Rezensiert für H-Soz-u-Kult von Dr. Alexander Schmidt-Gernig
Die Entwicklung der Weltausstellungen in den letzten drei Jahrzehnten konfrontiert uns mit einem Paradox: Je stärker die Welt sich vernetzt, je weiter die technisch-ökonomische und bisweilen auch die kulturelle Globalisierung voranschreitet, desto weniger bedeutsam erscheinen die klassischen Träger und Symbole des globalen Güter- und Ideentauschs, die "Weltausstellungen". Es ist, als habe die dramatische Beschleunigung der umfassenden elektronisch-visuellen Medialität das klassische Medium der lokalen "Schau" im Weltmaßstab eigentümlich entwertet: Nicht erst die Expo in Hannover, sondern auch zuvor die Ausstellungen in Lissabon und Sevilla blieben hinter den Erwartungen im Hinblick auf die Zahl wie die Internationalität der Besucher weit zurück. Und läßt man den Film gar um zwei Jahrzehnte weiter zurücklaufen, so zeigt sich, daß die letzte große und nennenswerte Weltausstellung 1970 in Osaka stattfand - ein deutlicher Reflex der insgesamt eher krisengeschüttelten und fortschrittsskeptischen 70er und 80er Jahre. War die neue Welle der Weltausstellungen in den 90er Jahren daher die Wiederbelebung eines "alten Huts", eine nostalgische renovatio des Schaugeschäfts aus dem Geist des 19. Jahrhunderts, eine Vision des 21. Jahrhunderts mit den Mitteln der (Ur-)Großeltern?
Läßt man die Geschichte der einzelnen Weltausstellungen, die Winfried Kretschmer in seinem überaus detailreichen und anschaulichen Überblick vor dem Leser ausbreitet, Revue passieren, so ist man geneigt, diese Frage im Kern zu bejahen. Der "holistische" Grundgedanke der Weltausstellungen, das Wissen und Können der Welt lokal gebündelt und national inszeniert vorführen zu können, wirkt heute eigentümlich anachronistisch - ein Grund mehr insbesondere für den Historiker, sich dafür eingehender zu interessieren, denn Weltausstellungen repräsentieren und symbolisieren mit diesem Anspruch wie kaum ein anderes Medium das industrielle Zeitalter. Das gilt in mehrfacher Hinsicht: Erstens ist die zeitliche Parallelität bestechend. Die erste Weltausstellung in London 1851 fällt mit dem "take off" der Industrialisierung auf dem Kontinent zusammen, das "Auslaufen" der Weltausstellungen mit dem sukzessiven Übergang zur "postindustriellen" Gesellschaft seit den letzten zwei Dekaden.
Zweitens sind es im wesentlichen die führenden westlichen Industrienationen bzw. - und das ist ganz entscheidend - die Kolonialmächte, die die Weltausstellungen als Foren eigener Größe und Stärke inszenieren: Kretschmer verweist dabei pointiert auf drei große Traditionspfade: "... die angelsächsischen Ausstellungen in Großbritannien und den (ehemaligen) Kolonien als Gralshüter der industriellen Modernisierung, die etatistischen französischen Ausstellungen als Prisma der europäischen Aufklärung und die US-amerikanischen Ausstellungen als Bannerträger eines globalen Spiels ohne Grenzen. Damit verbunden sind zwei wesentliche Phasenübergänge. Während sich (erstens) England schon nach seiner zweiten World's Fair aus dem Weltausstellungszirkus zurückzog, konnte sich Frankreich zur führenden Ausstellungsnation des 19. Jahrhunderts aufschwingen. Diese Rolle übernahmen (zweitens) im 20. Jahrhundert dann die USA." (S. 11).
Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum Deutschland trotz seiner führenden Position im industriellen Wettlauf kein "Kernland" der Weltausstellungen wurde und bis zum Jahr 2000 keine einzige ausgerichtet hat: Zum einen fehlte lange die formale wie "innere" nationale Einheit, zum anderen mangelte es an der zentralen Stellung als kolonial-imperiale Weltmacht. Das für das "industrielle Jahrhundert" so zentrale Prinzip (nationaler bzw. imperialer) "Territorialität", auf das Charles Maier jüngst noch einmal eindringlich hingewiesen hat,[1] bestimmte insofern auch die Weltausstellungen in zentraler Weise: Sie waren in erster Linie nationale Schauen und zwar sowohl im Hinblick auf die Motivation wie auch die Zahl der Aussteller, Preise und Besucher - ihre Reputation und Wirkung hingegen erzielten sie freilich nur durch ihre Internationalität bzw. die Fähigkeit, eine Art Weltöffentlichkeit des Fortschrittsbewußtseins zu bilden. Der Kult des zivilisatorischen Fortschritts, den sie so wirksam symbolisierten, war insofern eng an das Konzept der nationalen Stärke gebunden: Bei aller Werbung mit den genuin friedlichen Zielsetzungen der Völkerverständigung, die zumal im Hinblick auf die Motivation für die erste Weltausstellung nicht unterschlagen werden sollte, dominierte daher im Kern doch der Geist des nationalen Wettkampfes um die führende Position im Zivilisationsprozeß. Dieser Wettlauf- oder auch Wettkampfcharakter zeigt sich nicht zuletzt anhand der permanenten quantitativen Steigerungen. Die Fläche, die baulichen Dimensionen, die Zahl der Aussteller und Besucher (aber auch die Kosten) stiegen von Weltausstellung zu Weltausstellung, jede folgende suchte die vorhergehende superlativisch zu übertrumpfen. Allerdings führte diese Logik des Superlativs auch zu faszinierenden architektonischen und verkehrstechnischen Innovationen, deren nicht nur symbolische Wirkung nicht unterschätzt werden sollte. Wie Kretschmer immer wieder detailliert vorführt, gingen nicht nur vom revolutionär dimensionierten Londoner "Kristall-Palast" 1851, sondern insbesondere von den folgenden "größten Kuppeln", höchsten Türmen (wie etwa dem zunächst so heftig umstrittenen Eiffel-Turm), gigantischsten Hallenkonstruktionen, hellsten Beleuchtungen und schnellsten Verkehrsmitteln die vielleicht stärksten Impulse und faszinierendsten Eindrücke aus. Daran wird deutlich, wie sehr die Weltausstellungen für die Zeitgenossen zunächst und vor allem ein Raum-Erlebnis waren, das seine Attraktivität aus der konkreten Erfahrung des sinnlich wahrnehmbaren Fortschritts als Mechanismus der Raumeroberung bezog - ein Umstand, der vielleicht auch begründet, warum die Weltausstellungen heute angesichts der Einlösung aller räumlichen Superlative und der Flucht in virtuelle Räume ihre Faszination verloren haben.
Bei aller rhetorischen Beschwörung der Zukunft (und bei aller baulichen Einkleidung in historische Gewänder vor allem im 19. Jahrhundert) waren die Weltausstellungen also vor allem Feste der Gegenwart und haben auf der Erfahrungs- wie auf der Symbolebene wie vielleicht kein anderes Medium zur Technisierung der Bewußtseine und zu deren Anpassung an den technisch-wissenschaftlichen Fortschritt im breiten Maßstab beigetragen. Denn während das Fachpublikum sich bald vom "Zirkus" der Weltausstellungen abwandte und das Medium der Fachmesse entwickelte, wurden die Weltausstellungen immer mehr zum Magnet für die breite Öffentlichkeit der modernen Industrienationen. Spiegel dieser Funktion als "Transmissionsriemen" für die Popularisierung von Technik und Wissenschaft wie für die Anpassung an moderne Normierungen der Alltagswelten war dabei nicht zuletzt der zentrale Aspekt der Unterhaltung und des Vergnügens, der bezeichnenderweise bei den amerikanischen Weltausstellungen des 20. Jahrhunderts dann in "Hollywood-Manier" (nicht zuletzt aus finanziellen Gründen) immer stärker in den Mittelpunkt rückte. Waren die (europäischen!) Weltausstellungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch von der Idee getragen gewesen, die Klassenfrage durch eine explizite (symbolische) Integration der Arbeiter in das "gemeinsame" nationale Fortschrittsprojekt zu überwölben und damit die Lösung der sozialen Frage durch mehr Wissenschaft und Technik zu suggerieren, so "erledigte" sich diese forcierte Symbolik in der amerikanischen Feier des Massenkonsums im 20. Jahrhundert dann gewissermaßen von selbst. Gerade dieser Aspekt eröffnet zugleich die aufschlußreiche Perspektive, die Weltausstellungen auch und gerade als Indikatoren für den Wandel des jeweiligen Fortschrittsbegriffs und seiner Konnotationen zu lesen - ein Aspekt, der vor allem auch durch die unterschiedlichen Leit-Thematiken, die immer vielfältigeren inhaltlichen Bezüge und die Fülle an (wissenschaftlichen) Kongressen, die als "Beiprogramm" immer umfangreicher und wichtiger wurden, an Bedeutung gewinnt. So lag der Akzent des Fortschrittsmodells bei der ersten Ausstellung noch eindeutig auf der Verbindung nationaler ökonomischer Stärke mit der Sicherung des Friedens - eine Verbindung, die im Zuge der imperialen Expansion der Europäer immer brüchiger und fragwürdiger wurde und vollends mit dem Weltkrieg und seinen krisenhaften Folgen ihre Leitbildfunktion einbüßte.
Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, wenn Kretschmer daher die Weltausstellung von 1933 in Chicago als den Anbruch einer neuen Ära beschreibt: Während die Ausstellung in Barcelona 1929/30 im Schatten der europäischen Krise trotz aller architektonischen Highlights (so z.B. des berühmten deutschen Pavillons von Mies van der Rohe) konzeptionell noch den Ausstellungen des 19. Jahrhunderts gefolgt war, verschob sich die Fortschrittsmetaphorik 1933 in den USA nun ganz auf wissenschaftlich-technische Innovationen und die damit verbundenen (welt-)wirtschaftlichen Konjunktureffekte: Es war also gerade die weltweite tiefe Wirtschaftskrise, die die Umpolung des Fortschrittsbegriffs im Medium der Weltausstellung langfristig initiierte. Bezeichnenderweise begann daher gerade im Zuge der Chicagoer Weltausstellung auch die wachsende Macht der Konzerne sichtbar zu werden, die in der Folgezeit als Symbolträger des Fortschritts in mächtige Konkurrenz zu den nationalen Repräsentationen traten und diese bald an Publicity und Anziehungskraft überboten: So lief beispielsweise das "Futurama" im Gebäude von General Motors auf der Ausstellung 1939 in New York allen anderen Attraktionen den Rang ab, indem es die Illusion eines Fluges von Küste zu Küste über das Amerika des Jahres 1960 hinweg erzeugte: "Die Zuschauer saßen in Sesseln, die sich auf einer Art Förderband über die Miniaturlandschaft hinweg bewegten. Jeder Sessel hatte sein eigenes Lautsprechersystem - es war das komplexeste Soundsystem, das bis dahin realisiert worden war - über das den Zuschauern erläutert wurde, was sie gerade vor sich sahen: Superhighways, riesige Brücken und gewaltige Städte. (...) Hier entwarf der Großkonzern seine Vision von der Welt der Zukunft." (S. 213) Und, so könnte man hinzufügen, es war bezeichnenderweise eine durch und durch technische Vision der Zukunft, deren "frontier" dann bei der Neuauflage des "Futurama" auf der Weltausstellung 1964 in NewYork über die eigene Nation hinaus bis an die äußersten "Grenzen der Zivilisation" (Mond, Univsersum, Tiefsee usw.) vorgeschoben wurde.
Kretschmers Buch ist voller solcher Details, die das Buch zu einem wahren Lesevergnügen machen. Die vielen Bildquellen und der klare und bisweilen regelrecht spannende Stil tun ein übriges, daß sich der Leser gerne von Weltausstellung zu Weltausstellung führen läßt und immer wieder wissen will, "wie es denn nun weitergeht". Dabei werden auch die massiven Schattenseiten der Weltausstellungen, so vor allem die rassistischen Konzepte der Völkerschauen und die zooartige "Ausstellung" fremder bzw. kolonialisierter Ethnien, keineswegs verschwiegen oder beschönigt. Wir haben es also keineswegs mit einem "Jubelbuch" zur Expo zu tun, sondern mit einer kritischen und genau recherchierten Überblicksdarstellung der hundertfünfzigjährigen Geschichte der Weltausstellungen. Allerdings hat die anschauliche Führung durch die einzelnen Ausstellungen auch ihren Preis: Die Synthesen und breiteren Ergebnisse muß sich der Leser entweder selbst im Zusammenhang der einzelnen Befunde suchen oder er muß sie sich gar selbst herausfiltern. Hier wäre eine umfassende Schlußbetrachtung im Sinne eines systematischen Fazits doch von großem Nutzen gewesen. Durch das Fehlen eines solchen systematischen Blicks werden daher auch komplexere Fragestellungen wie z.B. nach der "kulturellen Konstruktion" und Identitätsbildung gerade von multiethnischen Nationen bzw. der Funktion indigener Kulturen im Prozeß nationaler Identitätsbildung oder auch Fragen nach der spezifischen außenpolitischen Funktion der nationalen Repräsentation auf Weltausstellungen [2] nicht aufgeworfen oder nur ansatzweise gestreift. Aber das soll nicht verdecken, daß wir es hier mit einem überaus spannenden Überblick zu tun haben, der zur intensivierten historischen Beschäftigung mit dem Faszinosum der Weltausstellungen anregt.
Anmerkungen:
[1] Vgl. Charles Maier: Consigning the Twentieth Century to History: Alternative Narratives for the Modern Era, in: American Historical Review 105, June 2000, S. 807-831. Maier sieht die 1860er Jahre als die take-off-Phase des territorial geprägten Industriezeitalters, die Phase seit den 1960er Jahren als seine sukzessive Ablösung.
[2] Siehe dazu z.B. den Band von Eckhardt Fuchs (Hg.): Weltausstellungen im 19. Jahrhundert. Leipzig 2000 (Comparativ 9, H.5/6, 1999).
Rezensiert für
H-Soz-u-Kult von:
"Alexander Schmidt-Gernig" <h1409ah8@rz.hu-berlin.de>, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität Berlin
Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>
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