Rezensiert für
H-Soz-u-Kult von
Ulrich Wyrwa, Technische Universität Berlin
Wenn die aktuelle historische Forschung zur Geschichte der Juden die italienisch-jüdische Geschichte sträflich vernachlässigt hat, so gilt dies ebenso für eine so aufschlussreiche und vielfältige jüdische Gemeinde wie Triest. Als adriatische Hafenstadt des Habsburgischen Vielvölkerstaates lag Triest im Schnittpunkt der italienischen, deutschen und slawischen Kultur, und dieser kosmopolitische Ort verband die mitteleuropäische mit der mediterranen Welt.
Seit dem späten 14. Jahrhundert zu Habsburg gehörig, erhielt Triest in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen Freihafen, und Menschen aller Nationen und Religionen wurden eingeladen, sich in der Stadt niederzulassen und Handel zu treiben. Die Eröffnung des Freihafens führte, wie Lois C. Dubin in ihrer von Yosef Hayim Yerushalmi mitbetreuten Dissertation ausführt, zu einer expliziten Toleranzpolitik gegenüber religiösen und ethnischen Minderheiten, und damit wurde Triest für Juden, griechisch- und serbisch-orthodoxe Christen, Protestanten und Armenier attraktiv. Erstaunlicherweise war es gerade die für ihre negative und harsche Haltung gegenüber allen Nicht-Katholiken bekannte Maria Theresia, welche die institutionellen Voraussetzungen für eine multireligiöse, polyethnische und kosmopolitische Bevölkerung in Triest sorgte. Diese Politik führte zu einem raschen Ansteigen insbe-sondere der jüdischen Minderheit und zu einem radikalen sozioökonomischen Wandel der Stadt im 18. Jahrhundert. 1746 hatte Maria Theresia die jüdische Gemeinde als eigenständige und unabhängige Gemeinde eingeführt; im Statut von 1771 bestätigte sie die korporativen Rechte und gleichzeitig erkannte sie in einem Privileg den einzelnen Gemeindemitgliedern individuelle Rechte zu. Die beiden Edikte von 1771 gaben den Juden als Individuen wie auch als Mitgliedern der Gemeindeinstitutionen Rechtssicherheit. An diese Politik knüpfte Maria Theresias Sohn und Nachfolger Joseph an und führte sie in seinen Toleranzedikten weiter. Im Unterschied zu Maria Theresia aber hielt Joseph nicht mehr an der Hegemonie der katholischen Kirche fest, sondern trat dezidiert für Glaubensfreiheit ein. Auf-grund der vorteilhaften Lage der Juden von Triest erließ Joseph kein eigenes Edikt für die adriatischen Hafenstadt ein Umstand, der einige Verwirrung in der Sekundärliteratur hervorgerufen hat, wie Du-bin betont sondern erließ eine Hofresolution, in der er die Toleranzpolitik für Triest bestätigte, so dass Dubin für die Triester Juden von einer Kontinuität von den Theresianischen bis zur Josephinischen Edikten spricht.
Die Toleranzpolitik stieß mit ihrem Ziel, Juden zu nützlichen
Bürgern zu machen auf fruchtbaren Boden, und die jüdische Gemeinde
nahm auch Josephs Erziehungsinitiative auf, so dass 1782 eine neue jüdische
Schule eröffnet wurde. Das im aschkenasischen Judentum Mitteleuropas
so drängende Sprachproblem indes stellte sich unter den Juden von Triest
nicht, da sie, wie die Juden in anderen italienischen Ländern auch,
Italienisch sprachen. Vor allem der in Berlin lebende jüdische
Aufklärer Hartwig Wessely war es, der mit seinen auf Bitte der
jüdischen Gemeinde von Triest verfassten Send-schreiben die dortigen
jüdischen Erfahrungen in Europa bekannt machte. Wessely stellte das
Triester Judentum als kultviert und aufgeklärt dar, und er war
überzeugt, dass ihre Handelserfahrungen zu-sammen mit der italienischen
Kultur und Zivilisation sowie dem sephardische Erbe ein Modell für das
in seinen Augen unterentwickelte und unkultivierte aschkenasische Judentum
bilde.
Die Toleranzpolitik hatte zur Folge, dass auch das 1693 errichtete Ghetto
aufgelöst wurde; eine Re-form, die auf jüdischer Seite auch Widerspruch
hervorrief, da das Ghetto, so wurde betont, den Juden zugleich Schutz und
Sicherheit geboten habe. Eine weitere Konsequenz der neuen Toleranzpolitik
war, dass Juden nunmehr zum Militärdienst herangezogen wurden. Die
Veränderungen innerhalb der jüdischen Gemeinde und den Wandel der
religiösen Praxis, sowie die Herausforderung an die religiö-sen
Autoritäten durch neue Heiratsgesetze im Habsburg-Reich analysierend
gibt Dubin erhellende Einblicke in die jüdischen Lebenswelten dieser
vielfältigen, multikulturellen und von der historischen Forschung allzu
lange vernachlässigten Hafenstadt.
Dubins Studie kann sich mit ihrer Konzentration auf diese Stadt nicht zuletzt
deshalb als richtungsweisend und innovativ für die weitere Forschung
erweisen, als sie grundlegende Annahmen und Hypothesen, von denen die bisherige
Literatur zur Geschichte der Emanzipation der Juden in Europa aus-gegangen
ist, in Frage stellen bzw. relativieren kann. Gegen die These, dass die
Toleranzpolitik der Aufklärungszeit sich allein nach utilitaristischem
Kalkül und ökonomischen Nützlichkeitserwägungen gerichtet
hätte, kann Dubin zeigen, dass sich in Josephs Toleranzpolitik Fragen
des Nutzens, der Moral und einer humanen Politik untrennbar miteinander
verknüpft waren. Zweitens stellt Dubins Studie die These in Frage, dass
die Emanzipation nur den Juden als Individuen, nicht aber den jüdischen
Religionsgemeinschaften zugestanden wurden. Das Beispiel Triest zeigt, dass
sowohl die Gemeinden als Korporation wie auch die einzelnen Juden als
Bürger gleichgestellt waren. Was die Studie von Dubin darüber hinaus
so anregend macht ist der Umstand, dass sie eine Gruppe von Juden in den
Blick nimmt, die bisher von der Forschung kaum als eigenständige
sozio-kulturelle Formation wahrgenommen worden ist. Während sich die
Kategorie der Hofjuden zum Beispiel in der geschichtswissenschaftlichen Literatur
als hilfreiches analytisches Konzept erwiesen hat, ist der Begriff der
Hafenjuden, wie ihn Dubin vorschlägt, ein Novum, das seine empirischen
und methodischen Möglichkeiten an an-deren Fällen noch zu erweisen
hat und zu weiteren vergleichenden Studien - mit den jüdischen Gemeinden
von Bordeaux, Livorno, Hamburg, Amsterdam, Saloniki und Odessa etwa - geradezu
her-ausfordert.
Rezensiert für
H-Soz-u-Kult
von:
Ulrich Wyrwa, Technische Universität Berlin
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