoritäten angerufen werden).

Explizit wird Autorität zwar kaum zum Argument gemacht - das wäre ein hegemonialer Diskurs, und der steht derzeit ziemlich weit oben auf der Rangliste unbeliebter Dinge. Implizit aber vollzieht sich durch das Referieren und Kommentieren von Autoritäten etwas Ähnliches wie das, was sich weiland bei der Anrufung von Schutzheiligen seitens gläubiger Katholiken tat: Die Anrufung liess hoffen, von dem jeweils befürchteten Übel verschont zu bleiben, vorausgesetzt, die Form, in der sie vollzogen wurde, war korrekt und ihr Adressat war tatsächlich für die entsprechende Schutzleistung zuständig. Das Übel, vor dem sich wissenschaftlich argumentierende Menschen hüten wollen, besteht darin, den Gültigkeitsanspruch für die eigene Arbeit allein führen zu müssen. Das sollte zwar eigentlich heute, im Zeichen der Postmoderne und anderer den Wissenschaftsnimbus unterminierender Denkrichtungen, kein Problem mehr sein. Ich habe aber den Eindruck, es ist immer noch eins: Nicht diese Praxis des wissenschaftlichen Imponiergehabes hat sich geändert, nur die zuständigen Schutzheiligen und die Korrektheitsbedingungen ihrer jeweiligen Anrufung sind ausgewechselt worden.

Was die deutschsprachige Diskussion angeht, scheint mir noch ein anderer Aspekt bemerkenswert: Die angerufenen Schutzheiligen zeichnen sich fast durchweg dadurch aus, dass sie in der Lage waren oder sind, komplexe Zusammenhänge in lesbaren, mitunter sogar ausgesprochen unterhaltsamen Texten darzustellen. Die korrekte Form ihrer deutschsprachigen Anrufung scheint mir demgegenüber oft dadurch gekennzeichnet, dass sie schwer verdauliche, oft nur noch von Insidern entschlüsselbare Formulierungen verwendet (die Einleitung von Conrad/Kessel in den Band "Kultur & Geschichte" ist nur eines der zahlreichen Beispiele dafür). Geht es eigentlich nur mir so, dass ich auch das als autoritätsheischenden Gestus empfinde, der die Kompetenz der "Fachleute" vorführt, den Spassgehalt Richtung Null tendieren lässt und interessierte "Laien" ratlos macht? Vielleicht ist es ja doch möglich, dass man, statt klarer und packender schreibende Autoritäten als Referenzen anzuführen, die Stilkonventionen der deutschen Wissenschaftssprache ändert und den Bonus abschafft, der hierzulande offensichtlich immer noch für akademische Unverständlichkeit vergeben wird.
 

3. Die wissenschaftliche Selbstreflexion

Schon die erste grosse Kulturdebatte um 1900 war nicht zuletzt eine Debatte über die Grundlagen des Wissenschaftsverständnisses. Deren Differenziertheit wird heute wiederentdeckt bzw. unter postmodernen und poststrukturalistischen Vorzeichen in einer anderen Sprache reformuliert. Besonders bemerkenswert und wichtig finde ich in diesem Zusammenhang, dass die damaligen ebenso wie die heutigen Debatten über Kulturwissenschaft bzw. Kulturgeschichte das konstruktive Moment jeder wissenschaftlichen Analyse reflektieren. So verschieden die das aktuelle "kulturalistische" Spektrum ausmachenden Sprachspiele auch sind, sie alle - vom Dekonstruktivismus und Konstruktivismus über die Diskursanalyse und neuere Hermeneutik bis zum New Historicism und Linguistic Turn - formulieren in ihrer jeweiligen Sprache einen zentralen Befund, nämlich den der unhintergehbaren Zirkularität allen wissenschaftlichen Tuns: Ob man Gegenstandsbereiche oder Kontexte identifiziert, ob man Versuchsanordnungen oder Kausalzusammenhänge herstellt, ob man Begriffe benutzt oder Geschichten erzählt - immer wird die Gestalt dessen, was "herauskommt", durch die expliziten und impliziten Vorgaben konturiert, die eingebracht werden.

Diese Erkenntnis wissenschaftlicher Selbstreferentialität ist alles andere als neu. Neu scheint mir allerdings zu sein, dass sie heute nicht mehr im selben Mass wie früher als Anlass zur Erbauung wissenschaftlicher Dammbauprojekte genommen wird, welche den anbrandenden Wogen des Chaos ein Stückchen festen Landes zur wissenschaftlichen Beackerung entreissen sollen - wie dies in besonders grandioser Weise u.a. Immanuel Kant oder Max Weber vorgeführt haben. Vielmehr scheint mir heute eine sehr viel grössere Gelassenheit vorzuherrschen, die es erlaubt, nicht nur hinzunehmen, sondern gewissermassen auszukosten, dass Wissenschaft grundsätzlich standortgebunden und relativ ist, und die vor dieser Erkenntnis weder in die Arme einer angeblich sichereren Theorie oder Methode flüchtet noch in den intellektuellen Freitod des absoluten Relativismus.

Diese differenzierte und gelassene Form der wissenschaftlichen Selbstreflexion zeichnet heute vor allem die im weitesten Sinn des Wortes kulturwissenschaftlich argumentierenden Positionen aus. Insofern markiert sie ein Spezifikum dieser Positionen, das sie von vielen anderen unterscheidet. Ich würde mir allerdings wünschen, dass das nicht allzu lange so bleibt, sondern diese Einstellung sich mehr und mehr verallgemeinert: Sie belässt den wissenschaftlich arbeitenden Menschen ihre Eigenverantwortung, sie entlässt sie aus unfruchtbaren Verallgemeinerungs- und Beweisritualen, und auf ihrer Grundlage lässt sich wunderbar streiten. Vor allem fände ich es sehr wichtig, diese grundsätzlichen Fragen des Verständnisses von Wissenschaft und seiner Folgen für die (geschichts-)wissenschaftliche Praxis mehr als bisher selbst zum Thema der Diskussion zu machen.
 
 

Anmerkung:
[1] Christoph Conrad, Martina Kessel (Hg.): Geschichte schreiben in der Postmoderne. Stuttgart 1994;
dies. (Hg.): Kultur & Geschichte. Stuttgart 1998;
Wolfgang Hardtwig, Hans-Ulrich Wehler (Hg.): Kulturgeschichte Heute. Göttingen 1996;
"Wege zur Kulturgeschichte" (Geschichte und Gesellschaft, Jg. 23, H.1, 1997);
Thomas Mergel, Thomas Welskopp (Hg.): Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft. München 1997.


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