Rezensiert für H-Soz-u-Kult von André Steiner
Andre Steiner kritisiert in seiner Rezension vehement die zentrale These meines Beitrags ueber Lebensmittelkonsum und Agrarpolitik in Deutschland waehrend des 20. Jahrhunderts. Ich behaupte, dass der Agrarprotektionismus zunaechst zwar von den Konsumenten bekaempft, nach den Hungererfahrungen der beiden Weltkriege aber - im Interesse einer sicheren Lebensmittelversorgung - spaetestens seit den 1950er Jahren akzeptiert wurde. Dagegen fuehrt Steiner vor allem die zeitgenoessische Auswertung einer repraesentativen Umfrage von 1958 an, nach der "nur eine Minderheit der Bevoelkerung die Unterstuetzung der Landwirtschaft fuer erforderlich" gehalten habe.
Nun hat Lutz Raphael hat vor einiger Zeit in Geschichte und Gesellschaft (1996, S. 165-193) zu Recht beanstandet, dass viele Historiker auf Umfrageergebnissen beruhende zeitgenoessische Studien ohne weiteres als vermeintlich "objektiv" uebernehmen, ohne sie quellenkritisch zu durchleuchten. Der Autor der von Steiner bemuehten Studie, Karl-Heinrich Hansmeyer, war nach Ausweis dieser und seiner anderen Veroeffentlichungen ein ueberzeugter Neoliberaler. Er warf den Landwirten eine "'Nimmersatt'-Haltung" vor, deren Befriedigung bei geringer werdenden finanziellen Spielraeumen im Staatshaushalt zunehmend unmoeglich werde (S.704f). Um ein Umschwenken staatlicher Politik auf eine Reduzierung der Agrarsubventionen, wie sie bekanntlich Ludwig Erhard anstrebte, auch politisch machbar erscheinen zu lassen, interpretierte Hansmeyer die betreffende Umfrage von 1958 sehr einseitig. Er ging allerdings nie so weit wie Steiner, sondern suggerierte lediglich ausgesprochen geschickt, dass Agrarpolitik sich in der Bundesrepublik nur am agrarischen Interesse orientiere. Diese These ist mittlerweile auch in der Historiographie zur Orthodoxie geronnen, oder besser versteinert. Bei genauerem Hinsehen belegen die Zahlen der Umfrage freilich gerade, dass 1958 tatsaechlich in allen Bevoelkerungsschichten eine breite Mehrheit die Agrarsubventionen bejahte, wenn sie an ein Programm von Produktionssteigerungen mit dem Ziel einer weitgehenden Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln gekoppelt waren. Insgesamt 56% der Befragten hielten den Gruenen Plan fuer einen "besonders wichtigen" Teil der Staatsausgaben. Nur 16% meinten, man solle die Ausgaben dafuer einschraenken. Bei einer Einteilung der Befragten in Berufsgruppen ergaben sich fuer Arbeiter, Angestellte, Beamte, Selbstaendige und Rentner praktisch identische Zahlen (vgl. die Tabellen 11 bis 13 bei Hansmeyer, S. 700-702).
Dass nicht nur diese breite allgemeine Zustimmung zur Foerderung der Landwirtschaft im Interesse der Konsumenten, sondern auch andere Faktoren zum Festhalten am Agrarprotektionismus beitrugen, ist unbestritten. Da in der bisherigen Forschung allerdings fast ausschliesslich die Interessenpolitik der Landwirte dafuer verantwortlich gemacht wird, erschien es mir noetig, dagegen den Wandel in der Einstellung der Verbraucher besonders zu betonen. Offenbar beschraenken die Scheuklappen der Orthodoxie den Blick jedoch noch staerker als angenommen. Deshalb dieser Kommentar.
Christoph Nonn
Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>
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