Rezensiert für H-Soz-u-Kult von Dieter Pohl
Das Hauptproblem der von Bogdan Musial entwickelten Argumentation scheint mir weniger in Einzelheiten der Darstellung als in ihrer grundsaetzlichen Anlage zu bestehen. Genauso wenig wie die Geschichtsschreibung eine einfache Abbildung vorgefundener realer Strukturen ist, entstehen "Motive" oder das, was wir gemeinhin "Erfahrungen" und "Wahrnehmungen" der Zeitgenossen nennen, direkt aus der Wirklichkeit. Selbst physische Extremerfahrungen werden von Betroffenen durchweg unterschiedlich "wahrgenommen" und interpretiert. Im Krieg verlorene Gliedmassen fuehren den einen zum unversoehnlichen Hass auf das verantwortliche politische Regime - jedenfalls begruendet es der Versehrte so -, waehrend der andere den Buecherschrank mit Kriegsliteratur fuellt, um dem Verlust auf diese Weise "Sinn" zu geben. Was nun die "Wahrnehmung" sowjetischer Herrschaft als "juedische" Herrschaft durch die polnische Bevoelkerung angeht, auf die Musials Argumentation im Kern abhebt, so ist offensichtlich unbestreitbar, dass eben auch die juedische Bevoelkerung - ob nun lange oder kurz ansaessig - zu ganz erheblichen Teilen von den untersuchten Verfolgungsmassnahmen betroffen war. Auf was sich nun die "Wahrnehmung" des nichtjuedischen polnischen Bevoelkerungsteils bezog, die Tatsache gemeinsamer Verfolgung oder der Umstand, dass sich unter den Verfolgern ueberproportional viele Juden befanden, ist durch die Realitaet nicht vorgegeben. Es sind "Optionen", aus denen man vor dem Hintergrund von Voreinstellungen eine bestimmte waehlt. Etwas anderes mag eher eine Rolle spielen: der Umstand, dass starker Verfolgungs- und Leidensdruck - entgegen einfachen psychologischen Annahmen - nur in Ausnahmefaellen zu spontaner Solidaritaet der Verfolgten, viel haeufiger dagegen zu bitteren Konflikten zwischen verschiedenen Opfergruppen fuehrt. Vorhandene Spannungen und Ressentiments werden in solchen Extremsituationen nicht selten ausserordentlich gesteigert. Von daher scheint es plausibler anzunehmen, dass es in erster Linie der Verfolgungsdruck selbst war - unabhaengig davon wie sich die Gruppe der Verfolger im einzelnen zusammensetzte -, der vorhandene antisemitischer Ressentiments weiter vertiefte.
Michael Prinz
Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>
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