Stein, Werner: Chronik der Weltgeschichte. Der neue Kulturfahrplan, München: United Soft Media Verlag GmbH 1999, 1 CD-ROM für PC und MAC, ISBN: 3-8032-9219-0; Preis: DM 79,90.

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von Dr. Benno Schlindwein

Hinführung

Wer den Werner Stein'schen Kulturfahrplan schon in seinem Bücherschrank stehen und sich gelegentlich "Die wichtigsten Daten der Kulturgeschichte ..." vor Augen geführt hat, wird sich leicht mit der CD-Version der 1946 erstmalig erschienenen, immer neu aufgelegten Kulturgeschichte zurechtfinden. Die Spalteneinteilung in "Politik", "Dichtung, Schauspielkunst", "Bildende Kunst, Architektur, Film", "Musik, Oper, Tanz", "Wissenschaft, Technik" und "Wirtschaft, tägliches Leben" wurden in die CD-Chronik der Weltgeschichte übernommen und durch weitere Unterrubriken ergänzt.

Hinzugekommen sind auf der CD über 2800 Bilder aus dem Archiv für Kunst und Geschichte in Berlin, circa 2 Stunden Musikbeispiele und Originaltonaufnahmen aus dem Deutschen Rundfunkarchiv und über 25 Minuten Filmmaterial aus zeitgenössischen Wochenschauen, Spielfilmen und Nachrichtensendungen. Was bei einem Multimedia-Angebot besonders interessiert, sind die Präsentation der Daten, die Recherchefunktionen und die Möglichkeit, ein selbstgestaltetes "Album" für persönliche Datensammlungen anzulegen.

Die Verlagswerbung von MILLENNIUM WISSEN lädt die Käufer - offensichtlich aller Bildungsgrade und ohne Altershinweise - ein zu einer Zeitreise zu den Meilensteinen der Weltgeschichte. Sie verspricht einen Überblick über einzelne Epochen und Wissensvertiefung mit Hilfe zahlreicher Querverweise. Werden die Versprechen gehalten?

Technische Hinweise

Als Mindest-Konfigurationsvoraussetzungen für PC (und entsprechendes für MAC OS) wird ein 486-Prozessor, 66 MHz mit 16 MB Arbeitsspeicher (68040/PPC, 8-16 MB) erwartet, kein virtueller Speicher; eine Grafikkarte 640*480*256 und 4fache CD-ROM-Geschwindigkeit. Der Festplattenspeicher benötigt nur 3 MB (0,1 MB des MAC), Soundkarte mit 8 BIT und Quick-Time, das mitgeliefert wird. Wer über mehr als 8 MB freien Hauptspeicher verfügt, kann den Kulturfahrplan auf die Festplatte kopieren.

Die Installation samt Registrierung geht problemlos, eine Hotline werktags zwischen 10:00 und 16:00 bietet technische Hilfe. Die beigelegte Bedienungsanleitung hilft professionell auch ungeübten Usern beim Installieren, Registrieren und beim Vertrautwerden mit den Icons und Fenstern. Die Bedienung des Kulturfahrplanes erfolgt grundsätzlich mit der Maus!

Das Hauptmenü

Nach dem Start enthüllt sich, von schlichter Melodie als Eröffnungssequenz begleitet, der Überblicksbildschirm mit den drei Zugangswegen zum Inhalt der Chronik: die Ereignisebene, die Bildergalerie sowie der Zeittunnel in die Zeitreise. Der Ausstieg über das "Ende" schließt das Angebot ab. Jeder der drei Wege führt zu einem dreigeteilten Bildschirm, auf dem das Zeitrad und die Rubrikenuhr immer zur Verfügung stehen, während etwa _ des Platzes den Ereignissen, der Bildergalerie oder der Zeitreise angeboten sind.

Das Zeitrad:

Das Zeitrad ermöglicht in der Gestalt eines Zahlenschlosses die bequeme Einstellung der gewünschten Jahreszahl und begleitet - gewöhnungsbedürftig klickend - die gesamte Zeitanwahl. Durch das Drehen eines äußeren Zahnrades läßt sich die Jahressuche beschleunigen - nützliches Spaß- und Spielelement.

Rubrikenuhr:

In der Rubrikenuhr darunter tauchen die bewährten Spaltenüberschriften des "Mutterbuches" wieder auf (Politik - Dichtung, Schauspielkunst - Geistiges Leben - Bildende Kunst, Architektur, Film - Musik - Technik, Wissenschaft - Wirtschaft, tägliches Leben).

Von den vier unten angebotenen Service-Icons 'Suchen', 'Album', 'Hilfe' und 'Zurück' sind besonders 'Suche' und 'Album' wichtig. 'Hilfe' bietet nur eine sehr knappe Erklärung zu den gerade benutzten Symbolen.

Die Suchfunktion der CD

Wer einen Fahrplan nutzt, will sich schnell orientieren. Deshalb wurde der Suchfunktion große Aufmerksamkeit geschenkt, sie ist gewissermaßen das Glanzstück der "Chronik der Weltgeschichte". Sowohl im 'Stichwortregister' wie auch im 'Personenregister' eröffnet sich eine umfassende, von Alphabetlisten unterstützte Suche, wobei die gesuchten Begriffe auch über die Tastatur eingegeben werden können. Im danebenliegenden Suchergebnisfenster werden über die allgegenwärtigen Rubrikensymbole auch gleich die gefundenen Einträge charakterisiert und können als Texteinträge, Bild, Ton- oder Videodokument abgerufen werden. Man wechselt hier auch unmittelbar in die Ereignisebene oder Bildergalerie.

Als Probe aufs Exempel führt z.B. die Suche nach Luis Trenker zu 6 Fundstellen: erster Filmtitel "Berg des Schicksals" mit Hinweis auf Geburtsjahr, "Hitlerjunge Quex"-Film mit Filmfoto, "Kaiser von Kalifornien"-Filmhinweis, Filmausschnitt aus dem bekanntesten Trenkerfilm "Der Berg ruft", weiterer Filmhinweis und abschließende Kurzcharakteristik des Berg- und Filmhelden mit Todesjahr. Daß Giovanni Trappatonis "Ich habe fertig" von 1998 chronologiewürdig ist, war eine Überraschung und wird als quantité négligeable vielleicht auf der überarbeiteten Folge-CD von anderen zeitgenössischen Schmankerln abgelöst.

Die 'Suche im gesamten Textbestand' bietet einfache Begriffsuche oder erweiterte bzw. einschränkende Präzisierung durch einen weiteren Begriff. Das Ergebnis erscheint zahlenmäßig aufgelistet im Suchergebnisfenster. In den Unterrubriken wird das Suchen durch eine Vielzahl von Kategorien erleichtert. Wo findet man so schnell Hinweise auf 'konzertante' , 'populäre' und/oder 'geistliche' Musik um 1250 n.Chr. mit entsprechenden Komponisten und Interpreten, wo in der Kürze eine Zusammenstellung der Schriftsteller aus allen bekannten Kulturen einer Zeitepoche mit so vielen Einzeldaten?! Hier glänzt die Chronik auf der fast unüberschaubaren Zeitbühne als (unspezialisiertes) Allgemeinlexikon für jederman. Wer sich hier tummelt, wird belohnt mit Modetips aus Antike und Mittelalter, Details aus Jurisprudenz und Bankwesen, astronomischen und medizinischen Hinweisen in Text, Bildern und Videos.

Das Album

Das Album ist eine wertvolle Ergänzung beim Stöbern auf dem Bildschirm. Hier lassen sich beliebig viele Ereignisse, Bilder zu einer eigenen Sammlung zusammenstellen und speichern, bzw. wieder laden. Das Ausdrucken ist allerdings schlecht dokumentiert und laut Bedienungsanleitung über die Zwischenablage des Rechners möglich. Hier wünschte man sich eine möglichst viele Drucker erreichende Druckerroutine, welche die Schätze oder besser Schatzhinweise der Chronik schwarz auf weiß sichern läßt. Ob der Verlag hier wegen der Copy-Problematik so zurückhaltend bleibt?

Ereignisse

Auf dieser Ebene treffen sich Sucher und Zeitreisende, wenn es um die Daten geht. Neben- oder besser beschrieben untereinander sind alle relevanten Infos aus einem Jahr und zu einer gewählten Rubrik angeordnet. Etwa ein Dutzend Textkästchen bieten ein Kaleidoskop von Daten zum darüber aufgeführten Jahr, wobei die bekannten Rubriksymbole bei der Einordnung helfen. Kleine Bildchen und Symbole für Musikbeispiele, Tondokumente, Tabellen und Filmdokumente verweisen auf entsprechende Informationen, die gleich abgerufen werden können. Hier kann man die Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Lebensäußerungen als Verwirrung oder als Bereicherung des Users betrachten. Hilfreich ist die Gliederung nach Rubriken, sonst würde das Untereinander zum reinen Durcheinander.

Die Zeitreise

Die Zeitreise ist ein bebilderter Flug in einen Zeittunnel hinein, der wie in Fahrstuhlsimulation Text-, Bild-, Ton-, Musik- und Filmdokumente vorbeiziehen und anklicken läßt. Es ist eine bequeme Möglichkeit, sich schnell mal in einer Zeitepoche kundig zu machen, bestimmte Medien herauszupicken und chronologisch aufgereiht zu goutieren. Ernstere Zeitforscher landen und bleiben gleich auf der Ereignisebene. Die Zeitreise ist wohl der Versuch, das multimediale Erleben zu suggerieren - hier stehen noch viele Möglichkeiten offen.

Die Bildergalerie

Nach der Wahl des Jahres und der gewünschten (Unter-)Rubrik finden sich in einem Halbkreis sieben Bildminiaturen mit Texterklärungen und das Kästchen 'Querverweise'. So wird es möglich, Bilddokumente zu einem ausgesuchten Zeitabschnitt (einem einzelnen Jahr) aus allen durch die Rubriken aufgefächerten Themenkreisen anzuschauen. Die Querverweise lassen den User in der Ereignisebene weiterforschen, wobei auch eine Rückkehr auf die Bildgalerie jederzeit leicht möglich ist.

Das Bildmaterial wird optimal zugänglich gemacht. Wer z.B. die Unterrubrik 'Gemälde' ab der Zeit 500 v. Chr. anwählt, findet neben zahlreichen griechischen Vasenmalereien auch die röm. Wandmalerei "Jüngling mit Hetäre bei der Arbeit", Schlafzimmerdekorationen eines Edlen aus Pompeji und die Gartenlandschaft aus einer römischen Villa kurz vor der Zeitenwende. Die späteren Jahrhunderte sind detailreich pro Jahr dokumentiert und lassen als Anschauungsmaterial und gut kommentiertes Bilderbuch kaum Wünsche offen.

Die Daten

Die CD bietet "Chronik der Weltgeschichte" und will gleichzeitig "Der neue Kulturfahrplan" sein. Eine Chronik überbietet die Annalen als Geschichtswerk durch eine möglichst umfassende Darstellung einer Zeitspanne. Dem sucht die CD durch die Rubriken gerecht zu werden. Der Untertitel "Kulturfahrplan" weist auf die Selbstbeschränkung im Textumfang hin: Diese Chronik bietet einen Fahrplan durch die Geschichte, eine Stationenkarte, welche zwar die Sehenswürdigkeiten in Fülle anpreist, den Reisenden aber im Zuge der Zeit schon wieder auf die nächsten Besonderheiten aufmerksam macht: Unverbunden stehen die Details aus einem Jahr nebeneinander, ein Kaleidoskop aus allen Kontinenten, Kulturen und Lebensvollzügen. Vergeblich sucht man nach längeren Textabschnitten - eben ein Fahrplan. Der Wißbegierige nach Zusammenhängen, Kausalketten, Abhängigkeiten kann im Nebeneinander der Daten solche Verbindungen herauslesen, aber er muß bei ernsthaftem Forscherinteresse gleichsam aus diesem Zug der Zeit aussteigen und zu Fuß weitergehen.

Basierend auf der erprobten Datenfülle des Buches, führt die CD bis ins Jahr 1999 und ist somit als Chronik sehr aktuell.

Fazit

Das Werbeversprechen des Überblicks über einzelne Epochen ist durch die Chronik mit Hilfe der Rubriken eingelöst worden, die Wissensvertiefung aber konnte durch die Querverweise nur andeutungsweise erreicht werden. Beachtlich ist die Detailfülle, und der geschichtsinteressierte Laie findet einen reichgedeckten Tisch mit zahlreichen optischen und akustischen Leckerbissen aus der Vielfalt kulturellen Lebens.

Wird die Chronik noch durch Textdokumente angereichert oder gar Ausgangspunkt zu Recherchen im Internet, dann bleibt 'multimedial' [k]ein werbewirksames, aber noch nicht ganz eingelöstes Attribut. Wird die Neugier auf weiterführende Enzyklopädien geweckt, so nützt dies übrigens sowohl dem Verlag als auch der Reihe MILLENNIUM WISSEN.

Rezensiert fuer H-Soz-u-Kult von:

Dr. Benno Schlindwein, Gundelfingen, Email: <Schlbenn@ruf.uni-freiburg.de>


Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>

From: "Dr. Benno J. Schlindwein" <schlbenn@ruf.uni-freiburg.de>
Subject: Rez. CD-ROM: Schlindwein ueber "Chronik der Weltgeschichte ..."
Date: 18.10.99


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