Rezensiert für H-Soz-u-Kult von Dr. Brigitte Meier
Am Ende des ereignisreichen 20. Jahrhunderts thematisierten Lieselott Enders, die Grande Dame der brandenburgischen Archiv- und Geschichtswissenschaften, und Klaus Neitmann, Direktor des Brandenburgischen Landeshauptarchivs, Brandenburgische Landesgeschichte heute.
Veranlaßt durch die späte Gründung der Brandenburgischen Historischen Kommission beschäftigte sich im November 1997 eine wissenschaftliche Konferenz mit den Perspektiven der brandenburgischen Landesgeschichte, deren Ergebnisse sowie die weiterer Konferenzen in diesem hier zu besprechenden Band vereint sind.
In einer Zeit der Globalisierung und Technisierung werden die historischen Wurzeln zwar für die Avantgardisten bedeutungsloser, dies trifft jedoch nicht auf die Mehrzahl der Bewohner einer Landschaft, eines Kulturraumes oder einer Region zu. Bekanntlich hat ja schon Eric Hobsbawm in seiner "Erfindung der Tradition" die Kausalität von "invented tradition" und den mit den Modernisierungsprozessen einhergehenden Verunsicherungen der Menschen betont.
Landeshistorische Forschungen im In- und Ausland haben daher von ihrer Bedeutung noch nichts eingebüßt. (Ernst Hinrichs, Luise Schorn-Schütte, Franz Irsigler, Uwe John, Werner Buchholz) [1] Im Gegenteil, wie im Falle Brandenburgs, sollen sie sich den Anforderungen der Zeit stellen, anregend, beratend und Identität stiftend zugleich sein. In "allererster Linie für die heranwachsende Generation" (S. 5), aber auch für die Einheimischen und Zugewanderten könnten die landesgeschichtlichen Arbeiten die Identitätsbildung befördern. Dies ist ein große Ziel, daß man durch die Zusammenarbeit mit den Universitäten und Fachhochschulen des Landes und durch die Überwindung der traditionellen Schwerpunktsetzungen (Politik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte) zu erreichen gedenkt. Statt dessen will man, "'In Grenzen unbegrenzt' sämtliche Erscheinungen des historischen Lebens in einem eingegrenzten Raum in ihr Blickfeld" (S. 6) einbeziehen.
Dieser methodische Ansatz, der uns an den Anspruch der "histoire totale" der Annales erinnert [2] und uns zur aktuellen internationalen Debatte um die "new cultural history" führt [3], deutet darauf hin, daß sich die Verfasser des Vorwortes (Friedrich Beck, Lieselott Enders und Klaus Neitmann) der zeitgemäßen Anforderungen an die Landesgeschichte heute durchaus bewußt sind. Doch werden die wissenschaftlichen und die finanziellen Ressourcen des Landes Brandenburgs die Umsetzung dieses löblichen Ansatzes, der nur mit umfangreichen empirischen Forschungen und mittels zeitgemäßer Methoden zu realisieren sein wird, in die Forschungsrealität auch erlauben? Der Ministerpräsident des Landes Brandenburg, Manfred Stolpe, betonte zwar in seinem Grußwort zur ersten Konferenz die große Bedeutung des Wissens um Tradition und Erbe für die gegenwärtige Lebensgestaltung der Brandenburger gerade angesichts der Brüche, die ihr Leben im letzten Jahrzehnt erfahren hat, doch bedarf es noch einer zielgerichteten Strategie der Landesregierung, die sich nicht in der Finanzierung einzelner Projekte sowie in Druckkosten- und Tagungskostenzuschüssen erschöpfen sollte.
Bereits unmittelbar nach der Wende analysierten die Berliner Historiker Gerd Heinrich [4] und Wolfgang Neugebauer [5] den Forschungsstand zur brandenburgischen Landesgeschichte, wobei sie dies jeweils aus einem erweiterten Blickwinkel (Berlin-Brandenburg-Preußen) heraus taten. Abgesehen von der politischen Geschichte, der Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Landes müssen weite Bereiche der Kultur-, Stadt-, Militär- und Adelsgeschichte noch erforscht werden. Trotz der unübersehbaren Bemühungen, diese Desiderata zu schließen, weist die Bilanz nach fast einem Jahrzehnt noch immer jene Forschungslücken auf. Konzeptionelle Überlegungen, die den Rahmen eines Lehrstuhls oder Forschungsschwerpunktes überschritten und inhaltliche Innovationen anstrebten, die das vorhandene interdisziplinäre Forschungspotential fokussieren, harren noch ihrer Entwicklung.
So ist es wohl nur legitim, wenn in diesem Konferenzband versucht wird, sich dem Thema Landesgeschichte begrifflich, methodisch und regional vergleichend erneut zu nähern, um so weitere Forschungen anzuregen. Der Band will nicht in erster Linie bilanzieren, obwohl er dies in den Bereichen Namenskunde, ländliche Gesellschaft, Stadtgeschichte, Wirtschaftsgeschichte und mittelalterliche Geschichte der Neumark durchaus leistet, sondern er exemplifiziert verschiedene methodische Herangehens- und Arbeitsweisen an konkret historischen Beispielen. Wobei der kulturhistorisch-anthropologische Ansatz Jan Peters und der der "histoire totale" von Lieselott Enders neben denen der traditionellen und im Brandenburger Raum dominierenden Politik-, Struktur- und Gesellschaftsgeschichte sowie dem der Sprachwissenschaft steht. Ein Diskurs zwischen den Vertretern der verschiedenen Strömungen über mögliche Verzahnungen steht noch aus. Ohne diesen Diskurs wird sich der Anspruch der Interdisziplinarität der Landesgeschichte nur schwer einlösen lassen.
Doch gerade diesen interdisziplinären Charakter landesgeschichtlicher Forschung hebt Franz Irsigler (Trier) in seinem einführenden Beitrag hervor. Er definiert Landesgeschichte als "eine heute sehr angesehene, hoch produktive und auch breitenwirksame Disziplin der historischen Wissenschaft." (S. 9) Trotz unterschiedlicher Auffassungen innerhalb der Zunft betont Irsigler völlig zu Recht, daß sich der zeitliche Rahmen von landesgeschichtlichen Forschungen von der Ur- und Frühgeschichte bis zur Gegenwart erstreckt und den bekannten Epochengrenzen weit weniger erliegt als andere Disziplinen. Zu den Aufgaben und Verpflichtungen landesgeschichtlicher Forschung zählt traditionell bedingt die Interdisziplinarität. Aber gerade hier setzt die Ausbildungs- und Berufungspraxis der Universitäten mit ihrem Spezialisierungsgebaren den Möglichkeiten interdisziplinärer Vorhaben enge Grenzen. Werke, wie die Uckermark von Lieselott Enders, die dem Anspruch der "histoire totale" sehr nahe kommen, werden wohl Seltenheitswert behalten. Dennoch zeugen klassische Landesgeschichten (Handbuch der bayerischen Geschichte), Regionalstudien (Der Raum Westfalen) oder Altaswerke von den Möglichkeiten interdisziplinären Forschens. (S. 20) Ganz in der Hobsbowmschen Tradition sieht Irsigler die Zukunft der Landesgeschichte "auch als identitätsstiftende und -bewahrende historische Wissenschaft" (S. 22), weil die "weit verbreitete Europa-Angst, das Bedürfnis nach sicherer Selbstverortung in vertraute, historisch gewachsenen Raumeinheiten mittlerer Größe" (S. 22) befördert.
Nachdem der erste Beitrag den Begriff und den Inhalt von Landesgeschichte diskutierte, werden in den folgenden Beiträgen verschiedene theoretischen Ansätze vorgestellt und an Beispielen illustriert und bilanziert.
Mit der selbständigen Teildisziplin der Sprachwissenschaft, der Namensforschung, beschäftigt sich der Beitrag von Reinhard E. Fischer, der hinsichtlich der Namensforschung für Brandenburg in den Grenzen von 1900 durchaus eine positive Bilanz ziehen kann.. Dennoch bedarf es auch hier weiterer Forschungen. Insbesondere böte die Erforschung der Flurnamen der Siedlungsgeschichte neue Erkenntnismöglichkeiten.
Ein gelungenes Beispiel der Synthese von methodischem Diskurs und empirischen Forschungsergebnissen stellt der Beitrag von Jan Peters dar. Dank der produktiven Umsetzung historisch-anthropologischer Methoden für verschiedene Mikrokosmen gelang es ihm und seinen Mitarbeitern/Innen, die vielfältigen Interaktionen zwischen Individuum und Gesellschaft transparent zu machen und so zu neuen Erkenntnissen hinsichtlich der Lebens- und Verhaltensweisen der ländlichen Bewohner zu kommen.
Empirische kulturhistorische Forschungen für den Mikrokosmos Stadt stellen eine unabdingbare Voraussetzung für regional vergleichende Untersuchungen dar, die erst Aussagen über das Allgemeine und Besondere der brandenburgischen Städte gestatten würden. Bei dem jetzigen Forschungsstand, den Lieselott Enders für die brandenburgischen Städte im Allgemeinen und Evamaria Engel für die Kleinstädte im Besonderen sehr sachkundig referieren, kam es ähnlich wie für die ländliche Gesellschaft zu Ver- und Überzeichnungen bestimmter Bilder vom fortschrittsfeindlichen Stadtbürger oder von der vertikalen Durchstaatlichung. Viele Lebensbereiche der städtischen und insbesondere der kleinstädtischen Gesellschaft blieben gänzlich unerforscht. Hier bedarf es zukünftig noch intensiver Grundlagenforschung. Es wäre wünschenswert, wenn diese auch gleich mit einem Paradigmenwechsel verbunden würde.
Eine etwas positivere Bilanz kann Ingo Materna für die wirtschaftshistorischen Forschungen des 19. und 20. Jahrhunderts ziehen. Wobei die von Otto Büsch bereits 1971 geforderte interdisziplinäre Zusammenarbeit ganz im Sinne der Vorstellungen Simmels u.a. um 1900 noch immer auf die Umsetzung in die Forschungspraxis wartet.
Neben der interdisziplinären Kooperation gestaltete sich auch die interstaatliche Kooperation nicht immer zur vollen Zufriedenheit aller Beteiligten. Der polnische Historiker, Jercy Strzelczyk, bilanziert eine Vielzahl polnischer Arbeiten zur mittelalterlichen Geschichte der Neumark, die leider von den deutschen Historikern kaum zur Kenntnis genommen wurden.
Die drei letzten Beiträge des Bandes widmen sich der regionalen Interaktionen zwischen der Mark Brandenburg und einigen seiner Nachbarn. An konkret historischen Beispielen, wie dem brandenburgisch-mecklenburgischen Erbvertrag von 1442 (Gerhard Heitz), den Beziehungen zwischen Sachsen und Preußen vom Hubertusburger Frieden 1763 bis zum Teschener Frieden 1779 (Reiner Groß) und dem historischen Verhältnis der Mark zu Brandenburg-Preußen (Wolfgang Neugebauer) wird das vielfältige und ambivalente Verhalten zwischen den Nachbarn auf staatlicher Ebene veranschaulicht. Wie sich die nachbarschaftlichen Beziehungen auf der Ebene der "Landeskinder" gestalteten oder wahrgenommen wurden, bleibt noch zu untersuchen.
Dieser Konferenzband vermittelt insgesamt ein sehr vielschichtiges Bild von den Leistungen und Aufgaben einer modernen Landesgeschichte, das durchaus geeignet ist, weitere landesgeschichtliche Forschungen anzuregen. Dennoch wird in diesem Band eine wichtige Chance, fachübergreifende Forschungsstrategien zu diskutieren, verschenkt. Wenn man in "Grenzen unbegrenzt" die Geschichte des Landes Brandenburg erforschen will, sollte man dann nicht auf die innovativen, interdisziplinären Forschungen beispielsweise des Kunsthistorikers Ulrich Reinisch [6] und seiner Schüler oder auf die soziologischen Regionalstudien und Feldforschungen von Astrid Segert und Irene Zierke,[7] Anna Schwarz und Gabriele Valerius [8] oder die Forschungen der Wirtschafts- und Sozialgeographie verweisen? Diese Beispiele verschiedener disziplinärer Forschungen, die sich mit dem Land Brandenburg beschäftigen, ließen sich noch wesentlich erweitern. Brandenburgische Landesgeschichte, wie immer sie sich auch definiert, wird zukünftig, ohne den Anspruch der Interdisziplinarität wirklich einzulösen und sich der modernen Medien zu bedienen, wohl kaum jüngere Generationen nachhaltig ansprechen.
Dieser Einwand, der in erster Linie die Diskussion des Gegenstandes "Landesgeschichte" beleben sollte, bezieht sich weniger auf den Band selbst, der für alle Landeshistoriker und landesgeschichtlich Interessierte unverzichtbar ist.
[1] Siehe u.a. Carl-Hans Hauptmeyer (Hrsg.), Landesgeschichte heute, Göttingen 1987.
[2] Emanuel Le Roy Ladurie, Les Paysans de Languedoc, 2 Bde, Paris 1966, hier Bd. 1, S. 11. Zu den Annales siehe: Jan Peter, Das Angebot der "Annales" und das Beispiel Le Roy Ladurie. Nachdenkenswertes über französische Sozialgeschichtsforschung , in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1, 1989, S. 139-159.
[3] Siehe das Internet-Symposium "Kultur und Geschichte" in H-Soz-u-Kult. (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensio/symposiu/symposiu.htm)
[4] Gerd Heinrich, Landesgeschichtliche Arbeiten und Aufgaben in Berlin-Brandenburg. Rückblicke und Ausblicke, in: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands, Bd. 39, 1990, S. 1-42.
[5] Wolfgang Neugebauer, Brandenburg-Preußische Geschichte nach der deutschen Einheit. Voraussetzungen und Aufgaben, in: Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte, 43, 1992, S. 154-181.
[6] Ulrich Reinisch, Der Wiederaufbau Neuruppins nach dem Standbrand 1787.
[7] Siehe u.a. Astrid Segert und Irene Zierke, Sozialstruktur und Milieuerfahrungen. Aspekte des alltagskulturellen Wandels in Ostdeutschland, Opladen 1997; dies., "...daß wir die Zukunft mitbedenken" - Akteure nachhaltiger Entwicklung in einer ostdeutschen Region, in: Hofmann, Michael; Maase, Kaspar; Warnecken, Peter (Hg.), Ökostile. Zur kulturellen Vielfalt umweltbewußten Handelns. Marburg 1998..
[8] Anna Schwarz, Die neuen Selbständigen - Promotoren marktwirtschaftlicher Modernisierung in Ostdeutschland, in: Rolf Reißig (Hrsg.), Rückweg in die Zukunft, Frankfurt am Main New York 1993, S. 127-157; dies., Chancenstrukturen und Handlungsmuster von Ingenieuren und Unternehmensgründern im ostdeutschen Transformationsprozeß, in: Forum Zukunft Brandenburg 2, Potsdam 1998; Gabriele Valerius, Zu sozialen und regionalen Besonderheiten der neuen Selbständigen in Ostberlin und im Land Brandenburg, in: Jürgen Schmude (Hrsg.), Neue Unternehmen. Interdisziplinäre Beiträge zur Gründungsforschung, Heidelberg 1994, S. 206-217.
Rezensiert fuer H-Soz-u-Kult von:
Dr. Brigitte Meier <Meier-Berlin@T-online.de>, Kulturwissenschaftliche Fakultät, Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder)
Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>
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