Rezensiert für H-Soz-u-Kult von Suppanz, Werner
Mit der Zeitschrift transversal, herausgegeben vom
David-Herzog-Centrum für Jüdische Studien (DHC) an der Grazer
Karl-Franzens-Universität, erscheint seit kurzem ein Periodikum, das
in der umfangreichen, von vielen Perspektiven aus unternommenen Forschung
zum Thema Judentum eine innovative Rolle spielt. Die Publikation
stellte sich im Vorjahr mit einer Sondernummer vor, in der ersten Hälfte
des laufenden Jahres erschien die erste reguläre Nummer mit dem
Themenschwerpunkt Judentum und Männlichkeit.
Das zentrale Anliegen der Zeitschrift ist die Präsentation eines
kulturwissenschaftlichen Zugangs zu den Jewish Studies/Jüdischen Studien.
Wie Steven Beller in der Sondernummer unter dem Titel Why Jewish
Studies erläutert, steht in deren Mittelpunkt und
das ist auch als programmatisch für transversal anzusehen
die Untersuchung jüdischer Kontexte gleichermaßen
in ihrer Besonderheit wie auch als eine der Quellen kultureller und
identitärer Vielfalt in den westlichen Gesellschaften.
Jüdische Studien sollten (ähnlich wie andere ethnic and minority
Studies programmes) zum Abbau einer monolithischen, fälschlicherweise
universalistischen Sichtweise von Western civilization beitragen.
Sie könnten damit zu einer adäquateren Bestimmung
westlicher wie auch z. B. österreichischer Identität
beitragen, indem sie anstelle essentialistischer Bestimmungen des Eigenen
und der daraus resultierenden Polarisierung zum Anderen Differenz und
Heterogenität als inhärente Strukturmerkmale von Nation,
Kultur, Zivilisation deutlich machen.
Dass dieser Zugang die Vernetzung einer Vielfalt kulturwissenschaftlicher
Fragestellungen bedingt, wird anhand der ersten regulären Ausgabe der
Zeitschrift deutlich, die mit ihrer Fragestellung Jewish Studies und Gender
Studies verbindet, wobei insbesondere Körperkonstruktionen und
Körpererfahrungen eine Schnittstelle bilden. In seinem Beitrag
Proust`s Nose untersucht Sander L. Gilman, ausgehend von der
Beschreibung des krypto-jüdischen Charles Swann aus Prousts
Suche nach der verlorenen Zeit, das Verhältnis von als
jüdisch konnotierten Körpermerkmalen und dem Diskurs
betreffend Assimilation oder Integration von männlichen Juden um 1900.
Insbesondere an französischen und deutschen Beispielen erörtert
der Autor darin die besondere Rolle der Chirurgie bei der Konstituierung
und Korrektur von Identitäten. Der gegenderte Charakter
der Körperwahrnehmung in den Judendarstellungen wird auch in Ingrid
Spörks Artikel Das Bild vom Juden in den Texten Max
Nordaus deutlich. Nordaus Ideal des Muskeljuden sei ein
Versuch, das bürgerliche Männlichkeitsideal für eine neue
Gruppe nutzbar zu machen und damit eine neue jüdische Identität
zu konstruieren. Die Autorin untersucht anhand dieses Topos auch das
Verhältnis zwischen antisemitischem Fremdbild und
jüdisch-männlichem Selbstbild um 1900. Die gegenderte Erinnerung
an den Holocaust thematisiert Harry Brod in seinem essayartigen, autobiographisch
geprägten Beitrag The German-Jewish Hyphen: Conjunct, Disjunct
or Adjunct. In seiner Argumentation gegen essentialistische, polarisierende
Konzepte von deutsch und jüdisch verweist er
auf die zeitgenössische feministische Theorie, die Identität als
konstruiert, fließend und multipel auffasst und somit eine
deutsch-jüdische Bindestrich-Identität plausibel macht.
Im Mittelpunkt der Überlegungen des Autors stehen die jüdischen
Väter, ihr Schweigen, ihre Abwesenheit, aber auch ihr Schamgefühl,
traditionelle männliche Rollenerwartungen als Beschützer ihrer
Familien nicht erfüllt zu haben. Mit dieser Fragestellung leiten Brods
Ausführungen über zu Uta Kleins Aufsatz Männlichkeit
und Militär in Israel, in der der Heldenmythos des wehrhaften
jüdischen Mannes u. a. aus der Erfahrung der Wehrlosigkeit in der Shoa
erklärt wird. Trotz der Wehrpflicht für Frauen werde die traditionelle
Geschlechterdifferenz auch im israelischen Militär fortgeschrieben.
Die (vor-)militärische Sozialisation richte sich vor allem an die
männliche Jugend und reproduziere die traditionelle Rollenverteilung.
Im Kontext der Fragestellung Judentum und Männlichkeit steht
auch ein Bericht über das Projekt Körper als Zukunft
des Historikers Daniel Wildmann, das den innerjüdischen Diskurs über
das männliche Körperideal in Deutschland zwischen 1890 und 1933
zum Gegenstand hat.
Neben dem Themenschwerpunkt enthält die aktuelle Ausgabe des
transversal außer Rezensionen ein Diskussionsforum sowie
unter der Rubrik Juden in der Provinz den ersten Teil einer
zweiteiligen Geschichte der Juden in der Steiermark. Das Forum,
das jeweils aktuellen Themen gewidmet sein soll, behandelt die Frage
Österreich Erstes Opfer der Nationalsozialisten?
Heidemarie Uhl und Erika Weinzierl setzen sich darin kritisch mit der
Beschreibung der Österreicher als erste Opfer des
Naziregimes durch den Bundeskanzler Wolfgang Schüssel auseinander,
gelangen allerdings zu unterschiedlichen Akzenten in ihrer Beurteilung der
Opfertheorie. Den thematisch konventionellsten Teil des Heftes
bildet schließlich der erwähnte Beitrag Joachim Hainzls über
Juden in der Provinz, der die Geschichte der Juden in der Steiermark
von den ersten Erwähnungen im 12. Jahrhundert bis zum Staatsgrundgesetzt
von 1867 schildert.
transversal erweist sich somit als Publikation, die Aspekte des
internationalen Diskurses in der Jewish Studies ebenso aufgreift wie die
regionale Ausrichtung, die sie als Periodikum des Grazer David-Herzog-Centrums
für Jüdische Studien kennzeichnet. Mit der Beschränkung auf
wissenschaftliche Artikel etwa im Gegensatz zur Zeitschrift Juden
in Österreich/Jewish Austria. Gestern.Heute/Past.Presence des
St. Pöltener Instituts für Geschichte der Juden in Österreich,
die u. a. auch Veranstaltungsberichte bietet gibt sie sich ein scharf
umrissenes Profil, das in Themenheften wie dem vorliegenden besonders deutlich
zum Ausdruck kommt. Judentum und Männlichkeit bietet trotz
der Vielfalt an konkreten empirischen Untersuchungsgegenständen
Leitperspektiven, die die einzelnen Beiträge in aufschlussreicher Weise
miteinander verbinden. Kritisch ist daher anzumerken, dass die hochinteressante
Verbindung zwischen internationaler und regionaler Orientierung nicht durch
einen gemeinsamen kulturwissenschaftlichen Zugang zusammengehalten wird.
In Anbetracht der oben skizzierten Ausrichtung der Zeitschrift wirkt ein
rein fakten- und ereignisgeschichtlicher Beitrag wie die Geschichte
der Juden in der Steiermark trotz seines Informationsgehalts etwas
irritierend und deplatziert. Lohnend wäre es, ein Leitthema auch auf
regional definierte Quellen, konkret eben aus der Steiermark, angewandt zu
finden.
Insgesamt aber ist festzuhalten, dass die aktuelle Ausgabe des
transversal mit ihrem Schwerpunktthema, das Jewish Studies, Gender
Studies und Körpergeschichte interdisziplinär miteinander verbindet,
deutlich macht, dass die Zeitschrift weit über den ForscherInnenkreis
der Jüdischen Studien hinaus von großem Interesse für
KulturwissenschaftlerInnen ist. Zu hoffen ist daher, dass es der Redaktion
auch in Zukunft gelingt, neben den angekündigten offenen Heften
immer wieder spannende Themenhefte zu projektieren. Unabhängig davon
ist die Zeitschrift mit ihrer Orientierung an aktuellen kulturwissenschaftlichen
Fragestellungen sicherlich geeignet, über das regionale oder
österreichische Umfeld hinaus Beachtung zu finden, wofür auch die
Mitarbeit eines breiten internationalen und interdisziplinären Spektrums
renommierter ForscherInnen garantieren dürfte.
Rezensiert für
H-Soz-u-Kult
von:
Suppanz, Werner,
<werner.suppanz@kfunigraz.ac.at>
Diese Rezension wurde redaktionell betreut von:
Vera Ziegeldorf <ZiegeldorfV@geschichte.hu-berlin.de>
Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>
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