Beckermann, Wolfgang: Das Grabmal Kaiser Heinrichs III. in Goslar (Beiträge zur Geschichte, Kunst und Kultur des Mittelalters, 3), Göttingen: Dührkohp und Radicke 1998; 114 S., 88 Abb., 1 CD-ROM, ISBN: 3-89744-038-5, Preis: DM 39.--; CHF 35.--, ÖS 279.--.
Rezensiert für H-Soz-u-Kult von Dr. Regula Schmid
Das Wichtigste vorweg: Das Zauberwort «CD» hatte in der buchgewohnten Mediävistin wohl allzu utopische Vorstellungen von mediengerechten Verknüpfungen, bewegten Bildern und Tönen und Möglichkeiten selbstgewählter Informationskombinationen ausgelöst. Die vorliegende «wissenschaftliche Publikation auf Datenträger» zeigt als Negativbeispiel deutlich, daß sich Struktur und Präsentation der Information und das gewählte Medium gegenseitig bedingen. Eine CD-Publikation ist nur sinnvoll, wenn der Inhalt entsprechend aufbereitet und organisiert ist.
Die Göttinger Magisterarbeit kann mit allen einschlägigen Systemen gelesen werden (Windows 3.xx, Windows 95, Macinthosh, UNIX). Die Installation ist mit der entsprechenden Hardware (Windows-kompatibler PC mit 486er oder Pentium-Prozessor bzw. Apple Macintosh oder Power Macintosh, mindestens 8 MB Arbeitsspeicher, CD-ROM Laufwerk) auch für Computerlaien sehr einfach.
Nach dem Erfolgserlebnis der Installation dann die Enttäuschung. Auf dem Bildschirm erscheint schlicht die Titelseite der Arbeit zum «Grabmal Kaiser Heinrichs III. in Goslar», das Navigieren über den Randbalken oder das auf Mausklick in einem Nebendokument erscheinende Inhaltsverzeichnis führt von Seite zu Seite - kontinuierlich oder jeweils an den Beginn eines angewählten Kapitels springend - eines herkömmlichen Buchmanuskripts einschließlich Fußnoten und Abbildungsverzeichnis. Zum Glück lassen sich die insgesamt 157 Seiten ausdrucken, und so ist die vertraute Buchform, wenn auch nicht als Monument dauerhafter als Erz, aber immerhin leserlich, bald hergestellt.
Der Autor sucht den «kunsthistorischen und historischen Hintergrund zu erhellen, in dem das Grabmal Heinrichs III. gesehen werden muß». Die Untersuchung ikonographischer Details sowie Stilvergleich und Überlegungen zum Bildtyp grenzen die Entstehungszeit der Skulptur zwischen 1260 und 1290 ein. Damit sei das zweitälteste figürliche Königsgrabmal in Deutschland benannt. Der Autor sieht die Errichtung des Grabmals als Antwort auf eine tiefgreifende Krise, in die das Stift St. Simon und Judas in Goslar in der zweiten Hälfte des 13. Jh. gekommen sei. Bereits in den zwanziger Jahren des 13. Jahrhunderts ließ das Interesse der Könige an ihrer Goslarer Residenz nach, nach der Jahrhundertmitte kam es dann zu verschärften Konflikten mit der Stadt Goslar. Wirtschaftliche Probleme begleiteten die Auseinandersetzungen. Die Errichtung des Grabmals, die möglicherweise mit einer grundlegenden Veränderung der Gedenkliturgie einherging, unterstrich die Kaisernähe des Stiftes und sollte gleichzeitig dessen offenbar umstrittene wirtschaftliche Ansprüche legitimieren. Nach innen «konnte die Besinnung auf die Tradition und die große Geschichte identitätsstiftend sein», eine Zielsetzung, die angesichts einer stark gewandelten sozialen Zusammensetzung der Stiftsangehörigen wünschbar war. Ob das Monument zur Entstehungszeit und danach tatsächlich die entsprechenden Funktionen der Identitätsbildung und Legitimation wahrnehmen konnte, bleibt leider unbeantwortet. Der Autor weist an dieser Stelle noch darauf hin, daß die zur gleichen Zeit (1286-88) entstehende Stiftschronik die gleichen «Funktionen» (oder ist hier eher die Zielsetzung der Hersteller angesprochen?) wie das Grabmal, nämlich «Identitätsstiftung und Demonstration von Selbstbewußtsein» hatte. Dieser naheliegenden Beobachtung gälte es genauer nachzugehen, da Chronik und Stifterbild zwar durchaus dem gleichen zeitlichen und sozialen Kontext entsprungen sein können, der materielle und wohl auch der Handlungskontext, in dem die beiden Objekte stehen, aber grundlegend verschieden sind.
Während die geschilderten Zusammenhänge von lokaler Situation und Motiven zur Herstellung des Grabmals zwar zum Teil eher allgemein bleiben, aber durchaus überzeugen (der Autor bestätigt hier die von Christine Sauer in ihrer wegleitenden Arbeit «Fundatio und Memoria. Stifter und Klostergründer im Bild 1100 bis 1350, Göttingen 1993» entwickelte These), bleiben die Aussagen des Autors andernorts beliebig. So seien beispielsweise gemäß der einschlägigen Sekundärliteratur «niemals» Hunde auf Grabmälern für Herrscher abgebildet. Die Frage, die aus einer solchen Beobachtung (wenn sie denn tatsächlich den Gegebenheiten entspricht) resultieren müßte, wird kurzerhand dahingehend beantwortet, daß Goslar einfach das früheste bekannte Beispiel dieser Art sei und Hunde mit Herrschern sowieso die «große Ausnahme» darstellten. Und da ein Hund neben negativen und positiven Aspekten auch Treue symbolisieren könne (wann? wo? in welchem Kontext?) «verkörpert [er] hier die Treue, die Heinrich seiner gestifteten Gemeinschaft bewiesen hat» - eine Behauptung, die weder aus der Sekundärliteratur noch aus den Quellenstudien des Autors ableitbar ist. Auch ein in der Zusammenfassung nochmals hervorgehobenes Ergebnis des Autors fordert Widerspruch heraus, nämlich die Aussage, daß das Grabmal «die einzige monumentale Skulptur des Mittelalters im deutschsprachigen Raum darstellt, die alle drei Funktionen, die Bloch [Bloch, Peters. Das Bild des Menschen im Mittelalter: Herrscherbild - Grabbild - Stifterbild, in: Bilder vom Menschen in der Kunst des Mittelalters, Berlin 1980, S. 107-141] als Bedingung für die Darstellung des Menschen im Mittelalter nennt, in einem Bild vereint: Herrscherbild - Grabbild - Stifterbild». Abgesehen davon, daß uns der Autor eine Bewertung dieser Aussage schuldig bleibt und daß die Definition eines «Herrschers» in der mittelalterlichen Adelsgesellschaft wohl nicht auf den Kaiser eingeschränkt werden sollte, ist die Bemerkung auch auf konkreter Ebene nicht nachvollziehbar: Nur schon im vom Autor zitierten Werk von Sauer werden eine ganze Reihe von Monumenten mit diesen drei «Funktionen» erwähnt.
Als Ergebnis vermag die chronologische Einordnung des Grabmals aufgrund kunsthistorischer Merkmale zu überzeugen. Wer eine quellenkritisch fundierte, tatsächlich kontextbezogene Analyse einerseits der Umstände erwartete, die zur Errichtung des Grabmals führten, und andererseits der Funktionen, die dieses für Stift und Stadt im Lauf der Zeit wahrnahm, bleibt zwar mit einigen anregenden Hinweisen versehen, aber im großen Ganzen unbefriedigt zurück.
Rezensiert fuer H-Soz-u-Kult von:
Dr. Regula Schmid, Universität Zürich, email: <rschmid@hist.unizh.ch>
Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>
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