Marburger Index. Wegweiser zur Kunst in Deutschland. CD-ROM-Datenbank, Herausgeber Bildarchiv Foto Marburg/ Computer & Letteren Utrecht, München: KG Saur Verlag, 4. Ausg. 1998, 3 CD-ROM, ISBN: 3-598-40367-4, Preis: DM 2.480,- (reduziert sich für Bezieher der 3. Ausgabe auf DM 1580,-, für Bezieher der Microfiche-Ausgabe des Marburger Index auf DM 1980,-).

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von HD Dr. Hubertus Kolle

Seitdem Richard Hamann noch vor dem ersten Weltkrieg begann, Kunstwerke in ganz Europa photographisch aufzunehmen, hat sich das Bildarchiv Foto Marburg zum wichtigsten deutschen Dokumentationszentrum für die bildende Kunst entwickelt. Wer Bedarf hat, wird in der Sammlung von um die 1.300.000 Photos, die bis heute dort angehäuft wurde und die vor allem in Deutschland beheimatete bzw. aufbewahrte Kunstwerke aller Gattungen betrifft, häufig fündig. Dabei ist es nicht nötig, die Marburger Institution selbst aufzusuchen, die im übrigen die photographischen Bestände von 15 weiteren Institutionen (7 Denkmalpflegeämtern, 3 Museen und 5 Bildarchiven) mit übernommen hat: praktisch der gesamte Bestand ist auf Microfiche zusammengefaßt und kann in einer ganzen Reihe von (Universitäts-)Bibliotheken eingesehen werden.

Früh schon mußte sich die Idee aufdrängen, einen solch umfangreichen Datenbestand mit den Mitteln der Elektronischen Datenverarbeitung zu katalogisieren, um eine schnelle und nach unterschiedlichsten Kriterien strukturierte Suche zu ermöglichen. 1981, zu einem Zeitpunkt, als man von elektronischen Datenbanken nur in hochspezialisierten Kreisen redete, wurden in Marburg die ersten Kunstwerke in dieser Form katalogisiert, nachdem man schon Mitte der 70er Jahre mit der Erarbeitung eines Konzepts für ein solches Großunternehmen begonnen hatte. Verwendet wurde dazu ein von der Bonner Firma STARTEXT entwickeltes Datenbankprogramm mit dem Namen HIDA, das in Kombination mit dem selbsterstellten "Marburger Informations-, Dokumentations- und Administrations-System" (MIDAS) eine hochdifferenzierte Erschließung von Kunstwerken erlaubt. Für Historiker und Kulturwissenschaftler besonders interessant ist dabei, daß großer Wert auf die ikonographische Beschreibung gelegt wird, die über das weitverbreitete, in den Niederlanden entwickelte ikonographische Klassifizierungssystem "Iconclass" verwaltet wird.

Eine typische, heute schon geradezu antiquiert wirkende Eigenheit im Aufbau dieser Datenbank ist ihre "genossenschaftliche" Organisation. Die Dateneingabe erfolgt dezentral in den am Projekt beteiligten Museen etc. und wird von Foto Marburg nur in letzte Form gebracht. Das Prinzip ist demnach simpel: Wer Daten liefert, kann auch auf die der anderen zugreifen. Wer keine Daten liefert, ist nicht verloren, aber er muß bezahlen. Die vorliegende Dreier-CD nun beinhaltet die Daten der beteiligten Museen und wird kommerziell vertrieben.

Eine solche Entstehungsform dürfte vorbildlich sein, vor allem dann, wenn man bedenkt, wie viele großangelegte, zentral organisierte Projekte im Bereich der digitalen Bestandserschließung schon gescheitert sind oder in torsohaftem Zustand aufgegeben wurden. Gleichzeitig bedeutet sie für den Benutzer eine wesentliche Einschränkung. Er darf nämlich keine breit angelegte, auf alle vorhandenen Institutionen verteilte gleichmäßige Erschließung erwarten, sondern ist mit einer Flickenteppichlösung konfrontiert, die an manchen Stellen überaus dicht ist, an anderer Stelle aber auch schon mal gar nichts bietet. Ein Beispiel: Sucht man in der Datenbank nach Objekten im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, so kommt man auf sage und schreibe fast 17.000 Objekte, unter denen sich auch obskurste graphische Blätter befinden. Hingegen bleibt die Recherche nach Gegenständen aus dem Kunstmuseum Düsseldorf ganz und gar ergebnislos - auch wenn es dort durchaus höchstrangige Kunstwerke gibt. Nürnberg nämlich war von Anfang an mit teilweise großangelegten Inventarisierungskampagnen beteiligt, während Düsseldorf offenbar kein Interesse zeigte. Eine Folgerung, die sich außerdem zwangsläufig aus dieser Sachlage ergibt: Wir haben es hier mit einem "work in progress" zu tun, das jährlich mit den inzwischen erarbeiteten Ergänzungen auf den Markt kommt. Inzwischen sind wir bei der vierten Auflage, die dritte umfaßte noch einen Bestand von ca. 190.000 Datensätzen.

Die CD-ROMs, auf denen diese Daten für die nicht unmittelbar Beteiligten zugreifbar gehalten werden, sind im KG Saur-Verlag erschienen, der sich im Bereich der digitalen Kataloge und Bestanderschließungen einen Namen gemacht hat. Um Mißverständnisse zu vermeiden: Der hier verdatete Bestand ist nicht identisch mit dem, was als photographische Reproduktion im Bildarchiv vorhanden ist, sondern umfaßt "nur" etwa 250.000 Datensätze, davon ca. 65 % Objekte, der Rest Künstlerdatensätze, Daten zu Forschungsarbeiten u.a. Auch ist dies keine Teilmenge des Gesamtbestandes, da die Photokampagnen von Foto Marburg und die integrierten Bestände der Denkmalämter und Bildarchive nicht in unmittelbarer Beziehung zur Museums-Erschließung stehen. Gerade für ikonographische Recherchen aber wird trotzdem ein reiches Material geboten, das nach den unterschiedlichsten Kriterien recherchiert werden kann. Dabei ist die Präsentation nüchtern, für Multmedia-Verhältnisse geradezu spartanisch. Das betrifft insbesondere die Tatsache, daß Abbildungen der Werke fehlen, was durch den gewiß unbefriedigenden Verweis auf die Inventar-Nummer in der Microfiche-Ausgabe nur behelfsweise ausgeglichen wird, denn diese ist zwar durchaus verbreitet, aber häufig nur mit Mühe zugänglich. Der eine oder andere Nutzer wird davon ein Lied zu singen wissen. Immerhin sind auf der beigelegten dritten CD-ROM ca. 20.000 Reproduktionen - allerdings in reiner Referenzqualität - aufgenommen, die dem entsprechen, was ebenfalls von Foto Marburg auf einer inzwischen auf mehr als ein Dutzend angewachsenen Reihe von Museums-(Teil-)Inventaren in besserer Auflösung vorliegt. Darüber hinaus ist die digitale Abbildungserschließung eines großen Teils der vorhandenen Photos kurzfristig angekündigt, und zwar glaubhaft, da bei der DFG ein großes Projekt zur Photodigitalisierung gefördert wird. Überhaupt scheint auch in Marburg der Tag nicht mehr weit entfernt, an dem alle Inhalte in den Webserver eingebunden werden.

Vorläufig aber bleibt die CD-ROM: Nach einfacher Installation, die auf allen Windows-Plattformen - aber auch nur auf diesen - möglich ist und zur Arbeitsbeschleunigung 9 MB freien Plattenplatz beansprucht, zeigt sich eine Recherche-Oberfläche, die in vier Bereiche geteilt ist, die wiederum selber eigens unterteilt sind.

So kann man nach "Objekten", "Themen", "Künstlern" und "Ort und Zeit" suchen. Die Objekte teilen sich in "Art", "Gattung", "Material" und "Technik" auf, die Themen in "Thema", "Dargestellte Person", "Dargestellter Ort" und "Dargestellte Region", "in welchem Zusammenhang", der Künstler in "Künstlername", "Künstlergeschlecht", "Geburtsort", "Sterbeort", "Werkstattname" und "Auftraggeber" und die Kategorie Ort und Zeit in "Aus welchem Land", "Aus welcher Zeit", "Aus welcher Sammlung", "Frühestes Datum" und "Spätestes Datum". Sobald man eine dieser Kategorien angeklickt hat, öffnet sich ein Indexfeld mit möglichen Suchbegriffen, die man entweder direkt auswählt oder an deren Schreibweise man sich orientiert. Dabei sind sämtliche Suchkategorien miteinander kombinierbar, so daß eine ausgesprochen differenzierte Suche möglich ist und man nicht von allzu großen Treffermengen erschlagen wird. Letztere Gefahr ergibt sich im übrigen schon dadurch nicht, daß sehr spezielle Konzepte vorherrschen: Schaut man etwa unter der Kategorie "Thema" in die Indexliste, so wird einem wenigsten jedes vierte Wort ganz und gar fremd vorkommen: Wer weiß schon, was mit "acamas", "acca larentia" und "achates" gemeint sein könnte? In jedem Fall empfiehlt sich eine Konsultation der Hilfe-Funktion, da manche Suchanfragen nicht unkompliziert sind. Nicht jeder wird auf die Idee kommen, "1801-1900" in die Suchmaske für die Entstehungszeit einzutragen, wenn er Werke des 19. Jahrhunderts aufspüren will.

Ein gefundenes Dokument macht dann dem Spartanischen des gesamten Aufbaus alle Ehre und setzt sich wohltuend von all dem multimedialen Schnickschnack ab, mit dem man vielfach auch seriöse Anwendungen aufzupolieren trachtet. Die wesentlichen Erschließungsdaten sind genannt, in manchen Fällen liegt eine umfangreiche Bibliographie bei. Überhaupt sind die Daten durchaus heterogen, was nicht nur mit der beschriebenen "verteilten Autorenschaft" zusammenhängt, die eine einheitliche Bearbeitung erschwert. Das betrifft außerdem etwa die per Link angefügten Biographien der Künstler, die zuweilen nur die spärlichen Angaben der Personennamen-Normdatei enthalten, manchmal aber auch ausgewachsene Biographien. Letzteres gilt für Künstler, deren Nachname mit einem frühen Buchstaben im Alphabet beginnt, da das neu entstehende "Allgemeine Künstler Lexikon" - Nachfolger des alten Thieme-Becker - ebenfalls aus der vorliegenden Datenbank generiert wird und die Texte der erschienenen Bände auf der CD aufgenommen sind. Leider offenbar nicht alle, wie Stichproben belegen: Sollte hiermit der Anreiz erhöht werden, ja nicht auf den Kauf der Lexikon-Teilbände zu verzichten?

Manche Ungereimtheiten fallen auf. Beispiel: Wie kommt Bismarck als "Dargestellte Person" in die CD mit der Kunst vor 1800? Warum hört CD Nr. 1 bei 1800 auf, wenn die Nr. 2 bei 1700 beginnt? Warum sind manche am Bildschirm dargestellten Texte unvollständig bzw. brechen mitten im Wort ab? Sollte man mit der Übertragung ins WWW noch warten, so wünschte man sich für die nächste Ausgabe in jedem Fall das DVD-Format, um sich den dauernden Wechsel zu ersparen bzw. auf der Illustrations-CD vielleicht auch eine vernünftige Auflösung betrachten zu können.

Für den privaten Anwender dürfte der Preis zudem geradezu prohibitiv sein. Institutionen aber, die mit der wissenschaftlichen Erschließung von Bildender Kunst zu tun haben, kommen um den Ankauf kaum herum. Als ideal dürfte sich auch hier der Ankauf einer Campus-Lizenz und die Installation etwa auf dem Server einer Universitätsbibliothek erweisen.

Rezensiert fuer H-Soz-u-Kult von:

HD Dr. Hubertus Kohle, Kunsthistorisches Institut der Universität Köln, e-mail: <hubertus.kohle@uni-koeln.de>


Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>

From: "Hubertus Kohle" <hubertus.kohle@mail1.rrz.Uni-Koeln.DE>
Subject: Rez. CD-ROM: Kohle ueber "Marburger Index"
Date: 29.05.99


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