H-Soz-u-Kult Review-Symposium:

Kultur und Geschichte. Neue Einblicke in eine alte Beziehung


Entdeckungsreise oder organisierte Gruppenfahrt? Einige Reaktionen auf die bisherigen Beitraege zum Review Symposium

von Christoph Conrad, Berlin <conrad@zedat.fu-berlin.de>

Zunaechst einmal finde ich es bemerkenswert, dass wir ueberhaupt in dieser Form "tagen". Ohne sich vom Platz zu bewegen, ohne in nennenswertem Umfang Geld und Rohstoffe zu verausgaben, ohne in Tagungshotels mit zu kurzen Betten schlafen zu muessen, kann man sich in hier in wechselnden Rollen als Autor/in, Kommentator/in oder Leser/in miteinander austauschen. Ich bin allen Cyber-Teilnehmern und -Teilnehmerinnen, die sich die Zeit genommen und die Muehe gemacht haben, dieses Experiment mit ihren substantiellen Beitraegen zu ermoeglichen, sehr dankbar. Im stimme mit Adelheid von Saldern darin ueberein, dass kulturtheoretisch interessierte Menschen besonders davon profitieren koennen, wenn Sie die Verschiebung in den Informationsweisen ("modes of information", Mark Poster) der Gegenwart teilnehmend beobachten und beobachtend mitgestalten.

Nur einige der Punkte, die die bisherigen Beitraege aufgeworfen haben, moechte ich aufnehmen:

1) Die Erwartungen an die erneuerte Kulturgeschichtsschreibung sind hoch. Die Erwartungen an Publikationen, die die Pluralitaet dieser Praxis naeherzubringen versuchen, sind ebenso hoch wie gegensaetzlich. Sie scheinen mir hin und her gerissen zwischen dem Wunsch nach einer Entdeckungsreise in das "ganz Andere" unseres disziplinaeren Alltags einerseits und dem Wunsch nach Marschrouten, Bahnsteigkarten und Reisefuehrern fuer eine Pauschalreise in ein moeglichst nicht allzu fremdes Land andererseits. Kommen uns die franzoesischen oder US-amerikanischen Veroeffentlichungen nicht vielleicht deshalb so attraktiv vor, weil dort nicht darauf gewartet wird, bis der Fuehrer "Anders reisen" in die Welt der Kulturen erschienen ist und eine Reiseruecktrittsversicherung abgeschlossen werden kann?

Ein "Sampler", wie Andreas Ernst den kleinen gelben Reclam-Band treffend nennt, ist in der Tat weder ein Handbuch noch ein Kompendium, weder eine Gebrauchsanweisung noch eine Urteilssammlung. So ein Band liefert v.a. keine geschlossene Theorie der historischen Kulturwissenschaften - nicht weil die Herausgeber gerade keine Lust dazu hatten, sondern weil eine solche Theorie nicht absehbar ist und weil jeder Versuch der Oktroyierung die Dynamik des Feldes verpassen wuerde.

Der Band "Kultur & Geschichte" ist ebenso wie sein Vorgaenger "Geschichte schreiben in der Postmoderne" aus der Lehre (am FB Geschichtswissenschaften der FU Berlin) hervorgegangen und mag fuer solche Zwecke nuetzlich sein. Es handelte sich um sog. "Uebungen" mit fortschrittenen Studierenden verschiedenster Fachrichtungen, die spaeter z.T fuer die Uebersetzungen gewonnen werden konnten. Besonders fuer die (Nicht-)Auswahl einiger Beitraege haben die Reaktionen in der Seminardiskussion eine Rolle gespielt;   eine Reihe von bekannten Namen und Aufsaetzen hat diesen Elch-Test nicht bestanden. Die Sammlung, so wie sie vorliegt, moechte Appetit auf mehr machen: mehr von den vorgestellten Autoren/innen, mehr zu den praesentierten Themen, mehr von solchen Fragen und Ansaetzen. Vor allem moechte der Reader ein wenig Gegengift gegen immer wortreichere Meta-Diskussionen ueber Kultur- und/mit/oder/statt Gesellschaftsgeschichte bereitstellen. Wie spannend es werden kann, wenn wirklich von den einzelnen Studien, ihren "Stolpersteinen" und Potentialen, gesprochen wird, zeigen die Beitraege von Martin Baumeister und Alexander Schmidt-Gernig.

2) "Kultur" als Konzept ist diffus; der Beginn der Einleitung zu dem Band unterstreicht das in aller Offenheit. "Kultur & Geschichte" ist irgendwie zu gross, meinen Andreas Ernst und Adelheid von Saldern. Immerhin unterscheidet sich der Titel von "Kultur und Gesellschaft" oder "Kultur und Unternehmen" usw. Sowohl von Saldern als auch Lutz Musner denken unter dem Titel viel lieber an die Oeffnung zu den "cultural studies" hin, ob nun franzoesischer, britischer oder US-amerikanischer Praegung. Ihre Hinweise auf Autoren und Fragestellungen sind ausserordentlich wertvoll; allein zu Fragen des Konsums und der Aneignung - von Guetern, Medien und Informationen - koennte man zweifellos leicht einen eigenen Band fuellen.

Die Vielstimmigkeit der Kulturbegriffe in der Gegenwart hat aber auch einen grossen Vorteil. Sie zieht sich nicht nur durch die Geschichtswissenschaft im engeren Sinne sondern auch durch Nachbar- und Partnerdisziplinen, v.a auch die Wissenschaftsgeschichte. Dieselbe Beunruhigung und Verunsicherung, dieselben Einfluesse und Provokationen erleben schon seit einiger Zeit die Ethnologie, Volkskunde oder Literaturwissenschaft usw. Nicht zufaellig sind drei der zwoelf Autoren des Reclam-Bandes einem Department fuer Literaturwissenschaft zugeordnet; einige andere wuerde man von ihrer Ausrichtung her in Deutschland auch nicht in einem historischen Institut erwarten. Dass man von der Geschichtswissenschaft wieder mehr von den oft ausgefeilten Debatten und innovativen Ergebnissen dieser ebenfalls historisch arbeitenden Faecher wahrnimmt, darin scheint mir eine der grossen Chancen der gegenwaertigen Oeffnung zu liegen.

Das Verstaendnis von "Kultur" mag weit auseinandergehen, wenn etwa Technikhistoriker von "technologischen Stilen" oder "Ingenieurkulturen" sprechen oder sich ein Wirtschaftshistoriker fragt: "Is it Kosher to Talk about Culture?" (JEH 57, 1997, 267-287), aber es mag ein Anknuepfungspunkt fuer einen Dialog sein, wo sonst hoefliche gegenseitige Ignoranz herrscht. Die "gelassene Form der wissenschaftlichen Selbstreflexion" ueber unser Zunfthandwerk  die Ute Daniel zu den wichtigen Ergebnissen dieser Debatte rechnet, nimmt so die Durchlaessigkeit der disziplinaeren Grenzen wahr und kann etwas von ihrer eigenen Selbstbezogenheit verlieren.

3) Um nicht den Eindruck von allzuviel Harmonie vorzugaukeln, darf zum Schluss ein wenig "flaming" nicht fehlen; die Angesprochenen werden es mir hoffentlich verzeihen. Ute Daniel beschrieb die Kulturdebatte als "'Wir-sitzen-alle-in-einem-Boot'-Syndrom", das noch dazu die Eigenschaften eines "schwarzen Lochs" (eines schwimmenden Lochs sozusagen) haette. Die Boot-Rhetorik wird ja, dachte ich, immer dann benutzt, wenn schwere Interessenkonflikte (Tarifstreit z.B.) zu kaschieren sind oder wenn "wir" gegen "die anderen" zusammenstehen muessen. Ist man da in einem Boot sicherer als hinter "Daemmen"?

Im Beitrag von Achim Landwehr wird die Befuerchtung etwas konkreter: Das Kultur-Boot ist voll. Obwohl er sich auf die "engere deutsche Debatte" konzentriert (und die ganzen Auslaender rauslaesst), wird es einfach zu eng. Die Instanzen, die ueber unseren Schlaf wachen, haben nicht aufgepasst, und jetzt ist es "bereits zu spaet". Fraglich sei, "ob sich die Neue Kulturgeschichte ... einen Gefallen damit tut, die Tore fuer alle weit zu oeffnen, um anschliessend feststellen zu muessen, dass sie mit dem Andrang nicht mehr fertig wird." Aber - keine Sorge - schliesst Achim Landwehr, es geht ja nur um weitere Spezialisierung in "Sub-Kulturgeschichtswissenschaften", um einen willkommenen Anlass fuer jahrelange Debatten und die Finanzierung neuer Forschungsvorhaben. Interessant, dass auch hier formal ein politisches Argument gebraucht wird: Albert O. Hirschman hat gezeigt, dass die Figur der "futility" (der Vergeblichkeit) zur "Rhetorik der Reaktion" gehoert, mit der seit der Franzoesischen Revolution gegen wohlfahrtsstaatliche Politik gekaempft wird. Bleibt also alles beim Alten, lohnt es sich gar nicht anzufangen? Oder zeigt sich doch eine "Repolitisierung" der Geschichtswissenschaft, wie Lutz Musner mit Rueckgriff auf Michel de Certeau am Schluss seines Beitrags anmahnt?


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