Rezensiert für H-Soz-u-Kult von Michael Rohrschneider
Der vorliegende Band versammelt die überarbeiteten Beiträge einer
in Zusammenarbeit mit der Mission Historique Française en Allemagne
im November 1997 veranstalteten, international besetzten und
interdisziplinär angelegten Tagung des Göttinger Max-Planck-Instituts
für Geschichte sowie vier zusätzliche Aufsätze. Er enthält
zahlreiche Abbildungen, Diagramme und Tabellen und bietet mit seinen insgesamt
26 Beiträgen, darunter fünf in deutscher Übersetzung aus dem
Schwedischen bzw. Französischen, gerade auch jüngeren Historikern
ein Forum, einem breiterem Publikum Ergebnisse aus ihren bereits abgeschlossenen
oder noch in Entstehung begriffenen größeren Arbeiten zu
präsentieren. Um es vorwegzunehmen: Die Bereitschaft der Herausgeber,
auch jüngere Fachkollegen zu Wort kommen zu lassen, wird durch die
Ergebnisse dieses Tagungsbandes durchaus gerechtfertigt, da sich deren
Beiträge zumeist durch die Erschließung neuer Quellen und
Forschungsgegenstände auszeichnen. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund
wäre ein Autorenverzeichnis, das leider fehlt, wünschenswert gewesen.
Die konzeptionellen Probleme vieler umfangreicher Tagungsbände, thematisch,
methodisch und chronologisch sehr unterschiedlich angelegte Beiträge
sinnvoll zu gruppieren, sind auch in vorliegender Veröffentlichung
spürbar; sie finden sich jedoch im großen und ganzen gut gelöst.
Ja, es ist sogar das erklärte Ziel, dem Phänomen
Dreißigjähriger Krieg, "jener langen Zeit verdichteten Sterbens"
(Krusenstjern: Tod und Sterben in der Zeit des Dreißigjährigen
Krieges), durch Berücksichtigung der regionalen Vielfalt und Rückgriff
auf unterschiedlichste Quellen und Fragestellungen gerecht zu werden. Und
so reicht das Spektrum der in den Beiträgen herangezogenen Quellen von
der in den letzten Jahren stark beachteten Gattung der Selbstzeugnisse (Burschel:
Tagebuch eines Söldners; Tersch: Selbstzeugnisse aus dem Umkreis des
Kaiserhofes; Krusenstjern) über Schadensverzeichnisse (Theibault:
Kriegserfahrungen auf Amtsebene) bis hin zu ikonographischen (Wade: Hochzeit
und Gipfeltreffen in Kopenhagen 1634; Choné: Kriegsdarstellungen Callots),
literarischen (Ernst: Grabinschrift Gryphius' für seine Nichte) und
musikalischen (Veit: Musik und Frömmigkeit) Quellen, um nur einige zu
nennen.
Das die Tagung strukturierende Erkenntnisinteresse findet sich explizit in
der Einleitung formuliert: Es gelte, das spannungsreiche Verhältnis
zwischen Alltag und Katastrophe mittels einer Verschränkung mikro- und
makro-historischer Perspektiven zu untersuchen, den Großen Krieg
gewissermaßen "aus der Nähe" zu betrachten. Nicht ganz zufällig
findet sich daher auch der Hinweis darauf, daß der Ausgangspunkt der
Tagung die langjährige, letztlich aus primär mikro-historischem
Interesse resultierende Beschäftigung mit Selbstzeugnissen aus der Zeit
des Dreißigjährigen Krieges war, nicht aber das der Ereignisgeschichte
entnommene Datum 1648 (bzw. 1998), das 350. Jubiläum des Westfälischen
Friedens.
Im Zentrum vieler Beiträge steht die Frage der Perzeption: Wie wurde
dieser "Störfall frühneuzeitlicher Geschichtserfahrung" (Burkhardt)
von den unmittelbar Betroffenen - etwa den Überlebenden der Zerstörung
Magdeburgs (Medick: Eroberung und Zerstörung Magdeburgs 1631), den Bewohnern
des schwedischen Dorfes Andersvattnet (Lindegren: Frauenland und Soldatenleben)
oder auch den Einwohnern Augsburgs (Mauer: Kalenderstreit; Gantet:
Friedenswahrnehmung 1648) - und von späteren Generationen (Fuchs:
Erinnerungszeugnisse von 1726/28) wahrgenommen? Welche Auswirkungen hatte
der Krieg auf die zeitgenössischen Wahrnehmungen des Alltags? Welche
Überlebensstrategien entwickelte man im Angesicht der Erfahrung der
zumindest in bestimmten Regionen schier endlos erscheinenden Folge von Krieg,
Zerstörung und Tod? Gab es Reste von Handlungsspielräumen, die
zur Schadensbegrenzung ausgenutzt werden konnten (Zeng: Mühlhausen)?
Im Zentrum stehen auch - ausgesprochen oder unausgesprochen (vgl. den Kommentar
von Gérald Chaix) - Günther Franz und sein in erster Auflage
1940, zuletzt 1979 erschienenes und immer noch als unverzichtbares Standardwerk
geltendes Buch "Der Dreißigjährige Krieg und das deutsche Volk".
Denn in der Tat ist Franz' Darstellung nach wie vor Ausgangspunkt der Erforschung
der Folgen des Krieges, obwohl - und dies nochmals aufgezeigt zu haben, ist
sicherlich ein Verdienst der Tagung - seine Untersuchung in vielerlei Hinsicht
als überholt gelten muß (vgl. z.B. die Beiträge von
Landsteiner/Weigl über Niederösterreich und Winnige über
Göttingen). Die Notwendigkeit, Franz' Ergebnisse weiter anhand von
regionalen Detailuntersuchungen zu korrigieren oder zu bestätigen und
sein Standardwerk im Rahmen einer großen Synthese der neuesten Forschung
zu ersetzen, wird dem Leser dieses Tagungsbandes überaus deutlich vor
Augen geführt.
Dieses Desiderat drängt sich, unabhängig von der Diskussion über
die Richtigkeit der Quantifizierungen Franz', gerade auch angesichts des
Beitrags von Wolfgang Behringer über Franz' politische Vergangenheit
auf. Behringers eindringlichen Ausführungen, die sicherlich starke Beachtung
finden werden, gelingt es, eine bloße Zurschaustellung der NS-Vergangenheit
dieses deutschen Historikers, der vergleichsweise früh ein Anhänger
Hitlers wurde und u.a. in der SA, der SS und im SD tätig war, zu vermeiden
und statt dessen der erkenntnisfördernden Frage nach dem Zusammenhang
zwischen der politisch-weltanschaulichen Gesinnung Franz' und dem Inhalt
und Zweck seiner historischen Arbeiten nachzugehen. Behringers Ergebnisse
sind überzeugend. Franz' war ein hochpolitischer Historiker; sein mit
vielen Mängeln behaftetes Standardwerk über den
Dreißigjährigen Krieg war erkennbar im Hinblick auf den laufenden
Krieg, den Zweiten Weltkrieg, konzipiert: War das "deutsche Volk" - so
resümiert Behringer die Anschauung Franz' und die intendierte Nutzanwendung
besagter Monographie - durch den Dreißigjährigen Krieg zwar stark
geschwächt worden, so gelang es ihm trotzdem, diesem historischen Tiefpunkt
gestärkt zu entsteigen. "Das verlorene Reich würde unter Führung
der NS-Partei wiederhergestellt werden und die deutsche Geschichte ihrer
Erfüllung zustreben." (S. 569) Vor diesem Hintergrund gelte es, wie
Behringer betont, von der in vielerlei Hinsicht unzulänglichen und zudem
mit der klaren Absicht einer politischen Instrumentalisierung geschaffenen
Untersuchung Franz' Abschied zu nehmen.
Behringer ist es auch, der in einem weiteren Beitrag die für die
zukünftige Erforschung der Frühen Neuzeit nach Ansicht des Rezensenten
interessanteste und daher hier etwas näher auszuführende These
dieses Tagungsbandes liefert. In seinem Aufsatz über die Bedeutung des
Zeitungs- und Nachrichtenwesens während des Dreißigjährigen
Krieges plädiert er nachdrücklich dafür, stärker den
Einfluß des sich verändernden Kommunikationswesens auf die Wahrnehmung
der Menschen zu berücksichtigen. Dem Großen Krieg kam, so Behringer,
katalysatorische Bedeutung bei der Entwicklung des - stets pluralistischen
- Zeitungswesens zu. Die Etablierung einer periodischen Presse war zweifellos
nicht nur im Hinblick darauf bedeutsam, daß die politischen und
militärischen Entscheidungsträger des Krieges angesichts der Probleme
der Informationsübermittlung und der Schwierigkeiten einer richtigen
Gewichtung der eintreffenden Nachrichten auf möglichst schnelle und
verläßliche Informationen für die konkrete Gestaltung der
Politik und der militärischen Operationen angewiesen waren; folgenreich
war sie auch infolge der Tatsache, daß die Regierungen nun meinungsbildende
Informations- und Medienpolitik gegenüber einer Öffentlichkeit
betrieben, die infolge des veränderten Zeitungs- und Nachrichtenwesens
über Möglichkeiten zur differenzierten Informationsgewinnung zu
verfügen begann. Zukünftige Forschungen in diesem Bereich werden
diesen von Behringer in den Vordergrund gerückten Aspekt sicherlich
stärker als traditionell gewichten müssen.
Insgesamt gesehen ist das Bemühen des Tagungsbandes erkennbar, Bekanntes
unter neuen Blickwinkeln auf den Prüfstand zu stellen, neue Arbeitsfelder
zu öffnen und Zugänge zu bisher in der deutschen Forschung eher
vernachlässigten Regionen - augenfällig ist hier die umfangreiche
Einbeziehung des schwedischen Großreichs (Lindegren; Villstrand:
Nachwirkung des Dreißigjährigen Krieges in Finnland; Jansson:
Soldaten und Vergewaltigung) - zu ermöglichen. Dabei erweist es sich
als Tenor der Tagung, so resümieren Johannes Burkhardt und Bernd Roeck
in ihren Kommentaren, daß die Betonung des Zäsur- und
Katastrophencharakters des Krieges unangefochtene Gültigkeit beanspruchen
kann. Konsens besteht ferner darin, in methodischer Hinsicht die
Erkenntnischancen einer verschränkenden Betrachtungsweise von Mikro-
und Makro-Historie herausstellen und somit die Perspektiven eines produktiven
Miteinanders in den Vordergrund rücken zu wollen. Auch die Notwendigkeit
weiterer regionaler Differenzierungen dürfte nach wie vor außer
Frage stehen, liegen doch Welten zwischen den mittel- wie unmittelbaren
Kriegsauswirkungen auf die in diesem Band behandelten Beispiele des
Kriegsprofiteurs Hamburg (Zunckel) und der 1631 dem Erdboden gleich gemachten
Stadt Magdeburg (Medick).
An Forschungsdesideraten aus dem Umfeld des Dreißigjährigen Krieges
herrscht kein Mangel, wie die von Roeck aufgezeigten Perspektiven der Forschung
nachdrücklich vor Augen führen. Ergänzend zu seinen
Ausführungen sei an dieser Stelle allerdings darauf hingewiesen, daß
ebenso für den weitgehend ausgeklammerten Bereich der internationalen
Politik nach wie vor Forschungsbedarf besteht, nicht zuletzt hinsichtlich
der in diesem Band so zentralen Frage der Perzeption: Auch im Hinblick auf
die Konturierung der an den politischen und militärischen
Entscheidungsprozessen maßgeblich beteiligten Akteuren ist die Untersuchung
der Frage nach der Wahrnehmung des Krieges und des jeweiligen Gegners ein
lohnendes Forschungsfeld.
Der anzuzeigende Tagungsband schließt mit einem Beitrag von Norbert
Winnige über das Projekt eines "Informationssystems
Dreißigjähriger Krieg" (IDK), d.h. eines EDV-gestützten
Sammelorgans für Informationen jedweder Art über den Krieg und
seine Folgen, das per Internet allgemein zugänglich sein soll. Zweifel
an der Realisierbarkeit (und Finanzierbarkeit!) dieses löblichen
Riesenvorhabens seien hier angemeldet, und man wird gut daran tun, sich im
Falle eines Versuchs, dieses Projekt in die Tat umzusetzen, realistische
Vorgaben zu setzen.
Abschließend sei der Hoffnung Ausdruck verliehen, daß die Anregungen
dieses Tagungsbandes angemessen rezipiert und die in einigen Beiträgen
aufgezeigten Wege neuerer und zukünftiger Forschungen tatsächlich
weiterverfolgt bzw. neu beschritten werden.
Rezensiert für den Server Frühe Neuzeit und H-Soz-u-Kult von:
Michael Rohrschneider <Rohrschneider-Koeln@t-online.de>, Vereinigung zur Erforschung der Neueren Geschichte, Bonn.
Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>
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