Rezensiert für den Server für die Frühe Neuzeit (sfn) und H-Soz-u-Kult von Ralf-Peter Fuchs
Daß die immer wieder propagierte Vorstellung von einer
zivilisierten, gewaltfreien Moderne illusionär ist, führen
zur Zeit zahllose Rückschauen der Medien auf das zu Ende gehende (gegangene)
Jahrhundert in gnadenloser Schärfe vor Augen. Auf der politischen und
gesellschaftlichen Aktualität des Themas Gewalt gründet sich die
wissenschaftliche Relevanz etwa auf psychologischem, soziologischem und
kulturhistorischem Gebiet, das die Stuttgarter Breuninger-Stiftung bereits
mehrfach dazu veranlaßt hat, interdisziplinäre Tagungen zu
veranstalten. Die kulturwissenschaftlichen Beiträge zweier von Rolf
Peter Sieferle geleiteten Konferenzen aus den Jahren 1996 und 1997, die von
der Stiftung gefördert wurden, finden sich in dem vorliegenden kleinen
Sammelband.
Zeitlich reicht das Spektrum der Beiträge vom 4. vorchristlichen Jahrtausend
bis in die Gegenwart. Insgesamt machen sie in überzeugender Weise deutlich,
daß Gewalt keineswegs als ein ahistorisches Naturphänomen zu begreifen
ist, sondern selbst in ihren krassesten Formen kulturellen Prägungen
unterliegt. Dies läßt sich z.B. unmittelbar über die
künstlerische Verbildlichung von Gewalt in Mesopotamien (Marlies Heinz)
und in der römischen Kaiserzeit (Paul Zanker) darlegen, ebenso über
die literarisch-erzählerische Ausschmückung von Gewaltszenen im
frühen Japan (Nelly Naumann) und in Berichten von Forschern und Reisenden
verschiedener Länder über den Kannibalismus, der angeblich
jenseits der eigenen Kultur zu finden war (Thomas O. Höllmann). Daneben
machen andere Beiträge einmal mehr deutlich, daß sich auch konkret
ausgeübte Gewalthandlungen als stilisierte, in kulturelle Regelwerke
eingebundene Strategien, denen eine soziale Logik zugrundeliegt, begreifen
lassen. Vom Habitus der Samurai (Wolfram Naumann) und der südamerikanischen
Caudillos des frühen 19. Jahrhunderts (Michael Riekenberg) bis hin zur
exklusiven Kultivierung von Gewalt im Rahmen universitärer Initiationsriten
und Rugby-Selbstinszenierungen durch die südafrikanischen Oberschichten
des frühen 20. Jahrhunderts (Christoph Marx) läßt sich ein
durchgängiges Band ziehen, das erkennen läßt, wie sich bestimmte
Gewaltformen für gesellschaftliche Statusbildung in Anspruch nehmen
lassen. Nicht zuletzt gehört die staatliche Gewalt fest zum Themenkomplex
der Gewaltforschung, einerseits als Instrument der Festigung von Macht, wie
sie z.B. im Vorderen Orient des 12. Jahrhunderts ausgeübt wurde (Gerhard
Hoffmann), andererseits als Instrument zur Begrenzung und Bändigung
innergesellschaftlicher Gewalt. Schließlich widmet sich in diesem Kontext
ein weiterer Beitrag den politisch-religiös motivierten Anstrengungen
Mahatma Ghandhis, staatlichen wie innergesellschaftlichen Gewaltformen
gleichermaßen konsequent entgegenzutreten (Dietmar Rothermund).
Vier der Beiträge sind für die Frühneuzeitforschung von besonderem
Interesse. Die im Fehdewesen zu beobachtenden Regeln der Gewaltanwendung
und -begrenzung im Mittelalter (Gerd Althoff) sind jenen historischen
Langzeitkonzepten gegenüberzustellen, die erst in der frühmodernen
Staatlichkeit eine wirksame Institution zur Befriedung und Eindämmung
von Konflikten erblicken. Das niemals schriftlich niedergelegte Regelwerk
läßt sich aus Beschreibungen von Fehdehandlungen extrapolieren.
Im Zentrum stand die Herstellung einer compositio, eines Ausgleichs
der streitigen Parteien über Dritte, die nicht selten in zeitlicher
Parallele zu den kriegerischen Handlungen vonstatten ging.
Der von Norbert Elias entwickelten Vorstellung von einem geradlinigen
Prozeß der Zivilisation, für die die Zeit vor dem 16. Jahrhundert
als eine vorrangig affektgeprägte Entwicklungsphase der Menschheit in
Anspruch genommen wird, lassen sich nicht nur solcherlei Hinweise auf
kultivierte, kontrollierte Gewalt im Mittelalter, sondern auch Hinweise auf
das hohe alltägliche Gewaltaufkommen in modernen Gesellschaften
entgegenhalten (Martin Dinges). Insbesondere lassen viele einzelne Erkenntnisse
der neueren Historischen Kriminalitätsforschung zur Frühen Neuzeit
erkennen, daß Gewalt für diesen Zeitraum keineswegs als ein
gesellschaftliches Randphänomen betrachtet werden kann, sondern von
Angehörigen sämtlicher Schichten verübt wurde. Eine Alternative
zu Elias Untersuchungsansatz bietet sich dem Autor zufolge in der Analyse
gesellschaftlicher und staatlicher Machtstrukturen und der Möglichkeiten
verschiedener Gruppen, Interessen über Gewalt durchzusetzen bzw. Gewalt
einzuhegen und damit die Folgen eigener Gewalthandlungen kalkulierbar zu
machen.
Den Interpretationsansätzen des Ethnologen Clifford Geertz wendet sich
ein weiterer Beitrag zu (Lutz Ellrich). Am Beispiel der Indonesian
Killings von 1965/66 werden selbst extreme kollektive Gewaltausbrüche
als binnengesellschaftlich legitimierte und normierte konfliktuale
Handlungsmuster dargestellt. Stellt der Hahnenkampf das Alltagsmuster
für den binnensozialen Kampf um Statusdifferenzen dar, so läßt
sich der Amoklauf als ein ultimatives Mittel zur
Krisenbewältigung verstehen. Das eigentliche Subjekt von Gewalt sei
vor diesem Hintergrund stets die ganze Gesellschaft, die die Codes zur
Verfügung stellt, auf deren Basis die Akteure jeweils operieren.
Der Sammelband wird mit einigen Thesen zur Normalität von
Gewalt im 20. Jahrhundert abgeschlossen (Alf Lüdtke). Auch in diesem
Beitrag wird die dichte Beschreibung von Gewalthandlungen und
-kontexten als der sinnvollste Weg der Analyse herausgestellt. Das Paradoxe
innerhalb der gesellschaftlichen Kodierungen, das Nebeneinander gewaltsamer
und gewaltloser Handlungsleitlinien, die unter Umständen sich in ein
und derselben Person manifestierende Koexistenz von Kriegsgegnerschaft und
Kriegsbewunderung etc., läßt sich demnach nur im Rahmen eines
mikrogeschichtlichen Zugriffs erarbeiten. Als Forschungsgrundlage wird für
einen sehr weitreichenden Begriff von Gewalt plädiert, der
dem Ineinandergreifen unterschiedlichster Formen innerhalb einer Gesellschaft
gerecht werden kann.
Bilanzierend läßt sich festhalten, daß im Band viele
interessante Anregungen enthalten sind. Problematisch erscheint auf der anderen
Seite die Heterogenität der Untersuchungsgegenstände und der Verzicht
auf einen resümierenden Beitrag, der die interdisziplinäre Diskussion
auf den Tagungen zumindest skizziert hätte. Dennoch bleibt die Erkenntnis,
daß Forschungen zur Gewalt ein wichtiges kulturhistorisches Thema
darstellen, zu dem die Geschichte der Frühen Neuzeit ihrerseits eine
Menge beiragen kann.
Rezensiert für den Server für die Frühe Neuzeit (sfn) und H-Soz-u-Kult von:
Ralf-Peter Fuchs, Historisches Seminar der Universität München
Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>
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