Claudia Althaus: Erfahrung Denken. Hannah Arendts Weg von der Zeitgeschichte zur politischen Theorie, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2000, 412 S., ISBN: 3-525-35425-8, Preis: DM 84,-.

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von Annette Vowinckel

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Erwiderung von Annette Vowinckel

Kritisiert man in einem angelsaechsischen Land ein Buch, so loest man mit etwas Glueck eine engagierte Debatte aus. Kritisiert man in Deutschland ein Buch, so wird man mit etwas Pech der Ketzerei, der Rechthaberei, gar des Absteckens von Jagdrevieren bezichtigt, die man angeblich fuer sich reservieren wolle. Diese Art von Vorwuerfen sagt mehr ueber den aus, der sie macht, als ueber den, den sie treffen sollen. So betrachtet ist Clemens Knoblochs Replik auf meine Rezension weniger fuer die Arendt-Forschung, als fuer deren noch zu schreibende Wissenschaftsgeschichte von Interesse.

Zur Erinnerung: Ich hatte in meiner Rezension kritisiert, dass Claudia Althaus den geistesgeschichtlichen Hintergrund des Arendtschen Werkes nicht hinreichend beruecksichtigt und dass sie infolgedessen meiner Meinung nach irreleitende Argumente entwickelt. Dabei handelt es sich zunaechst um die These, der von Arendt so bezeichnete Abgrund zwischen Vergangenheit und Zukunft weise strukturelle Aehnlichkeit mit dem von Reinhart Koselleck beschriebenen Raum zwischen Erwartungsraum und Erfahrungsraum und Erwartungshorizont. Dieser Vergleich ist vielleicht nicht falsch, aber er vernachlaessigt die ebenso wichtige Deutung, derzufolge dieser Zwischenraume ein existenzieller Abgrund ist, in dem die Zeit 'eingefroren' und die Wahrheit 'entborgen' wird.

Ein weiterer Kritikpunkt betraf die Art und Weise der Einbeziehung einer von Althaus leider nur ungenau definierten juedischen Tradition. Althaus' These, dass diese Tradition (sollte es sie im Singular denn geben) Arendt massgeblicher gepraegt habe als die Tradition der deutschen Philosophie (bzw. Philosophien), zeugt meiner Meinung nach von einem merkwuerdigen juedischen Essentialismus: Mehr als allen anderen historisch gewachsenen Gruppen wird den Juden eine Praegung durch ihre Herkunft zugeschrieben, die keiner weiteren Begruendung bedarf. Clemens Knobloch fuehrt hier ins Feld, Althaus habe wiederholt auf den "zugeschriebenen Charakter der 'juedischen' Identitaet" Hannah Arendts hingewiesen. Dies aendert nichts an der Tatsache, dass Althaus allein hinsichtlich der juedischen Tradition - ohne weitere Begruendung - die Geistesgeschichte bemueht, die zu bemuehen sie zuvor fuer ueberfluessig gehalten hatte. Mag sein, dass sie es 'nicht so gemeint hat', dass ihr dieser Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit in der Methodik nicht aufgefallen ist. In diesem Fall waere ein klaerendes Wort von Claudia Althaus selbst angebracht.

Einige weitere Kritikpunkte (z. B. die Frage, warum das Eichmann-Buch bei Althaus so gut wie keine Rolle spielt), werden von Knobloch nicht thematisiert. Der einzige Punkt, auf den er in extenso eingeht, ist die Frage der grundsaetzlichen Legitimation von Geistesgeschichte. Dass Knobloch von Geistesgeschichte nichts haelt, ist offensichtlich, setzt er doch schon das Wort in Anfuehrungszeichen wie derzeit die Springer-Presse die DDR. Mehr noch: Der Frage nach Arendts geistiger Herkunft nachzugehen lehnt er ab - mit der Begruendung, Arendt sei so originell, dass sich solche Fragen gar nicht stellten. Unterstreichend weist er darauf hin, dass Arendt selbst der Geistesgeschichte nicht allzu viel abgewinnen konnte (was einen unabhaengigen Denker keineswegs daran hindern sollte, sie dennoch zu konsultieren). Dass Geistesgeschichte niemals hinreichend ein individuelles Werk erklaert, liegt auf der Hand. Klar ist aber auch, dass sie ein legitimes Werkzeug fuer die Erfassung des Umfelds ist, in dem ein Mensch intellektuell gepraegt wurde. Niemand wird bestreiten, dass Arendts Werk deutliche Spuren ihres engen Kontakts zu Heidegger aufweist - auch oder vielleicht gerade da, wo sie sich von ihm distanzierte und eigene Wege ging.

Angesichts der Vehemenz, mit der Knobloch in Arendts Namen die Geistesgeschichte verteufelt, sollte man glauben, es sei nicht die "gemeinsame Heldin" von Claudia Althaus und mir, sondern Knoblochs eigene Heldin, an deren Lack da gekratzt wird. Ein wenig mehr Sachlichkeit und ein wenig weniger Hagiographie taeten hier nur gut.

Annette Vowinckel, Kulturwissenschaftliches Seminar der Humboldt-Universitaet Berlin, <milena@berlin.snafu.de>


Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>

From: "Vera Ziegeldorf" <ZiegeldorfVera@GESCHICHTE.HU-Berlin.de>
Subject: Re: Rez. NG: C. Althaus: Erfahrung Denken. Hannah Arendts Weg
Date: 18.07.2001


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