Rezensiert für
H-Soz-u-Kult von
Jürgen Müller, Historisches Seminar der Johann Wolfgang
Goethe-Universität Frankfurt am Main
Die Reihe des Beck-Verlags verfolgt das Ziel, auf knappstem Raum gesichertes Wissen zu einem gegebenen Thema zu vermitteln. Diese Erwartung erfüllt der von Hans-Ulrich Wehler verfaßte Band Nationalismus nur zum Teil. Dem Ausgangspunkt Wehlers, daß die Nationalismusforschung durch die Arbeiten Gellners, Andersons und Hobsbawms seit den 1980er Jahren auf völlig neue Grundlagen gestellt worden sei, stimmt man gerne zu, und es ist sehr zu begrüßen, daß Wehler dies deutlich ausspricht. Die Einsicht, wonach die Nation keine gegebene quasi-natürliche Einheit in der europäischen Geschichte darstellt, sondern vielmehr eine gedachte Ordnung, eine imaginierte Gemeinschaft ist, hat die Forschung in der Tat einen großen Schritt vorangebracht.
Nach einem Vorwort, in dem Wehler sich fünfmal auf Max Weber beruft, legt er in zehn Kapiteln dar, wie der Nationalismus im Okzident entstand, wie und warum er sich ausbreitete, aus welchem Ideenfundus er schöpfte; er stellt (viel zu knapp) die sozialen Trägerschichten vor, skizziert die verschiedenen Typen des Nationalismus und ihren jeweiligen Verlauf, und er geht am Ende auf die ihm seiner Ansicht nach unverdient zugeschriebenen Erfolge sowie das zu wünschende baldige Ende des Nationalismus ein.
Wehler begnügt sich indessen nicht mit einer sachlichen Darlegung des heutigen Kenntnisstandes über den Nationalismus. Vielmehr nimmt er sich des Themas in gewohnt aggressiver und apodiktischer Weise an. Das Buch ist teilweise in geradezu alttestamentarischem Furor geschrieben, die Sprache ist durchsetzt von Manierismen und Hyperbeln, die Thesen sind radikal zugespitzt, ohne dadurch immer besonders genau zu sein. So wird der Nationalismus mal als ein Weltbild, mal als ein Ideensystem, eine Doktrin, eine Legitimations-, Integrations- und Mobilisierungsideologie oder eine ingeniöse soziale Erfindung als Antwort auf die revolutionären Krisen des westlichen Modernisierungsprozesses charakterisiert. Eine besondere Vorliebe hat Wehler für die Interpretation des Nationalismus als politische Religion, wobei für ihn Religion immer gleichbedeutend ist mit Irr- bzw. Aberglauben. Um diesen angeblich alles andere überwiegenden Zusammenhang von Nationalismus und Religion ein- für allemal klarzustellen, öffnet Wehler die Schleusen seiner Eloquenz und begräbt den Leser unter einem rhetorischen Sturzbach. Hier ein Beispiel: Während der Anschluss an die jüdisch-christliche Tradition einen eschatologischen Erwartungshorizont auch für den Nationalismus öffnete, nährte der Messianismus der altisraelitischen Tradition und der neutestamentarischen Variante des Wandercharismatikers aus Nazareth ein nationales Sendungsbewusstsein in gleichwie säkularisierter Form, das der eigenen Nation eine Vorrangstellung in der Welt zusprach (S. 30/31). So deutlich hat es bisher noch kein Historiker ausgesprochen, daß der Nationalismus ideologisch auf der Heiligen Schrift und dem frühen Christentum beruht.
Die heftige Kritik am Nationalismus, die Wehler vorbringt, ist in Vielem gewiß nachvollziehbar und begründet, doch stören die häufigen Pauschalisierungen. Tendierte der Nationalismus wirklich immer und überall zur Missachtung rechtlicher Barrieren, zur gewalttätigen Entartung, zur Despotie seiner ,politischen Religion (S. 109)? Kommt es nicht einer Kapitulation nahe, wenn wir als Historiker geschichtliche Phänomene mit ihrer naturgegebenen Bösartigkeit erklären, anstatt zu differenzieren nach den konkreten politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Verhältnissen und Entwicklungen?
Wegen ihres oft polemischen und provozierenden Charakters ist Wehlers Studie meines Erachtens in der Reihe Wissen fehl am Platz, denn das Wissen wird hier über Gebühr mit den Glaubenssätzen des Autors angereichert. Wer ihm nicht folgen will, dem wird ein unzureichendes Reflexionsniveau bescheinigt. Nach der Lektüre kam mir ein englisches Sprichwort in den Sinn: the leopard doesnt change its spots. Und nicht nur das. Der Leopard empört sich auch darüber, daß andere Raubkatzen so uneinsichtig sind, ohne Flecken oder gar mit Streifen durch die Gegend zu laufen; im übrigen hält er die friedlich grasenden Antilopen, die er mit Vorliebe verspeist, wahrscheinlich für einfältige Geschöpfe.
Rezensiert für
H-Soz-u-Kult
von:
Jürgen Müller, Historisches Seminar der Johann Wolfgang
Goethe-Universität Frankfurt am Main
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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von:
Vera Ziegeldorf <ZiegeldorfVera@geschichte.hu-berlin.de>
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