Rezensiert für H-Soz-u-Kult von Kilian Steiner, Seminar für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität
Vier Jahre nach dem ersten Band der als Trilogie angelegten Unternehmensgeschichte von Carl Zeiss Jena ist im Jahr 2000 der zweite Band, der die Zeit vom Tod Ernst Abbes bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges behandelt, erschienen [1]. Gegenstand des vom Mitherausgeber der Trilogie, Rolf Walter, verfassten Bandes ist nicht die Unternehmensgeschichte des Gesamtkonzerns bzw. der Carl Zeiss-Stiftung, sondern die des Jenaer Zeisswerks. Die Geschichte des gesamten Unternehmenskomplexes wird nur insoweit einbezogen, wie es zum Verständnis der Entwicklung des Stammwerkes nötig ist.
1. Methode und Konzeption
Im einleitenden Kapitel erläutert Rolf Walter seine Konzeption einer
modernen Unternehmensgeschichte am Beispiel Zeiss. Wer sich hiervon allerdings
einen wesentlichen Beitrag zur Theoriebildung des Faches Unternehmensgeschichte
erwartet, wird indes enttäuscht werden. Vielmehr handelt es sich um
eine nachgereichte, methodische Unterfütterung der geplanten Trilogie.
Rolf Walter verfolgt als Herausgeber und Autor einen sehr breiten Ansatz,
der Elemente der Wirtschafts-, Sozial-, Technik-, Politik- und
Unternehmer-geschichte in sich vereint. Wie im ersten Band liegt
der Fokus nicht auf einer expliziten Fragestellung. Grundlage der Analyse
sollen die Theorieangebote der Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre
sein. Die empirische Basis bilden zu 95% die Primärquellen aus den
beneidenswerten Beständen des Unternehmensarchivs in Jena. Dies ist
leider zugleich die größte Schwäche des Projektes. Denn eine
moderne Unternehmensgeschichte erfordert auch die kritische Auseinandersetzung
mit der Überlieferung innerhalb des untersuchten Unternehmens. Dies
geschieht am besten durch Heranziehung externer Quellen. Genau dies erfolgt
hier jedoch nur in Ausnahmefällen.
2. Inhalt
Die Untersuchung setzt mit dem Tod Ernst Abbes 1905 und der Regelung der
Nachfolgefrage ein. Die ersten beiden Kapitel befassen sich mit der Geschichte
des Zeisswerkes bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Es werden Themen wie
die innerbetriebliche Sozialpolitik, die wirtschaftliche Expansion, die
Internationalisierung, der Verlust von Auslandsvermögen im Krieg sowie
die Entwicklung von Angebot und Nachfrage im zivilen und militärischen
Bereich behandelt.
Das dritte Kapitel betrachtet die Unternehmensentwicklung zur Zeit der Weimarer Republik. Mit Geschick wurde bei Zeiss der Übergang von der Kriegswirtschaft zur Friedenswirtschaft gemeistert. Besonders hervorzuheben ist die Teilnahme an einem internationalen Konditionenkartell auf dem Gebiet der Mikroskopie (Mikro-Konvention von 1919) sowie die Umgehung des Artikels 170 des Versailler Vertrages (Exportverbot für Militärgüter) durch Gründung einer niederländischen Tochtergesellschaft. Rolf Walter konzentriert sich dann auf die Rationalisierung des Produktportfolios bei Zeiss und die Gründung der Zeiss Ikon AG (1926) in Dresden. Es handelt sich dabei um eine der größten Fusionen in der Industriegeschichte der Weimarer Republik (S. 136). Obwohl es sich hier um einen der stärksten Abschnitte des Buches handelt, muss bemerkt werden, dass es etwas seltsam anmutet, wenn im Abschnitt Die Besetzung der Chefetage bei Zeiss Ikon (S. 144f) nur die ehemaligen Carl Zeiss Mitarbeiter (Heinz Küppenbender, Alfred Simader) Erwähnung finden und der Vorstandsvorsitzende Prof. Emanuel Goldberg mit keinem Wort erwähnt wird. Bei Goldberg handelt es sich zugleich um den ranghöchsten (S. 208) jüdischen Mitarbeiter im gesamten Konzern und Mitbegründer der in einem Exkurs behandelten Fernseh AG. Literatur und Quellenlage hätten eine kurze Erwähnung durchaus zugelassen [2]. Das Kapitel wird mit einer Betrachtung des Unternehmens in der Weltwirtschaftskrise beschlossen.
Das vierte Kapitel behandelt die Unternehmensgeschichte von der Machtergreifung bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges. In den Abschnitten Gleichschaltung und Übergang zur gelenkten Wirtschaft wird die Einbindung des Unternehmens in die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik erörtert. Dem Führerprinzip in der Wirtschaft stand dabei die Stiftungssatzung entgegen: Man einigte sich als Kompromiss darauf, dass die vom Leitungs-Kollegium getroffenen Entscheidungen nur von einem Mitglied nach außen vertreten wurden. Diese Funktion übertrug man August Kotthaus. (S. 171). Dieser wird als gemäßigtes Mitglied der Partei beschrieben. Der Versuch der Partei das Unternehmen zu kontrollieren scheiterte jedoch. 1934 wurde der Interims-Stiftungskommissar und NSBO-Mann Julius Dietz durch den Physiker und Staatsrat Abraham Esau ersetzt. Über diese äußerst schillernde Figur der NS-Wissenschaftsgeschichte hätte man jedoch gerne mehr erfahren. Ab etwa 1934/35 machte der militärische Anteil am Gesamtumsatz des Zeisswerkes in Jena über 50% aus. Die Behandlung jüdischer Mitarbeiter wird gegen Ende des Kapitels aufgearbeitet. Aus der Geschäftsleitung musste im Herbst 1933 Rudolf Straubel ausscheiden, da er mit einer Jüdin verheiratet war. Der Fall Goldberg fehlt hier ebenfalls. Er wurde im April 1933 verhaftet und emigrierte. In beiden Fällen bemühte sich das Unternehmen jedoch um eine Weiterbeschäftigung innerhalb des Konzerns [3]. Wie bei den meisten Unternehmen wurden auch bei Zeiss vereinzelt jüdische Mitarbeiter bis in die Kriegszeit hinein weiterbeschäftigt.
Im fünften Kapitel wird die Unternehmensgeschichte bis unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges betrachtet. Wie in jeder neueren unternehmensgeschichtlichen Studie wird auch der Einsatz von Fremd- und Zwangsarbeitern untersucht. Rolf Walter kommt zu dem in der Tat erstaunlichen Ergebnis, dass ein deutscher Betrieb der Größe des Zeisswerkes (1941/42 über 14.000 Beschäftigte) ohne den Einsatz von KZ-Häftlingen auskam. Hier wirkt sich allerdings auch aus, dass sich die Studie eben nur auf das Zeisswerk in Jena beschränkt und Einsätze innerhalb des Konzerns nur am Rande erwähnt werden [4]. Dennoch bleibt das Ergebnis bemerkenswert. Die Studie endet mit der Demontage des Zeisswerkes und dem Abzug von Humankapital durch Amerikaner und Russen.
3. Fazit
Die Studie erschließt erstmals der Forschung die umfangreichen
Bestände des Unternehmensarchivs in Jena und schließt bestehende
Forschungslücken. Allerdings erweist sich der bereits in Band 1 postulierte
umfassende Ansatz im jetzt vorliegenden Band 2 eher als hinderlich. Zu viele
Sonderentwicklungen wie der Erste Weltkrieg, die Inflation, die
Weltwirtschaftskrise, das Dritte Reich und schließlich der Zweite Weltkrieg
prägten diese Phase der Geschichte des Zeisswerkes (1905-1945). Die
Folge von beidem ist, dass zahlreiche Themen nur angerissen aber kaum vertieft
werden können. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass sich noch
zahlreiche UnternehmenshistorikerInnen mit der spannenden Geschichte dieses
deutschen Global Players auseinandersetzen können.
Anmerkungen:
[1] Hellmuth, Edith u. Wolfgang Mühlfriedel: Carl Zeiss: Die Geschichte
eines Unternehmens, Bd. 1: Zeiss 1846-1905: Vom Atelier für Mechanik
zum führenden Unternehmen des optischen Gerätebaus, Köln 1996.
[2] Buckland, Michael: Emanuel Goldberg, electronic document retrieval, and
Vannevar Bushs Memex, in: Journal of the American Society for Information
Science 43 (1992), S. 284-94; Buckland, Michael: Zeiss Ikon and television:
Fernseh AG, in: Zeiss Historica 17 (1995), S. 17-19.
[3] Rudolf Straubel blieb weiterhin Aufsichtsratsvorsitzender der Zeiss Ikon
AG. Prof. Emanuel Goldberg übernahm dagegen ab 1933 in Paris die Leitung
der Zeiss Tochtergesellschaften Optica und Iconta (vgl. die Forschungsergebnisse
von M. Buckland in Anmerkung 2). Nicht verständlich ist dagegen die
Bemerkung Rolf Walters, in Paris sei bis 1933 ein jüdischer Mitarbeiter
namens Prof. Dr. Goldberg beschäftigt worden (S. 216). Unter der
Voraussetzung, dass es sich nicht um einen Fall von Namensgleichheit handelt,
hätte es heißen müssen: ab 1933. In solchen
Fällen wirkt sich das schlechte Lektorat des Buches als sehr lesehemmend
aus. Neben einigen übersehenen Tippfehlern sind Namen und Sachregister
nicht besonders hilfreich. So führt das Namenregister zwei Goldbergs
auf, obwohl es sich vermutlich um ein und dieselbe Person handelt. Bei vielen
Personen wie zum Beispiel auch dem Stiftungskommissar Esau wurden die Vornamen
nicht recherchiert. Im Sachregister fehlen bei der Fernseh AG die Seitenzahlen
und unter der Werkzeugmaschinenfabrik Ludwig Loewe & Co. wird teilweise
auch die Radio AG D. S. Loewe subsumiert.
[4] Innerhalb des Konzerns erfolgten Einsätze von KZ-Häftlingen
bei der Zeiss Ikon AG in Dresden und der Mitteldeutsche Papierwerke GmbH
in Tannroda und eventuell auch im KZ Buchenwald selbst. Der Einsatz von KZ
Häftlingen bei Anschuetz & Co. in Kiel-Neumühlen [vgl. ITS
(Hg.): Catalogue of Camps and Prisons in Germany and German-occupied Territories,
01.09.1939-08.05.1945, Arolsen 1949, S. 491] wird dagegen nicht erwähnt.
Rezensiert für
H-Soz-u-Kult
von:
Kilian Steiner, Seminar für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der
Ludwig-Maximilians-Universität Ludwigstr. 33/III 80539 Muenchen
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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von:
Vera Ziegeldorf <ZiegeldorfVera@geschichte.hu-berlin.de>
Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>
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