Bogdan Musial: "Konterrevolutionaere Elemente sind zu erschiessen". Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941, Berlin/Muenchen: Propylaeen 2000, 349 S., zahl. Abb., ISBN: 3-549-07126-4, Preis: DM 44,-

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von Dieter Pohl

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Kommentar von Bogdan Musial

Ich bin Dieter Pohl dankbar, dass er mich in seiner Besprechung meines Buches "'Konterrevolutionaere Elemente sind zu erschiessen'. Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941" vor heftigen Attacken, die in der Vergangenheit gefahren worden sind, in Schutz nimmt. Andererseits wirft er mir selbst zum Teil schwerwiegende handwerkliche Maengel vor, die unzutreffend sind. Hier einige Beispiele:

Pohl behauptet: "Musials Darstellung der sowjetischen Gewaltherrschaft in Ostpolen befindet sich nicht immer auf der Hoehe der Historiographie. Die Einsichten der neuen Stalinismusforschung, etwa zur Verfolgung der Polen, sucht man vergebens. [...] Hier hat sich der Autor zu sehr auf seine Hauptquelle, die Untersuchungen von Albin Glowacki, verlassen. Dessen Vermutungen [Herv. B.M.] ueber die Massenverhaftungen unter den Bevoelkerungsgruppen sind inzwischen korrigiert worden: Bis Februar 1941 waren zu 43% Polen betroffen, aber zu 25% Juden, d.h. letztere weit ueberproportional."

Als Quelle, in welcher die "Vermutungen" von Glowacki korrigiert worden seien, gibt Pohl eine Veroeffentlichung aus dem Jahre 1997 an. Allerdings erschienen die "Vermutungen" von Glowacki ebenfalls im Jahre 1997. Ferner ist es m.E. unangemessen, die Forschungsergebnisse von Glowacki als "Vermutungen" darzustellen, denn sein Buch (Habilitationsschrift) stuetzt sich auf eine sehr breite Quellenbasis und ist ein Standardwerk zum Thema. Es stellt sich nun die Frage, wessen Angaben im Jahre 1997 korrigiert wurden, zumal die "Vermutungen" von Glowacki kuerzlich wieder bestaetigt wurden. Im Juni 2000 veroeffentlichte das polnische Justizministerium einen Bericht von Historiker- Experten, der sich mit den sowjetischen Repressionen gegenueber Polen und polnischen Buerger befasst.[1] In dem Bericht sind auch die neusten Zahlen angefuehrt, die sich weitgehend mit den "Vermutungen" von Albin Glowacki decken.

Der Prozentsatz von 25% Juden unter den damals Deportierten ist angesichts der neusten Zahlen kaum zu halten, wie ich auch in meiner Untersuchung ausfuehrte. Es wird geschaetzt, dass in den Jahren 1939-1941 etwa 60.000 bis 70.000 Juden aus Ostpolen deportiert worden sind, bei etwa 330.000 Deportierten (Mindestzahl) ergibt das 18% bis 21%; bei etwa 380.000 Deportierten (auch diese Zahl laesst sich quellenmaessig belegen) dagegen zwischen 16% und 18%. Wenn wir noch die etwa 140.000 Opfer der sogenannten "milden" Deportation [2] hinzurechnen, dann betraegt der Anteil juedischer Deportierter 12,5% bis 14,5% bzw 11% bis 13 %. Somit ist die juedische Bevoelkerung tatsaechlich ueberproportional von den Deportationen betroffen, allerdings nur gegenueber der weissrussischen und ukrainischen, nicht aber der polnischen Bevoelkerung (bei etwa 40% der Gesamtbevoelkerung etwa 60% aller Deportierten).

Wichtiger aber fuer die subjektive Wahrnehmung von Nichtjuden in Ostpolen ist der Umstand, dass sich unter den juedischen Deportierten vor allem Fluechtlinge aus West- und Zentralpolen befanden. Die einheimischen Juden wurden davon wenig betroffen, sie waren unter den Deportierten deutlich unterrepraesentiert. Da sich aber die im Juni 1940 deportierten Fluechtlinge in Ostpolen insgesamt nur wenige Monate aufhielten, ist ihr Verschwinden aus den Staedten wenig registriert worden. Anders ist das bei den deportierten Polen, die meistens Einheimische waren oder dort seit Jahren gelebt hatten (Siedler): Sie wurden aus ihrem angestammten sozialen Umfeld herausgerissen.

Dagegen waren beispielsweise die sowjetischen Milizen juedischer Herkunft (nach juedischen Angaben waren in manchen Staedten bis zu 70 % aller Milizen juedischer Herkunft [3]) die ganze Besatzungszeit sichtbar, zumal sie sich sehr aktiv an den sowjetischen Repressionen beteiligten. Dov Levin: "Labeling of the Soviet administration as a 'Jewish regime' became widespread when Jewish militiamen helped NKVD agents send local Poles into exile. Nor is difficult to guess what Lithuanian peasants felt at the sight of Jewish young men and women visiting the villages to wage pro-kolkhoz propaganda and to teach the peasants the basics of farm labor."[4]

Fuer die subjektive Wahrnehmung der Zeitgenossen, die die Gesamtheit der Ereignisse nicht erfassen konnten, spielten solche Erfahrungen eine nicht zu unterschaetzende Rolle. Ich vertrete die Auffassung, dass die Rekonstruktion dieser Wahrnehmung bei der Analyse von historischen Ereignissen sehr wichtig ist, denn diese bestimmte damals das Denken und Handeln der Zeitgenossen.

Ferner argumentiert Pohl, dass von 1937 bis 1939 der Anteil der fuehrenden NKWD-Angehoerigen juedischer Herkunft von 39% auf 3-6% sank. Allerdings beeinflussen diese Zahlen, die sich auf die UdSSR beziehen, in keiner Weise meine These, dass in Ostpolen in den Jahren 1939-1941 unter den Angehoerigen des sowjetischen Staats- und Wirtschaftsapparates Menschen juedischer Herkunft ueberrepraesentiert waren. Dabei stuetzte ich mich vor allem auf Zeitzeugenberichte (vielfach juedischer Herkunft), Erinnerungen und Sekundaerliteratur. Der Anteil der Menschen juedischer Herkunft im sowjetischen Apparat in Ostpolen war so auffallend, so meine These, dass viele Nichtjuden den Sowjetisierungsprozess mit dem sozialen Aufstieg vieler Juden assoziierten. Juden wurden von vielen Nichjuden in ihrer Gesamtheit als Nutzniesser des Sowjetisierungsprozesses und Helfershelfer der Sowjets betrachtet. Dass dies eine subjektive Wahrnehmung war und der objektiven Wirklichkeit nicht entsprach, darauf habe ich mehrmals hingewiesen. So schrieb ich, dass die Zahl der juedischen Opfer die der juedischen Nutzniesser uebertraf.

Inzwischen wurden Zahlen veroeffentlicht, welche die von mir gestellte These unterstuetzen. So erschien im Sommer 2000 ein Aufsatz von Ewgienij Rosenblat aus Brest unter dem Titel: "Juden im Geflecht der zwischenethnischen Beziehungen in den westlichen Oblasten Weissrusslands [5] 1939-1941." (in: Bialoruskie Zeszyty Historyczne, 2000, Nr. 13, S. 89-104). Auf Grundlage der zeitgenoessischen sowjetischen Dokumente stellt Rosenblat u.a. fest, dass sich die Beziehungen zwischen Polen und Juden in der Zeit 1939-1941 wesentlich verschlechterten, was er auf den hohen Anteil der Menschen juedischer Herkunft im sowjetischen Apparat zurueckfuehrt. So waren in Oblast Pinsk unter den Einheimischen, die unter den Sowjets in leitende Funktionen aufgestiegen sind, Juden deutlich ueberrepraesentiert, z.B.: In der Industrie - 56,6%; im Beschaffungsbereich - 42%; Justiz - 41,2%; Gesundheitswesen - 39,7%. Insgesamt waren in Oblast Pinsk 25,3% aller einheimischen Aufsteiger juedischer Herkunft, in den zentralen Organen der Oblast 49,5%, und dies bei etwa 10% Juden (mit Fluechtlingen) gemessen an der Gesamtbevoelkerung.

Auch sowjetische Besatzer beobachteten diese Entwicklung mit Sorge, denn ein Teil der Nichtjuden bezeichnete die "sowjetische Regierung als juedische Regierung fuer Juden". Dies habe die Akzeptanz der sowjetischen Macht durch die Nichtjuden erschwert. Um dem abzuhelfen, ueberlegten sowjetische Stellen um die Jahreswende 1940/41, ihren Apparat im westlichen Weissrussland zu "entjuden" (sic). Rosenblat stuetzt sich bei seinen Zahlenangaben und Zitaten auf zeitgenoessische sowjetische Dokumente.

Mit einem Wort: Nicht der Autor des rezensierten Buches sondern der Rezensent befindet sich hinsichtlich der stalinistischen Gewaltherrschaft in Ostpolen "nicht immer auf der Hoehe der Historiographie".

Auch stellt Pohl die von mir geschaetzte Zahl der NKWD-Opfer vom Sommer 1941 (20.000 bis 30.000) in Frage und schreibt, dass es sich dabei um mindestens 42.776 Menschen handelte. Als Quelle nennt er ein Dokument, das im Jahre 1994 (in: Karta, Nr. 12, Seite 137-138) veroeffentlicht wurde. Allerdings missinterpretiert Pohl die dort enthaltenen Angaben. Dort ist naemlich die Rede von lediglich 12.376 Gefaengnisinsassen, die waehrend der Evakuierungsaktion der Gefaengnisse ums Leben kamen. Die Zahl 42.776 bezieht sich auf alle Gefaengnisinsassen, die waehrend der Evakuierung aus verschiedenen Gruenden (Flucht, Entlassung, Erschiessungen u.a.) "abgegangen" sein sollen.

Ferner behauptet Pohl, dass in dem Buch unerwaehnt bliebe, dass in Wilna am 28. Oktober 1939 ein antijuedischer Pogrom stattgefunden hat. Tatsaechlich findet sich aber auf Seite 69 des Buches folgender Satz: "Unmittelbar nach dem Abzug der Sowjets aus Wilna [am 28. Oktober 1939] kam es zu antijuedischen Ausschreitungen." Die vorangehenden Saetze lassen keine Zweifel daran, dass diese Ausschreitungen von polnischen Bewohnern Wilnas durchgefuehrt wurden.

Pohl kritisiert, dass mein Buch als wissenschaftliche Arbeit auf halbem Wege steckengeblieben sei. Allerdings erhob ich nie den Anspruch, eine ausfuehrliche und umfassende Analyse der von mir untersuchten Ereignisse durchfuehren zu wollen. In der Einleitung (S. 20) schreibe ich ausdruecklich: "Dieses Buch ist keine umfassende historische Analyse des Prozesses, der zur Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges fuehrte. Es untersucht lediglich einen von mehreren Aspekten, die dazu beigetragen haben, wie etwa die politischen Intentionen der NS- Fuehrung und die aus ihnen resultierenden Weisungen, Befehle und Anordnungen, die bestehenden Vorurteile und Emotionen oder der weitere Verlauf des Krieges. Der kuenftigen Forschung bleibt es ueberlassen, all diese Aspekte unter einer einheitlichen Fragestellung zu untersuchen und entsprechend zu gewichten."

Meine Studie ist weder eine Gesamtdarstellung der antijuedischen Pogrome noch des Prozesses der Brutalisierung des deutsch- sowjetischen Krieges im Sommer 1941. Es handelt sich vielmehr um eine Fallstudie ueber den sowjetischen Terror in Ostpolen in den Jahren 1939- 1941 und seine Auswirkungen (skizzenhaft), ueber sowjetische Verbrechen im Sommer 1941 (ausfuehrlich) und die Folgen dieser Verbrechen. Kurzum: Ich beleuchte einen komplexen Prozess aus einer bestimmten Perspektive, die bisher vernachlaessigt beziehungsweise ausgeblendet worden ist. Dass die Einsatzgruppen und ukrainischen Nationalisten an Judenpogromen von Anfang an aktiv beteiligt waren, bestreite ich nicht, sondern bestaetige es ausdruecklich. Diese Aspekte sind aber nicht das Thema meiner Studie.

Vielmehr habe ich schon viel erreicht, wenn mein Rezensent, der ohne Zweifel einer der fuehrenden Holocaustforscher ist, feststellt,.: "Der Zusammenhang zwischen den NKVD-Verbrechen und dem politischen Klima, in dem der Judenmord dort geschah, ist nicht wegzudiskutieren." Hierbei moechte ich auch auf den sehr interessanten Beitrag von Klaus-Michael Mallmann: "Die Tueroeffner der 'Endloesung'. Zur Genesis des Genozids" [6] hinweisen, den ich leider in meiner Untersuchung nicht mehr beruecksichtigen konnte, aehnlich wie den Beitrag von Rosenblat.

Anmerkungen:

[1] Represje sowieckie wobec Polakow i obywateli polskich. Raport Komisji Ekspertow projektu celowego nr 1 H01G 001 97C/3153 (1997-1999) Komitetu Badan Naukowych - na zlecenie Ministerstwa Sprawiedliwosci RP. Osrodek Karta, Warszawa 2000.

[2] Davon betroffen waren vor allem jene Menschen, die nach der deutsch-sowjetischen Grenzregelung vom September 1939 in unmittelbarer Naehe der neuen deutsch-sowjetischen Demarkationslinie lebten. Es handelte sich dabei um Landbevoelkerung, polnischer, ukrainischer und weissrussischer Herkunft. Sie wurden innerhalb der Weissrussischen bzw. Ukrainischen Sowjetrepublik umgesiedelt.

[3] Dov Levin, The Lesser of Two Evils: Eastern European Jewery Under Soviet Rule, 1939-1941, Philadelpia and Jerusalem 1995, S. 44: "According to Jewish sources, Jews accounted for 70 percent of the members of the militia in certain Eastern Galician localities."

[4] Ebenda, S. 63.

[5] Es handelt sich hierbei um ehemals polnische Gebiete, die im Herbst 1939 in die Weissrussische Sowjetrepublik eingegliedert wurden.

[6] Veroeffentlicht in: Die Gestapo im Zweiten Weltkrieg. 'Heimatfront' und besetztes Europa. Hrsg. Gerhard Paul/Klaus- Michael Mallmann. Darmstadt 2000, S. 437-463.

Bogdan Musial


Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>

From: "Bogdan Musial" <musial@dhi.waw.pl>
Subject:Re: Rez. ZG: B. Musial: "Konterrevolutionaere Elemente ... "
Date: 09.05.2001


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