Rezensiert für den Server für die Frühe Neuzeit (sfn) und H-Soz-u-Kult von Wolfgang Schmale
Hagen Schulze ist in den vergangenen zehn Jahren mit einer Reihe teils knapperer,
teils sehr umfangreicher Publikationen zur europäischen Geschichte
hervorgetreten. Zu erinnern ist unter anderem an den Band Staat und
Nation aus der europageschichtlichen Reihe des Beck-Verlages (1994)
sowie, sehr nachdrücklich, an die umfängliche Quellensammlung zur
europäischen Geschichte unter maßgeblicher Beteiligung von Ina
Ulrike Paul, die im übrigen auch an dem hier zu besprechenden Band
mitgewirkt hat. Der Titel Phoenix Europa bezeichnet sehr gut
die Grundidee H. Schulzes, nämlich die Wiederkehr Europas,
die er bereits 1990 in dem Bändchen Die Wiederkehr Europas
(ebenfalls Siedler-Verlag) entwickelt und in der Zwischenzeit bei mehreren
Gelegenheiten erneuert hat (z.B. in: Friedrich Jahresheft IX, 1991, Wege
nach Europa, dort S. 29 ff. Wiederkehr Europas). Sowohl
Staat und Nation wie die Quellensammlung setzen bei der
mittelalterlichen bzw. antiken Geschichte Europas an, so daß der
vorliegende Band aus der insgesamt vierbändigen Siedler Geschichte
Europas, der den chronologischen Abschluß bildet, aber zuerst
erschienen ist, einen implizit immer wieder spürbaren, weit in die
Geschichte Europas zurückreichenden Unterbau besitzt.
Das Vorwort beginnt mit der Feststellung: Dies ist eine von vielen
möglichen europäischen Geschichten. Das bedeutet keine
salvatorische Klausel, sondern ist eine ebenso zutreffende wie ehrliche
Feststellung. Geschichtsschreibung ist Teil der Kultur; die europäische
Kultur, darin ist H. Schulze beizupflichten, zeichnet sich durch ein Wechselspiel
von Vielheit und Einheit aus. Entsprechend vielfältig werden die
zukünftig noch zu erwartenden Geschichten Europas auch sein.
Thomas Nipperdey hat in seinem letzten großen öffentlichen Vortrag
auf dem Bochumer Historikertag von 1990 die Vielheit in der Einheit und die
Einheit in der Vielfalt in der europäischen Geschichte sehr
grundsätzlich thematisiert. Es handelt sich dabei auch um ein Grundproblem
europäischer Philosophie, nicht nur um ein faktisch historisches. Dies
bewußt zu machen, und daß es wohl einer besseren Einsicht folgt,
dies in einem positiv-konstruktiven Sinn zu akzeptieren, gehört zu den
ideellen Anliegen H. Schulzes. Zwar beschränkt sich Schulze, was den
Vergleich der europäischen mit nichteuropäischen Kulturen angeht,
auf sehr behutsame Hinweise, aber das Zusammenspiel von Einheit und Vielheit
zählt bei ihm zu den wichtigen kulturellen Unterscheidungsmerkmalen.
In der Tat wird sich Europäische Identität im Hinblick
auf die Zukunft leichter denken lassen, wenn das Prinzip der Vielheit und
Vielfalt positiv-konstruktiv akzeptiert wird, als förderlich und nicht
als hinderlich angesehen wird.
Die eine von vielen möglichen europäischen Geschichten, die Schulze
bietet, bedeutet, daß er sich für die Erzählung des
europäischen Staatensystems und seiner Bestandteile entschieden
hat. Dies begründet sich wiederum auf der Folie eines im Buch nicht
ausgeführten Kulturvergleichs: Anders als die Staatswesen Asiens,
Afrikas und des präkolumbianischen Amerika hat Europa seit dem
Spätmittelalter ein funktionierendes Staatensystem ausgebildet
wenn sich einer seiner Bestandteile veränderte, wirkte sich das auf
alle anderen aus, während die Stabilität des Ganzen für lange
Zeit unerschüttert blieb. (S. 10) Der Verfasser bezeichnet das
Staatensystem als Staatenfamilie, jedenfalls solange, bis
schließlich die voraussetzungslose, rationale Staatskunst, die solches
ermöglichte, den politischen Emotionen der industriellen Massengesellschaft
zum Opfer fiel. Daraus folgten die europäischen Katastrophen des 20.
Jahrhunderts, die Unmündigkeit Europas in den Jahrzehnten des Kalten
Kriegs und schließlich die Neuformierung dieses Staatensystems, die
wir derzeit beobachten. (S. 10)
Die entscheidende Epochenschwelle ist folglich in der Entstehung der
industriellen Massengesellschaft zu sehen, als deren Schlüsselereignis
der Erste Weltkrieg zu erachten ist. Unterhalb dieser großen
Epocheneinteilung werden kleinere Epochenschnitte angesetzt: 1740-1792 vom
Überfall auf Schlesien durch Friedrich II. bis zu Napoleon; 1792-1815
als revolutionär-napoleonische Epoche; 1815-1871 vom Wiener Kongreß
bis zur deutschen Reichsgründung; 1871-1914, betitelt als Nationen
und Reiche; 1914-1939, betitelt als Marsch in den Abgrund;
1939-1949: Ein Kontinent brennt aus; 1949-1990 von der
Rekonstruktion Westeuropas bis zu den samtenen
Revolutionen von 1989/1990. Eine Art Nachwort Das neue
Europa ist das alte Europa beschließt, einige Thesen des
Vorworts aufgreifend, den Text. Es folgen 11 Seiten Anmerkungen, ein
Personenregister sowie das Verzeichnis der zahlreichen (nicht numerierten)
Abbildungen.
Das Buch wendet sich nicht an den Forschungs- und Wissenschaftsbetrieb, sondern
an ein historisch vorgebildetes Publikum. Es liefert keine neuen
Forschungsergebnisse, sondern versucht, aus der immensen Stoff- und
Faktenfülle eine europäische Geschichte entstehen zu
lassen. Es gehört zweifellos zu den schwierigsten Problemen einer
europageschichtlichen Darstellung, nicht der Verlockung nebeneinander gestellter
nationaler Geschichten im europäischen Raum zu erliegen. Der Verfasser
geht immer von allgemeineuropäischen Phänomenen aus, auf deren
räumliche bzw. nationale Nuancierungen jeweils aufmerksam gemacht wird,
und bietet dazu Vertiefungen nationalgeschichtlicher Aspekte unter Einbeziehung
ihrer jeweiligen transnationalen Verkettung. Permanente Schwerpunkte sind
dabei England, Frankreich, Deutschland, Italien, Österreich (vor allem
bis 1918) sowie Rußland/Sowjetunion und Polen, die übrigen Staaten
werden gleichfalls, aber wesentlich knapper, behandelt was sachlich
im Rahmen der von Schulze privilegierten Grundperspektive der Geschichte
des Staatensystems richtig ist. Allgemeineuropäische Gesellschafts-,
Wirtschafts- und Kulturtransformationen werden gleichfalls skizziert, dazu
kommen selbstredend transatlantische und kolonialismus- bzw.
imperialismusgeschichtliche Perspektiven. Die zahlreichen Abbildungen werden
von z.T. mehrspaltigen Erläuterungen begleitet, die weitere, oft sehr
detaillierte Vertiefungen einzelner Aspekte beinhalten und somit den laufenden
Text ergänzen, ohne dessen Fluß zu unterbrechen.
Neben dem zu lösenden und gelösten Problem der Darstellung gelingt
Schulze eine vorurteilsfreie und von einseitigen Gewichtungen weitgehend
freie Erzählung. Natürlich erwartet man das von einem Berufshistoriker,
trotzdem ist die Feststellung nicht banal. Einseitige Gewichtungen, die
keineswegs Vorurteilen entspringen müssen, sind gang und gäbe,
sie erfolgen daraus, dass man nicht alles wissen kann, nicht alles gleich
beherrschen kann, dass man thematische Vorlieben entwickelt und seine
Steckenpferde hat. Schulzes Vorliebe ist die politische Geschichte des
europäischen Staatensystems, die er auch gerne zugibt, innerhalb dieser
Vorliebe wird man ihm aber nicht vorwerfen können, thematische Steckenpferde
zu reiten. Man muss Schulzes Darstellung mit anderen gängigen
europäischen Geschichten vergleichen, um zu sehen, dass ihm trotz aller
einerseits unvermeidlichen, andererseits sicher auch individuellen Auswahlen,
eine Art Lehrstück gelungen ist.
Es drängen sich freilich einige Einwände und Fragen auf. Zunächst
geht es um wichtige Formalien. Dass sich kein Sach- und Ortsregister findet,
zeugt womöglich von verlegerischem Geiz. Dem anvisierten Publikum wäre
das jedoch allemal zu gönnen und sicherlich auch zuzumuten. Dass das
geht, beweist die sechsbändige Propyläen Geschichte Europas, die
ein sehr gutes Register besitzt und bekanntermaßen seit Jahren für
das Taschengeld von 99 DM angeboten wird. Die Anmerkungen bei H. Schulze
belegen im Prinzip nur die Zitate im Text. Soweit nicht direkt Ausgaben von
Primärquellen zitiert werden sondern Forschungsliteratur, fällt
auf, dass diese oft älteren Datums ist. Da das Buch mit keiner
Auswahlbibliographie versehen wurde, könnte der mißverständliche
Eindruck entstehen, als habe es bei zentralen Themen seit Jahren keinen
nennenswerten Forschungsbeitrag mehr gegeben. Das schließt nicht den
Vorwurf ein, der Vf. habe bei seiner Darstellung nicht den jeweils aktuellen
Forschungsstand zu erkunden gesucht. Während der erzählende Text
gut lektoriert wurde, enthalten die Bildlegenden manche Schnitzer. Zwei
Beispiele: In der Bildlegende S. 410, letzter Satz, stimmt die Chronologie
nicht (Wortlaut: Im Oktober 1944 wurde der Massenmord angesichts der
vorrückenden Sowjetarmee eingestellt, die das Lager am 27. Januar 1944
befreite. Es war der 27. Januar 1945). Papst Johannes Paul II. wurde
nicht 1974, wie es in der Bildlegende S. 449 heißt, sondern 1978 zum
Papst gewählt. Über die Legenden selber läßt sich
natürlich streiten. Auch nur ein Beispiel: S. 70 wird eine Abbildung
mit dem Titel Straßenbau in Frankreich, Mitte des 18.
Jahrhunderts gezeigt. Im letzten Satz der Legende steht, dass für
den Straßenbau hauptsächlich Gefängnisinsassen herangezogen
wurden. Das klingt nun etwas eigenwillig, hatten doch vorwiegend die
Bauern für den nationalen Straßenbau die corvée
royale zu leisten für die ärmeren bedeutete dies
Arbeitsleistung, für die vermögenderen, dass sie Geld zahlten.
Vielleicht soll sich der Satz gar nicht auf Frankreich beziehen, das bleibt
aber unklar.
Die Plazierung der Abbildungen kann nicht zufriedenstellen; oft haben Bilder
und fortlaufender Text überhaupt nichts miteinander zu tun. Wiederum
nur ein Beispiel (von sehr vielen): S. 124 findet sich eine Farbabbildung,
die Claude Monets Bahnhof Saint-Lazare aus dem Jahr 1877 reproduziert. Im
Text wird auf den umliegenden Seiten das Ende des französischen Ancien
Régime und der Beginn der Revolution abgehandelt. Auch die Bildlegende
schlägt naturgemäß keine Brücke zum Text. S. 265 bis
268 werden drei Farbabbildungen zum tschechischen Kurort Karlsbad gezeigt,
eine über eine Doppelseite reichend. Abgesehen davon, dass Bilder und
umliegender Text nichts miteinander zu tun haben (Karlsbad wird an anderer
Stelle im Text erwähnt) und dass die Legenden sozio-kulturelle Informationen
beinhalten, stellt sich die Frage der Gewichtung der Illustrationen in dem
Band. Kritische Aussagen zum Bild als historischer Quelle sind nach Auffassung
des Rezensenten auch in einem Publikumsband angebracht.
Was die inhaltlichen Ausführungen des Textes angeht, wäre mancher
Widerspruch, manches Fragezeichen möglich. Zwei von rund 50 Fragezeichen,
die sich beim Lesen ergaben, seien herausgegriffen: Kann man so einfach sagen,
daß in der frühen Neuzeit Monarch, Adel und Geistlichkeit
... das Recht, nach dem Europa sich ordnet, (setzten) (S. 26)? Die
sozialhistorische Rechtsgeschichte hat da doch auch andere Ergebnisse gezeitigt,
so einfach waren die Verhältnisse nicht. Die Stelle wird hier
herausgegriffen, weil sie zeigt, dass in mancher Beziehung H. Schulze über
die neue Forschung einfach hinweggeht; die politische und rechtliche Kultur
der frühen Neuzeit barg wesentliche Elemente von Grund- und Menschenrechten,
Mitbestimmung, Gewaltenteilung und auch von Demokratie in sich.
Ausdrücklich nicht gemeint ist damit die Bill of Rights usw., die H.
Schulze selbstverständlich erwähnt, sondern es ist ausdrücklich
die politische und rechtliche Kultur gemeint, die entscheidend vom
gemeinen Volk geprägt wurde. Es soll zumindest als Frage
aufgeworfen werden, wieviel Darstellung an politischer und rechtlicher Kultur
auch dann nötig ist, wenn es bevorzugt um das europäische Staatensystem
gehen soll.
Fraglich erscheint dem Rezensenten die relative wohlgemerkt: relative!
Vernachlässigung der Geistes- und Mentalitätsgeschichte
der Europavorstellungen im 20. Jahrhundert. Die daran so reiche
Zwischenkriegszeit bleibt in dieser Beziehung auffällig blass; das
Europadenken im Widerstand wird nur äußerst knapp angeführt,
obwohl es hoch entwickelt war und das ist in einer Rezension nicht
auszuführen den Mutterboden für die Integrationspolitik
der Nachkriegszeit lieferte. Natürlich weiß H. Schulze das alles,
aber nach Meinung des Rezensenten hätte gerade die gewählte
Generalperspektive des Staatensystems eine stärkere Präsenz der
Entwicklung politischer Europamentalitäten in der Erzählung nach
sich ziehen müssen. Vielleicht ist da der Grundidee von der Wiederkehr
Europas, vom Phoenix aus der Asche, etwas geopfert worden? Im Vorwort wie
am Schluß schreibt H. Schulze, dass Europa keine geographische,
sondern eine kulturelle Wirklichkeit sei, dass es ein kollektiver
imaginärer Entwurf sei. Dem stimmt der Rezensent ausdrücklich
zu aber das wurde in dem vorliegenden Buch nur am Rande nachgewiesen.
Rezensiert für den Server für die Frühe Neuzeit (sfn) und H-Soz-u-Kult von:
Wolfgang Schmale, Universität Wien
Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>
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