Hartmut Berghoff (Hrsg.): Konsumpolitik. Die Regulierung des privaten Verbrauchs im 20. Jahrhundert, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1999, 160 S., ISBN: 3-525-01376-0, Preis: DM 29.80.

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von André Steiner

Reaktion von André Steiner zum Kommentar von Christoph Nonn:

Zunaechst moechte ich noch einmal die von Christoph Nonn beanstandete Passage meiner Rezension des Sammelbandes zitieren:

"Anhand der in der Literatur bereits vielfach dargestellten Auseinandersetzungen um die staatliche Behandlung der Landwirtschaft entwickelt Nonn die These, dass sich die Regulierung der Lebensmittelmaerkte im Verlauf des betrachteten halben Jahrhunderts in ihrem Ziel - der Abschottung vom Weltmarkt - kaum veraendert habe, aber die dahinter stehenden Motive und Ursachen sich gewandelt haetten. Standen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert die Produzenteninteressen im Mittelpunkt, so sei es heute die Sicherung der Versorgung der Konsumenten, betont Nonn pointiert in seiner Zusammenfassung (S. 41). Zu dem zweiten Teil dieser Aussage ist jedoch Widerspruch anzumelden, da Nonn hier sowohl die Zwischenkriegszeit als auch die kurze Phase Anfang der fuenfziger Jahre verallgemeinert, in der die Weltmarktpreise fuer Agrarprodukte ueber den inlaendischen lagen und somit der Agrarprotektionismus im Interesse der Verbraucher lag. Es ist zweifellos zutreffend, dass dies ebenso wie die Hungererfahrungen der Weltkriege und der Nachkriegszeiten die Etablierung der Abschottung des Agrarmarktes erleichterte und die verschiedenen von Nonn angefuehrten Aeusserungen im Hinblick auf den Konsumentenschutz bis weit in die fuenfziger Jahre hinein beeinflusste. Aber als die Weltmarktpreise ab 1952 unter die inlaendischen Preise sanken, beguenstigte die agrarprotektionistische Politik objektiv in erster Linie die Produzenten.

Nun soll nicht bestritten werden, dass es in der Folgezeit auch immer wieder Kompromisse mit den Verbraucherinteressen gab, aber dem komplizierten Geflecht von wirtschaftlichen, verschiedenen wahlopportunistischen und schliesslich im Laufe der Zeit auch europapolitischen Motiven und Ursachen fuer die agrarprotektionistische Politik wird die These von Nonn - noch dazu in ihrer Fortschreibung bis heute - nicht gerecht. Ausserdem stellen sich hier Fragen nach der Art und Weise, wie sich die Verbraucherinteressen eigentlich artikulierten bzw. von deren Vertretern wahrgenommen, antizipiert oder bestimmt wurden. Beispielsweise ist schon fuer Ende der fuenfziger Jahre belegt, dass nur eine Minderheit der Bevoelkerung die Unterstuetzung der Landwirtschaft fuer erforderlich hielt."

Erstens ist offensichtlich, dass mein zentraler Punkt nicht, wie Nonn behauptet, die Kritik an der These ist, "dass der Agrarprotektionismus zunaechst zwar von den Konsumenten bekaempft, nach den Hungererfahrungen der beiden Weltkriege aber - im Interesse einer sicheren Lebensmittelversorgung - spaetestens seit den 1950er Jahren akzeptiert wurde." Sondern ich wende mich gegen seine auf S. 41 des urspruenglich besprochenen Beitrags, dass "im Mittelpunkt heutiger Agrarpolitik die Sicherung der Versorgung der Konsumenten (steht)", was mir aus oben angesprochenen Gruenden nach wie vor problematisch erscheint.

Zweitens werfe ich abschliessend in diesem Zusammenhang die Frage danach auf, wie sich Verbraucherinteressen artikulieren bzw. wahrgenommen oder bestimmt werden, da man darueber in Nonns Beitrag nichts erfaehrt, was bei seiner zentralen These aber durchaus von Interesse waere. Als einen Beleg, dass die Haltung der Konsumenten vielschichtiger gewesen sein koennte, als von Nonn ausgefuehrt, fuehrte ich die von ihm inkriminierte Umfrage an. Nun ist diese - wie immer - verschieden interpretierbar: Es finden sich sowohl die von Nonn angefuehrten Werte, ebenso laesst sich meine These herauslesen. Es ist wohl in einer Rezension kaum der Platz, sich gruendlich quellenkritisch mit einer Umfrage auseinanderzusetzen, noch dazu wenn sie lediglich als Beleg fuer die Berechtigung einer weiterfuehrenden Frage dient. Die notwendige Quellenkritik bei weiterfuehrender Nutzung solcher und anderer Umfragen bleibt dabei selbstverstaendlich unbestritten.

Drittens ist es immer zu begruessen, wenn es zu einem wissenschaftlichen Meinungsstreit kommt. Aber dabei sollte man auch tatsaechlich auf die vom "Vorredner" angefuehrte These oder aufgeworfene Frage eingehen. Ausserdem scheint es mir fuer das Klima in einem solchen Streit nicht besonders hilfreich zu sein und in der Sache auch nicht weiterzufuehren, wenn man den anderen in die Ecke selbstdefinierter Orthodoxie stellt.

Andre Steiner


Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>

From: "Andre Steiner" <steiner@rummelplatz.uni-mannheim.de>
Subject: Kommentar zur Kritik von C. Nonn
Date: 12.08.2000


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