Dorothea Fellmann: Das Gymnasium Montanum in Köln 1550-1798. Zur Geschichte der Artes-Fakultät der alten Kölner Universität, (Studien zur Geschichte der Universität zu Köln, 15), Köln: Böhlau 1999, 349 S., ISBN: 3-412-10398-5, Preis: DM 78.-.

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von PD Dr. Joachim Schmiedl

In den vergangenen Jahren haben mehrere ambitionierte Handbuch-Projekte zur Bildungs-geschichte das Interesse an der Entwicklung des Schul- und Universitätswesens neu geweckt.[1] Die Publikation zusammenfassender Überblicke darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass darüber hinaus einzelne Institutionen nach wie vor einer intensiven Bearbeitung bedürfen. Die Kölner Universität gehört dabei sicherlich zu den Bildungseinrichtungen, die bislang am besten erforscht sind. Mit der hier zu besprechenden Arbeit ist immerhin bereits Band 15 der "Studien zur Geschichte der Universität zu Köln" erreicht.

Dorothea Fellmann geht in ihrer von Erich Meuthen betreuten Kölner Dissertation auf eine Besonderheit der frühneuzeitlichen Schulgeschichte ein. Sie behandelt die Geschichte des Gymnasium Montanum in seiner engen Verschränkung mit der Universität. Das Montanum war Gymnasium, insofern es die schulischen Voraussetzungen für weiterführende Studien ermöglich-te. Das Montanum war aber auch Universität, insofern es - wie die beiden anderen Kölner Gymnasien (das Laurentianum und das Jesuitengymnasium Tricoronatum) - die aus dem mittel-alterlichen Studium der Artes erwachsenen philosophischen Teilbereiche abdeckte, die ihrerseits wieder Voraussetzung für ein Weiterstudium an einer höheren Fakultät waren. Es war also "sowohl dem voruniversitäten als auch dem universitären Bildungssektor zuzurechnen" (S. 1). Die Geschichte dieses Gymnasiums wird von der Autorin für den Zeitraum von 1550, als die Jesuiten nach Köln kamen, bis 1798, als die Universität Köln aufgehoben wurde, untersucht. Der allgemeine Rahmen der Kölner Schulgeschichte wird dabei vorausgesetzt, was die Lektüre der Dissertation nicht eben erleichtert. Für den damit nicht vertrauten Leser wären einige ereignis-geschichtliche Hinweise zur Entstehungs- bzw. Auflösungsphase sehr hilfreich.

Die Autorin geht ihr Thema in verschiedenen Querschnitten an. Zunächst stellt sie die Schulleiter und das Lehrpersonal vor sowie ihr über den regulären Unterricht hinausgehendes Engagement in sogenannten "Collegia", in denen regelmäßige Disputationen stattfanden. Die im Anhang mitgegebene Prosopografie der Montaner-Professoren ergänzt die darstellende Beschreibung. Ausführlich behandelt Fellmann die finanzielle Dotierung des Gymnasiums, die nach dem durch die Konkurrenz der kostenfrei unterrichtenden Jesuiten bedingten Verzicht auf Schulgeld weitgehend über Stiftungen erfolgen musste. Dabei handelte es sich zum Teil um Messstiftungen für die Professoren des Montanum, zum Teil um Studienstiftungen, die ihrerseits wieder sowohl Studenten als auch Professoren zukamen. Der geografische Einzugsbereich reichte dabei weit über das Rheinland hinaus bis nach Franken. Für die Einbindung in die Artes-Fakultät spielten diese Stiftungen und die damit verbundenen Pfründen eine wichtige Rolle.

Fellmann analysiert sodann die Entwicklung der Schülerzahlen des Montanum. Die Zahl der Immatrikulationen bzw. Bakkalaureanden bewegte sich - fassbar ab der Mitte des 17. Jahrhunderts - zwischen 23 und 59 pro Jahr. Das Verhältnis von nobiles und pauperes entwickelte sich dabei gegenläufig: die nobiles nahmen bis auf 23 % (1789-1794) zu, der Anteil der pauperes sank von 23 % (1640-1649) auf unter 1 % (1789-1794). Warum in den letzten Jahren vor dem Ende der Universität fast Gleichstand (22 % nobiles zu 19 % pauperes) erreicht wurde, wird leider nicht weiter erörtert.

Das am Montanum vertretene Bildungskonzept orientierte sich an einer humanistisch geprägten Scholastik. Das verhinderte lange Zeit das Aufgreifen anderer Bildungsimpulse. Die konservative Einstellung des Montanum zeigte sich bis ins 18. Jahrhundert hinein darin, dass neue Lehrer keine neue Lehrmethode oder -meinung einführen durften. Erst im letzten Drittel des 18. Jahr-hunderts öffnete sich das Montanum einer gemässigten katholischen Aufklärung. Diese grund-sätzliche Ausrichtung lässt sich auch am Buchbestand der Gymnasiumsbibliothek ablesen.

Sozialgeschichtlich bedeutsam war die Verflechtung des Montanum mit der Stadt Köln. Einer-seits kamen eine Reihe Schüler und Lehrer des Montanum aus vornehmen Kölner Familien; besonders das Amt des Regens galt als erstrebenswert. Andererseits galt eine Lehrstelle am Gymnasium als gutes Sprungbrett für eine Kölner Pfarrstelle. Auch unter den im Dienst der katholischen Reform tätigen höheren Geistlichen des Erzbistums Köln gab es solche, die mit dem Montanum in Verbindung standen. Personelle Verbindungen galten zudem anderen Gymnasien im rheinisch-westfälischen Raum.

Der Wirkung der Bildungsinstitution Montanum geht der letzte Teil der Arbeit nach, der chrono-logisch die Veröffentlichungen von Professoren des Gymnasiums behandelt. Sie orientierten sich weitgehend am humanistischen Bildungskanon.

Dorothea Fellmann schreibt die Geschichte eines Gymnasiums, das Teil einer Universität war und in einer frühneuzeitlichen Reichs- und Bischofsstadt der Konkurrenz eines jesuitisch geführten Kollegs standhalten musste. Die dabei ausgeprägte eigene Identität kann als humanistische Scholastik bezeichnet werden. Was für das 16. und 17. Jahrhundert innovativ erscheinen konnte, musste im 18. Jahrhundert als konservativ gelten. "Das Montanum, zunehmend finanziell abgesichert durch Stiftungen, konnte sich nicht zuletzt deshalb so lange behaupten, weil es bei Fragen der Unterrichtsgestaltung auf einvernehmliche Regelungen mit den anderen Gymnasien setzte und beharrlich einen Kurs zwischen Anlehnung an jesuitische Konzepte und Wahrung eines eigenen Profils verfolgte." (S. 222) Die Autorin arbeitet auch gut heraus, wie gegen Ende des 18. Jahrhunderts aufklärerisches Gedankengut aufgegriffen wurde. Die Person von Ferdinand Franz Wallraf, der vor seiner Bestellung zum Medizin-Professor am Montanum Naturgeschichte und Ästhetik lehrte, steht für die Auseinandersetzungen um eine inhaltliche Öffnung der traditionsreichen Institution.

Die Dissertation von Fellmann zeigt, wie facettenreich und spannend die Geschichte einer Bildungsinstitution sein kann. Über einen längeren Zeitraum hin betrachtet, spiegeln sich darin die sozialen, mentalen und wissenschaftlichen Veränderungen auf lokaler und regionaler Ebene wider. Gleichzeitig werden an der vorliegenden Arbeit die Schwierigkeiten einer solchen Dar-stellung sichtbar. Durch eine inhaltliche Gliederung des Stoffs lassen sich Wiederholungen kaum vermeiden. Das macht die Lektüre der Arbeit an manchen Stellen etwas schwierig.

Anmerkung:

[1] Vgl. Hans Liedtke (Hrsg.): Handbuch der Geschichte des Bayerischen Bildungswesens. Vier Bände in fünf Teilbänden, Bad Heilbrunn 1991-1997; Christa Berg / Notker Hammerstein (Hrsg.): Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, bislang Band 1 und 4, München 1991-1996.

Rezensiert fuer H-Soz-u-Kult von:

PD Dr. Joachim Schmiedl <PJSchmiedl@cs.com>, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar


Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>

From: Joachim Schmiedl <PJSchmiedl@cs.com>
Subject: Rezension Fellmann: Das Gymnasium Montanum in Koeln
Date: 31.12.1999


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