Hans Hesse (Hrsg.), "Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas": Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus; Bremen: Edition Temmen 1998, 450 S., ISBN: 3-86108-724-3; DM 48.-

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von Dr. Michael Krenzer

Reaktionen und Diskussionsbeiträge:

Kommentar von Dr.Reinhard Bollmus

Ich begruesse den Beitrag von Kollegen Krenzer sehr. Allenfalls haette man die Klage ueber die geringe Behandlung der Zeugen Jehovas in Geschichte und Sozialwissenschaften durch die Erwaehnung oder gar Wuerdigung des ersten Beitrages, der auf geschichtswissenschaftlicher Seite zum Thema ueberhaupt geleistet wurde, differenzieren koennen. Ich meine den grundlegenden Aufsatz ueber die "Ernsten Bibelforscher" des an der York University Toronto lehrenden deutsch-kanadischen Historikers Michael K a t e r in den Vierteljahrsheften fuer Zeitgeschichte, der ueber die Inhaltsverzeichnissen der Baende zwischen 1968 und 1972 leicht zu ermitteln ist. (Ich liefere die genaue Angabe des Jahrganges vielleicht noch nach.)

Die Nichterwaehnung in der Rezension Krenzers duerfte mit der geringen Rezeption zu tun haben, den der Beitrag Katers, wie ich bei der Vorbereitung einer Moderation einer von den Zeugen Jehovas getragenen und aber aus prinzipiellen wissenschaftlichen Gruenden von der Universitaet Trier uebernommenen Informationsveranstaltung im Mai 1998 bemerkt zu haben glaube, bei den heutigen Nachfahren der Opfer selbst gefunden zu haben scheint: Kater geht das Thema als Sozialgeschichtler an und nicht zuerst als bewundernder Glaeubiger. Allerdings steht diese geringe Beachtung als Phaenomen nicht isoliert dar: Die Forschung ueber die Opfer des NS-Terrors leidet ohnehin an einer Selbst-Isolation der Gruppen voneinander, und zwar offenbar nicht zuletzt aus dem Grunde, dass jede Relativierungen fuerchtet, die von "Fremden" ausgehen koennte und aufgrund ihres wissenschaftlichen Ansatzes im Verdacht steht, wesentliche Teile des erlebten Geschehens, die sich "rationaler" Betrachtungsweise zu entziehen scheinen, ungenuegend zu wuerdigen. Das ist in der Tat ein wichtiges Bedenken. Man wird sich an ein Wort Bruno Kreiskys ueber das Katastrophische im eigenen Erleben erinnern: Katastrophische Erfahrungen seien nicht an andere Personen zu vermitteln. Dennoch kennt fast jeder Wissenschaftler diese Einwaende. Er hat sich zu bemuehen, sie soweit als moeglich zu beachten und sei es, durch blosse Thematisierung.

Dennoch ist bei der Opfer-Forschung immer noch zu beobachten: Katholiken untersuchen Katholiken, Protestanten Protestanten, Zeugen Jehovas Zeugen Jehovas, Kommunisten Kommunisten (nicht nur in der Forschung aus der DDR vor 1989), sog. Homosexuelle sog. Homosexuelle, Sinti und vor allem Roma erforschten das erschuetternde Schicksal sogenannter "Zigeuner".

Andererseits ist anzuerkennen: Hohe Verdienste haben sich die wenigen Autoren erworben, die sich denen widmeten, die gar keine "Lobby" hatten: den sog. "Asozialen". Aber um "ganz gewoehnliche", moeglicherweise auf mehrere KZ-Haeftlingsgruppen verteilte Gefangene hat sich kaum jemand gekuemmert: Um Frauen, die wegen einer Beziehung zu Kriegsgefangenen eingeliefert worden waren (Tabu-Thema in manchen Doerfern), um Personen, die "Feindsender" abgehoert hatten u.a.m.

Durch das Bundesentschaedigungsgesetz hatte sich die Bildung einer Unheiligen Allianz zwischen zwischen den offiziellen politischen Gruppierungen Deutschlands verfestigt: "Entschaedigung" oder gar eine Art von Anerkennung konnten nur Haeftlinge erhalten, die aus "politischen" oder religioesen Gruenden ihrer Freiheit und ihrer Menschenrechte beraubt worden waren. "Asoziale", obengenannte Frauen, sog. Homosexuelle, lange Zeit auch die Sinti und Roma fielen nicht unter das Gesetz - viele von ihnen bis heute nicht (inwieweit die wohl hauptsaechlich von der Partei "Buendnis 90/Gruene" und der SPD initiierten Haertefonds wirklich funktionieren, ist mir im Moment unbekannt; auf die Verdienste der Bundeszentrale fuer politsche Bildung und der Landeszentralen Saarland und Thueringen bei der Organisation von Tagungen zum Schicksal und zur Nichtentschaedigung beispielsweise von Homosexuellen ist allerdings hinzuweisen; Tagungsbaende sind in Vorbereitung).

Eine Gruppe wurde meines Wissens ueberhaupt nicht erforscht und wohl kaum thematisiert: die der sogenannten "Kriminellen". Sicherlich waren darunter viele "Berufsverbrecher", wie die (diskriminierende) Bezeichnung im KZ lautete und es ist genuegend bekannt, dass manche von ihnen (aber nicht nur diese, im uebrigen fehlen repraesentativ verwendbare Erhebungen) ihr schreckliches Gebaren auch gegenueber Haeftlingen fortsetzten. Als einzige, aber einsam gebliebene Stimme ist mir hier die des damaligen Badischen Generalstaatsanwaltes Bauer - des Mannes, der spaeter den Frankfurter Auschwitz-Prozess zustande brachte - aus dem Jahre 1946 bekannt (ich vermag die Zitatstelle nicht zu nennen, vielleicht kann jemand behilflich sein). Er wies auf die sogenannten "BVer" in den Lagern hin. Ich erinnere mich an seine Begruendungen nicht im einzelnen. Aber einfache Ueberlegungen sagen einem: KZ-Haft stellte einen terroristischen Akt und keinen rechtlich zulaessigen Strafvollzug dar. Selbst ein Moerder war ein Opfer, wenn er in ein Lager der Nazis geriet .

Man verzeihe es mir, wenn ich mich, wie das H-Net erlaubt oder wohl geradezu hervorrufen soll, etwas spontan und nicht abgesichert durch Fussnoten geaeussert habe und wenn manche wissenschaftliche oder publizistische Leistung dabei uebersehen worden sein sollte. Es ist mir darauf angekommen, diese Gedanken einmal in einfacher Form und sehr direkt aeussern und reproduzierbar darstellen zu koennen, nicht zuletzt vielleicht auch als Anregung fuer eine weitere Diskussion.

Dr. Reinhard Bollmus, Tel./Fax 0651-34611, e-mail: rbt@uni-trier.de


Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>

From: "Reinhard Bollmus" <RBT@uni-trier.de>
Subject: Re: REZ: Krenzer ueber Hesse
Date: 23.03.99


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