Rezensiert für H-Soz-u-Kult von Moritz Föllmer M.A.
Der interessierten Leserschaft von H-SOZ-U-KULT (H-NET) wurde bereits am 29. Februar d. J. eine Rezension von Alain Corbins "Auf den Spuren eines Unbekannten" von Moritz Foellmer, Berlin, angeboten. Diese Rezension, mit der ich im Übrigen in vielen - jedoch nicht in allen - Teilen übereinstimme, nahm ich letztendlich zum Anlaß, Corbins neuestes Buch mit in den Urlaub zu nehmen, was u.a. darauf hinweist, daß über den Inhalt und die Struktur der 10 Kapitel in der Rezension ausreichend berichtet wurde, weswegen ich hier darauf verzichte, dies einmal mehr zu tun. Da ich mich darüber hinaus nicht für einen Fachmann des Gebietes halte, in dem Corbins Arbeit zu lokalisieren ist, werde ich keine weitere Rezension vorlegen, jedoch nach der Lektüre auf einige Punkte dieser "unmöglichen Lebensbeschreibung" zu sprechen kommen - und somit auch auf die genannte Rezension.
Im Vorhinein:
Ich habe den Eindruck, daß es einen Unterschied macht, ob Corbin bei der - insgesamt alles andere als zufälligen - Wahl seines zu biographierenden Holzschuhmachers "zweimal den Zufall spielen" läßt, oder ob man Corbin die Last eines Prinzips aufbürdet, nach "dem Zufallsprinzip [...] ausgewählt" zu haben, wie der Rezensent schreibt (Seite 1 von 3).
Ich wäre übrigens auch unentschlossen - und komme hier zur eigentlichen Frage meines Interesses - was die vermeintliche Überlegenheit eines solchen Zufallsprinzips ausmachen würde, nach dem Corbin seinen Holzschuhmacher nicht ausgesucht hat; denn erstens "greift er", wie er berichtet, selbst "ein" (S. 12) in diese Wahl, ein Zufall ist dementsprechend nicht mehr gegeben; zweitens kann man auch deswegen nicht von "Zufall" sprechen, da Corbin als "Forschungsgegenstand" einen Menschen seiner Heimat wählt - alles andere als ein Zufall also, so möchte ich behaupten.
Dies empfand ich nun jedoch weder als Mangel noch als Problem - ich fand es vielmehr interessant: Ist die Tatsache, daß Historikerinnen und Historiker Gegenstände wählen, die ihnen auch persönlich, quasi lebensgeschichtlich, vertraut sind, nicht eine mindestens ebenso bedeutende Einflußgröße, wie bspw. die Methode, die sie wählen?
Doch zunächst noch zu einigen anderen Anmerkungen: Corbins Studie ist ungemein beeindruckend; der Autor eröffnet der Leserschaft sehr viel Archivmaterial, doch noch gewinnbringender waren für mich die vielfältigen Anregungen, die aus diesem Werk entstehen sowie Corbins "Gedanken bei der Arbeit", seine Fragestellungen, die so vielleicht das eigene Arbeiten beeinflussen können.
Gerade auch wegen der zweifelsfreien Qualität dieses Werks verwundert der etwas scharfe und triumphale Ton des "Auftakts" bei Corbin, in dem etwa Carlo Ginzburgs Müller Domenico Scandella, genannt Menocchio, aus einem Dorf in Friaul (1) als quasi verfehlt ausgewähltes "Objekt" einer historischen Studie entlarvt werden soll - da er ein "schiefes Bild der Vergangenheit" zeichne und so quasi nicht repräsentativ sei. Nicht repräsentativ, weil er - anders als Louis-François Pinagot - deutlicher ins Blickfeld staatlicher-kirchlicher Institutionen geraten sei, da er mit ihnen in Konflikt kam. Meinem Verständnis nach war sich Ginzburg nicht nur bewußt, wie wenig repräsentativ Menocchio für die Schicht und Gesellschaft seiner Zeit war, er schreibt auch bereits im Vorwort, daß es sich bei Menocchio um ein "offensichtlich ungewöhnliches Individuum" (S. 8) handelt. Noch an weiteren Stellen kann man dies belegen. Ginzburg wollte keinen typischen Vertreter vorstellen, sondern "einen Einblick in eine noch nicht ergründete Schicht von volkstümlichen Glaubensformen und dunklen bäuerlichen Mythologien" ermöglichen - und ist Menocchio diesbezüglich nicht gut gewählt? Und natürlich lernt man an Menocchio darüber hinaus (quasi: trotzdem) sehr viel über die "Kultur der Unterschichten" (Ginzburg), auch wenn er nicht ihr typischster Vertreter war.
Diese Studie Corbins ist für die Geschichtsschreibung zweifellos ausreichend gewinnbringend, so daß sich Kommentare der Deklassierung anderer Werke eigentlich erübrigen. Die Bücher von Ginzburg und Foucault sind 23 bzw. 24 Jahre älter, selbstverständlich weist Corbins Arbeit neue Aspekte auf. Zweifelsfrei haben die Arbeiten der siebziger Jahre jedoch ebenfalls wesentliche Impulse gegeben, ihr Wert steht wohl auch noch heute außer Frage.
Eng an der Übersetzung aus dem Französischen von Bodo Schulze zu diskutieren sind Aussagen wie die zur Beschreibung der Person Pinagots: "Bei keiner Gelegenheit hat er für seine Mitmenschen das Wort ergriffen; zweifelsohne ist ihm nicht einmal der Gedanke dazu gekommen, zumal er weder lesen noch schreiben konnte" (S. 7). Ist hier vielleicht nur gemeint: Es ist nicht an Quellen nachweisbar fixiert, daß Pinagot für Mitmenschen das Wort ergriff? Daß dies einem bereits im dritten Satz des Buches entgegentritt, kurz bevor Ginzburg und Foucault (2) höflich in ihre Schranken verwiesen werden, stört die Anmut des Gesamtwerks, die es zweifelsohne hat. Irritiert hat mich - bei allem Wortwitz - die Benutzung des Verbs "wimmeln", bei dem man eher an Ameisen denkt, in bezug auf das Leben eines Menschen ("das Wimmeln der Namenlosen", S. 8) - dem doch über 334 lesenswerte Seiten soviel Aufmerksamkeit und damit Wertschätzung entgegengebracht wird. Dies wird dann noch von einem Zitat Ernst Jüngers überboten, das für sich genommen unproblematisch ist, wodurch jedoch der vorher nur assoziierte Vergleich des Menschen mit dem Insekt vom Autor endgültig eingeführt wird (S. 12). Auch der u.a. dem physiologischen Sprachgebrauch zugehörige Begriff "Atonie" (S. 8), angesichts des Lebens des Biographierten, lädt mehr zu einer Diskussion über Normierungsparameter dessen, was ein "gewöhnliches" oder "ungewöhnliches" Leben ausmacht, ein, als daß es inhaltlich überzeugt. Zumal vermeintliche Höhepunkte ergänzend hierzu als "Paroxysmen" bezeichnet werden. Ein sprachliches Problem?
Ist es notwendig, zu betonen, daß den Historiker mit dem von ihm untersuchten Holzschuhmacher "emotional nichts verbindet" (S. 8)? Steht dies nicht auch in Widerspruch zu Corbins Motivation, wenn er an anderer Stelle schreibt, daß er versuche, "den Planierraupen entgegenzuarbeiten, die heute auf ländlichen Friedhöfen ihr Unwesen treiben" (S. 10)? Wie wahr und erhellend dies bzgl. des christlichen Teils unserer Kultur der Erinnerung in Mitteleuropa übrigens ist! Es steht auch im Widerspruch zu Corbins von ihm selbst geschilderten Gerührtheit, als er in einem Protokollbuch des Gemeinderats ein von Pinagot handschriftlich gefertiges Kreuz entdeckt - ein Zeichen des Analphabetismus` des Unterzeichners und Anlaß zu einer Gerührtheit des Autors und Forschers, von der wir drei Seiten vor Ende des Buches doch noch erfahren (S. 290).
Sehr attraktiv ist Corbins Idee, einleitend Auszüge bzw. Fragmente aus seinem eigenen Tagebuch zu enthüllen - aus den ersten Tagen seiner Archivrecherchen zum vorliegenden Buch! Wie beiläufig erfahren wir, daß sich der Historiker entschlossen hat, in seiner Heimat zu forschen - "Nicht nur aus Bequemlichkeit, sondern auch, um die Schwierigkeiten nicht überhand nehmen zu lassen und um mir trotz des zeitlichen Abstands einen umfassenden Zugriff zu ermöglichen [...]" (S. 11). Dies bringt mich zu der eingangs erwähnten Frage der "Objektwahl" des Historikers, oder einer Historikerin, zurück.
Der "Auftakt" ist meines Erachtens der am wenigsten überzeugende Teil des Buches, ungeachtet des Interesses, das ich ihm entgegengebracht habe. Die "Objektwahl" des Historikers Corbin stellt nicht alles Bisherige in den Schatten - sie ist neu und erfrischend. Das Buch hat einen Vergleich mit anderen Werken, zumindest in der hier kritisierten Art und Weise, nicht nötig, was 10 spannende Kapitel bezeugen. Ich wünsche der Geschichte von Louis-François Pinagot eine große Leserschaft.
Dr. Thomas Mueller <t.mueller@medizin.fu-berlin.de>, Institut für Geschichte der Medizin, FU Berlin
(1) Carlo Ginzburg: Il formaggio e i vermi. Il cosmo di un mugnaio `500. Einaudi, Turin (1976). Deutsch: Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600. Verlag Wagenbach, Berlin (1990 / 1993).
(2) Michel Foucault (Hg.): Der Fall Rivière. Materialien zum Verhältnis von Psychiatrie und Strafjustiz. Frankfurt a.M. (1975).
Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>
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