Rezensiert für H-Soz-u-Kult von Sebastian Conrad
Der von Peter Schoettler (Historiker am Centre Marc Bloch in Berlin) herausgegebene Sammelband ist ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Geschichtswissenschaft in der Zeit des Dritten Reiches. Er unterscheidet sich auffallend von zahlreichen Stellungnahmen zu diesem Thema, die im Stile hagiographischer Nachrufe eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichtsschreibung des Dritten Reiches meiden. Hier werden nicht nur allgemeine Ueberlegungen zur moralischen Bewertung von Verstrickung und Schuld praesentiert, sondern in der Mehrzahl der sieben Beitraege eine Fuelle neuen Materials ausgebreitet, das geeignet ist, die lange unterbliebene Aufarbeitung der Geschichte der eigenen Disziplin auf eine breitere Grundlage zu stellen. Zwei Schwerpunktsetzungen lassen sich bei der Lektuere des Bandes ausmachen, die im Folgenden auch gesondert behandelt werden sollen: einerseits die Kritik an der Rolle der Historiker waehrend des Dritten Reiches; und andererseits die Auseinandersetzung mit der Frage, ob denn die ideologische Verstrickung der Zunft eine methodische Innovation oder 'wissenschaftlichen Fortschritt' ausschloss.
Der kritische Anspruch des Bandes wird bereits von Peter Schoettler in seiner Einleitung herausgestellt, die einen informativen Ueberblick ueber Forschungsstand und Fragestellung bietet. Dabei wird der "massive Beitrag der Universitaetshistoriker ... zur intellektuellen Legitimation des Regimes" im Nationalsozialismus (S.15) in den Vordergrund gestellt. Durch diese Blickrichtung wird der Anschluss an eine Debatte gewonnen, die in den letzten Jahren vor allem von Karl-Heinz Roth und Goetz Aly angestossen wurde. Dabei wurde einer Reihe von Historikern der Vorwurf gemacht, als "Vordenker der Vernichtung" zur nationalsozialistischen Politik des Voelkermordes beigetragen zu haben. In der Mehrzahl der von Schoettler versammelten Beitraege wird diese Perspektive - mehr oder weniger explizit - aufgegriffen.
Bernd Faulenbach (ueber die Historiographie waehrend der Weimarer Republik), Willi Oberkrome (ueber die 'Volksgeschichte') und Karen Schoenwaelder (ueber die Einstellung der Historiker zum Nationalsozialismus) skizzieren in ihren ueberblicksartigen Darstellungen das Verhaeltnis der Historikerschaft zur Politik und Ideologie der Zeit. In allen drei Aufsaetzen, die weitgehend auf bereits publiziertem Material beruhen, wird bereits die grosse Faszination des Nationalsozialismus auf die Mehrzahl der deutschen Historiker deutlich.
Mit neuem Material warten dagegen die Beitraege von Ingo Haar, Karl Heinz Roth, Gadi Algazi und Peter Schoettler auf. Ingo Haar, dessen Dissertation ueber "Historiker im NS-Regime" vor dem Abschluss steht, greift bei seiner Rekonstruktion der Koenigsberger Ostforschung auf umfangreiche Archivstudien zurueck. Im Mittelpunkt steht dabei eine Gruppe 'revisionistischer' Historiker um Hans Rothfels (zu der Theodor Schieder, Werner Conze, Rudolf Craemer und Erich Maschke gehoerten), deren weltanschauliche Naehe zur voelkischen Rhetorik der Jugendbewegung der 20er Jahre Haar in einem ausfuehrlichen ersten Teil nachweist. In einem zweiten Schritt unterzieht der Autor die Schriften von Hans Rothfels aus den fruehen 30er Jahren einer kritischen Lektuere und dokumentiert die Affinitaet zur nationalsozialistischen Ideologie. "Die Koenigsberger Historiker", so resuemiert Haar "traeumten von einer konfoederierten Voelkerordnung unter deutscher Fuehrung." (S.82)
Wie den Koenigsberger Schuelern von Hans Rothfels wird auch dem Werk Otto Brunners haeufig eine gewichtige Rolle bei der Entstehung der Struktur- und Sozialgeschichte attestiert. Gadi Algazi (Tel Aviv) bestreitet in seiner ausfuehrlichen Analyse von Brunners Hauptwerk "Land und Herrschaft" aber dessen methodisch innovativen Charakter und betont stattdessen die politisch reaktionaeren Tendenzen, die in der Logik der Argumentation Brunners verankert seien. Er rekonstruiert den Einfluss der Zeit auf Thematik, Denkfiguren und Sprache in Brunners Werk und kommt zu dem Schluss, dass es sich hierbei weniger um eine histoire totale als um "eine Variante totalitaerer Geschichtsschreibung" handelte (S.181).
Karl Heinz Roth (Hamburg) setzt sich mit der 'Ostforschung' auseinander. Sein Beitrag zielt auf die gegenseitige Durchdringung von wissenschaftlicher Taetigkeit und der Praxis des Voelkermords. Er verfolgt den Lebensweg des Historikers Hans Joachim Beyer, dessen ruecksichtslose Verquickung von Wissenschaft und Politik der "planvollen Umsiedlungs-, Vertreibungs- und Vernichtungspraxis den Weg" bahnte (S.279). Beyers Geschichtsschreibung wies grosse weltanschauliche Parallelen zur NS-Ideologie auf und dokumentierte die Transformation von Wissenschaft "zu einem Instrument der Macht" (S.266). Denn seine "historiographische Gelehrsamkeit" fuehrte Beyer nicht nur auf Lehrstuehle an den Universitaeten in Posen und Prag, sondern hatte ihn schon zur Beratung der Vernichtungspolitik im besetzten Polen qualifiziert.
Peter Schoettler schliesslich erweitert die Perspektive auf die Westforschung (von Historikern wie Franz Steinbach, Franz Petri, Ernst Anrich). Er unternimmt dabei den Versuch, zwischen Westforschung und nationalsozialistischer Westexpansion eine Beziehung zu etablieren, die ueber blosse ideologische Affinitaeten hinausgeht. Dabei stuetzt er sich auf Material, das die Nutzung der Arbeiten von Historikern durch die nationalsozialistische Politik dokumentiert. Auch die Westforschung, so Schoettlers Fazit, war de facto eine "Einmarschhistorie" und lieferte "eine relativ konsistente Begruendung dafuer ..., dass grosse Teile des 'Westraumes' ... annektierbar wurden." (S.231)
Der kritische Blickwinkel dieser Aufsaetze, der in der Regel auch durch Tonlage und Rhetorik unterstrichen wird, duerfte aus dieser knappen Zusammenfassung deutlich geworden sein. Peter Schoettler macht dies bereits in seiner Einleitung deutlich: "Kritische Geschichtsschreibung kann ... nicht umhin, ueber 'Opfer' und 'Taeter' gleichermassen zu forschen, ja zu 'ermitteln'." (S.21) Er sieht - in Anlehnung an Marc Bloch - im Historiker einen Untersuchungsrichter, und dies ist auch die Perspektive, die in der Mehrzahl der Beitraege eingenommen wird. Dadurch stehen bei der Suche nach Ursachen dafuer, dass im "Dritten Reich ... die deutsche Geschichtsschreibung .. so nachhaltig versagte" (S.20), vor allem einzelne Wissenschaftler im Blickpunkt der Analyse; die Autoren rekonstruieren die Instrumentalisierung von Historikern durch die verbrecherische Politik des Nationalsozialismus.
Schoettler plaediert zwar in der Einleitung fuer eine Analyse "im Sinne des Foucaultschen Diskursbegriffs" (S.19). In diesem Buch allerdings - das mag man begruessen oder bedauern - wird diesem Rat nur selten gefolgt. Ein solches Projekt koennte immerhin ueber die Bewertung einzelner Historiker hinausgehen, ueber die 'Ermittlung' ihrer Intentionen und Absichten sowie die Berechnung ihres Einflusses auf die Gesellschaft. Statt dessen liesse sich dann noch mehr Gewicht auf die Prinzipien und Logiken legen, die die diskursiven und nichtdiskursiven Praktiken der Zeit strukturierten. Damit waere moeglicherweise ein Zugang zum Problem der Komplizitaet von Wissenschaft und Machtpolitik denkbar, der ueber die Vorstellung von der Instrumentalisierung einer potentiell 'unschuldigen' Wissenschaft durch eine reaktionaere Ideologie hinausginge.
Hier ist hingegen von "intellektuellen Vordenkern" die Rede, die wissenschaftliche und gesellschaftliche Prozesse "steuerten" (Roth, S.263). "Historiographische Gelehrsamkeit transformierte sich zu einem Instrument der Macht" (Roth, S.266). Auch der Titel des Bandes evoziert den instrumentalen Charakter, der der Geschichtswissenschaft hier zugemessen wird. Fuer die Autoren geht es um die Frage, "inwieweit die Geschichtswissenschaft subjektiv und objektiv dazu beitrug, das nationalsozialistische Herrschaftssystem ... zu stuetzen und ... zu legitimieren." (Schoenwaelder und Schoettler, S.16) Die einzelnen Beitraege sind daher vom Erstaunen und Erschrecken darueber gekennzeichnet, dass einer als Wissenschaft begriffenen Geschichtsschreibung das Abgleiten in die Barbarei ueberhaupt moeglich ist. Diese Fragestellung allerdings, das nur in Parenthese, basiert zumindest auf der Moeglichkeit, zwischen Wissen und Macht, zwischen Methode und Ideologie saeuberlich zu trennen.
Diese Perspektive bestimmt auch die Behandlung der uebergreifenden Problematik, mit der sich fast alle Aufsaetze auseinandersetzen, und zwar die Frage nach dem Innovationspotential von Ost- und Westforschung im Dritten Reich. "In welchem Ausmass sind historische Forschungsergebnisse, die waehrend des Nationalsozialismus erarbeitet und veroeffentlicht wurden, ueberhaupt wissenschaftlich ernstzunehmen?" (Schoettler, S.17) Die Mehrzahl der hier versammelten Aufsaetze wendet sich gegen die Interpretation von Willi Oberkrome, aber auch an anderer Stelle von Winfried Schulze oder Juergen Kocka, die zu dem Schluss kommen, dass sich in einigen Werken der Volksgeschichte "die heuristischen Moeglichkeiten einer fruehen Reformhistoriographie" (Oberkrome, S. 115) bereits andeuteten. Auch wenn Oberkrome von der Volksgeschichte keine direkte Linie zur Struktur- und Sozialgeschichte der Nachkriegszeit ziehen mag, kennzeichnet er die von Soziologie, Volkskunde und Landesgeschichte beeinflussten Neuansaetze dennoch als "methodisch innovativ" (S.113).
Mehrheitlich erheben die anderen Autoren dieses Bandes Einspruch gegen die Oberkrome-These, dass die am Begriff des Volkes orientierte Geschichtsschreibung der 30er Jahre "anscheinend essentielle Grundlagen einer spaeteren Sozialgeschichte antizipiert hat" (Oberkrome, S.111). Karl Heinz Roth etwa spricht von der "Fragwuerdigkeit des juengsten Versuchs ..., die Volkstumsgeschichtsschreibung des deutschen Faschismus in eine Dichotomie von verwerflichen revisionistischen Zielstellungen und interdisziplinaer- innovativer Konzeptionsbildung aufzuspalten" (S.316). Hier wird also gefordert, die wissenschaftlichen Texte jener Zeit intensiver auf ihre interne Logik und Kohaerenz hin zu befragen, statt die angebliche Innovation anhand von formalen Kriterien beinahe apodiktisch zu behaupten. Denn die methodischen Erweiterungen seien nicht zu trennen von der rassistischen und moerderischen Praxis der nationalsozialistischen Expansionspolitik.
Dabei wird allerdings deutlich, dass der hier gewaehlte Massstab fuer die Bewertung methodischer Ansaetze in letzter Instanz ein politischer ist.Waehrend also Oberkrome zwischen methodischer Innovation und der politischen "Funktionalisierung ... im Interesse des 'Dritten Reiches'" (S.111) unterscheidet, erscheinen in den Augen seiner Kritiker West- und Ostforschung von vornherein als moralisch problematisches Projekt. Fuer Peter Schoettler, um diese Sichtweise an einem Beispiel zu illustrieren, waren es ihre "ideologischen Blockaden", die es der Westforschung "so schwer machten, ihren Innovationsanspruch einzuloesen" (S.228). Gegenueber Oberkromes Versuch, zwischen Methode und politischen Implikationen zu differenzieren, beharren die anderen Autoren dieses Bandes nachhaltig auf dem Primat der Politik und wollen "eine Trennung von Ziel und Methodik nicht zulassen" (Roth, S.316).
Auch Oberkromes Kritiker allerdings loesen sich nicht grundsaetzlich vom Konzept der aInnovationA. Fuer sie bemisst sich der innovative Charakter einer Forschungsrichtung aber an seinem politischen, d.h. emanzipatorischen Gehalt. Die Annales-Historiographie gilt Schoettler daher auch als innovativ, weil sie beispielsweise eine - aus heutiger Sicht - "'positive' Grenzgeschichte" wie die Lucien Febvres ermoeglichte. Auch wenn die deutsche Westforschung mit identischen Methoden operiert haette, muesste man ihr dieses Attribut absprechen, "weil das voelkische Dogma und das Dogma vom Erbfeind derartige Fragestellungen von vornherein ausschlossen" (S.260). Der Vergleich mit der Annales-Schule (Schoettler, S.232) unterstreicht, dass hier der Begriff der methodischen Innovation nicht prinzipiell abgelehnt wird, sondern nur dann, wenn die vorgebliche 'Innovation' von einer reaktionaeren Politik vereinnahmt wird. Dabei faellt aus dem Blick, dass keine methodische Neuerung gaenzlich unberuehrt bleibt von den sozialen Bedingungen ihrer Konstitution; das gilt auch fuer die Annales-Historiographie, fuer die Zeitgeschichte nach dem Krieg oder auch fuer die deutsche Sozialgeschichte. Man wird der Frage daher nicht gaenzlich ausweichen koennen, ob nicht doch bestimmte methodische Neuerungen eine Erweiterung bzw. Verschiebung der Fragestellungen, Themen oder Quellenbestaende ermoeglichen - auch wenn sie gleichermassen (aber: welche Methode liefe da nicht Gefahr) von einer reaktionaeren Ideologie in Anspruch genommen werden koennen.
Moeglicherweise waere es aber vielversprechender, den Begriff der 'Innovation' selbst zu problematisieren. Denn im Grunde teilen beide Seiten der Debatte eine Auffassung von Innovation, die noch von der Hoffnung auf die befreiende Wirkung der Wissenschaft durchdrungen ist. Ob also die Autonomie der Methode behauptet oder aber am Primat des Politischen festgehalten wird: beide Seiten setzen auf das progressive Potential wissenschaftlicher Innovation. Eine methodische Ausweitung muss jedoch nicht als Fortschritt in einem normativ aufgeladenen Sinne verstanden werden, sondern kann auch als Perspektivenaenderung, als Paradigmenwechsel begriffen werden - mit je spezifischen gesellschaftlichen Voraussetzungen und Wirkungen. Auch hier koennte ein Ansatz weiterfuehren, der der gegenseitigen Durchdringung von Wissen und Macht als konstitutiver Bedingung jeder Wissenschaft Rechnung tragen wuerde.
Die wissenschaftsgeschichtliche Einordnung von Volksgeschichte, West- oder Ostforschung duerfte somit weiterhin umstritten bleiben. Unbestritten ist jedoch, dass bei der Aufarbeitung der Geschichtsschreibung im Nationalsozialismus immer noch ein Nachholbedarf herrscht, der zunaechst durch intensive Einzelstudien verringert werden muss. Der vorliegende Band vereint die kritische Perspektive, die bei der Behandlung dieses Themas bisher haeufig zu kurz kam, mit der Erschliessung neuen Materials und leistet so einen wesentlichen Beitrag zu einem informierten Umgang mit der Geschichte der historischen Disziplin. Die Beispiele zeigen, wie wichtig und notwendig solche Einzelfallstudien sind - die dann zugleich die Moeglichkeit schaffen, ueber die Bewertung individueller Verstrickungen hinauszugehen. Auf einer solchen Grundlage waere dann die Loesung von der personalisierenden Perspektive denkbar, die durch eine Rekonstruktion der Regeln des historiographischen Diskurses und seiner Verbindungen zum gesellschaftlichen Kontext zu ergaenzen waere.
Rezensiert fuer H-Soz-u-Kult von:
Sebastian Conrad <sconrad@zedat.fu-berlin.de> Freie Universitaet Berlin, Arbeitsstelle fuer Vergleichende Gesellschaftsgeschichte
Beachten Sie bitte auch die Diskussion zu diesem Thema in
H-Soz-u-Kult:
Historiker in der NS-Zeit - Hitlers willige Helfer?
Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>
From: Sebastian Conrad <sconrad@zedat.fu-berlin.de>
Subject: Rezension Schoettler
Date: 17.3.1998