Rezensiert für den Server für die Frühe Neuzeit (sfn) und H-Soz-u-Kult von Michael Kaiser
Aus dem tausendfachen Sterben, das sich in Nebel und Pulverdampf an der
Straße von Lützen nach Leipzig am kalt-feuchten 16. November 1632
ereignete, ragt der Tod Gustav Adolfs, König von Schweden, heraus. Mit
ihm fiel nicht nur ein gekröntes Haupt was bei einer dynastisch
legitimierten Herrschaft immer die Gefahr einer monarchischen Krise
heraufbeschwören konnte und der Feldherr der schwedischen
Interventionsarmee, sondern vor allem die Leit- und Integrationsfigur im
Krieg ge-gen den lange Zeit übermächtig scheinenden Kaiser und
die mit ihm verbündeten katholischen Reichsstände. Die
literarisch-publizistische Reaktion auf dieses Ereignis zu untersuchen, hat
sich die vorliegende Münchener Dissertation im Fach Germanistik zum
Ziel gesetzt.
Die Arbeit kommt zum Ergebnis, daß bezüglich der untersuchten
Textformen den Leichenpredigten eine nicht zu unterschätzende
propagandistische Wirkung attestiert werden muß. Tendenziell weniger
politisch motiviert waren die lyrischen Epicedien (Trauer- u.Trostgedichte),
bei denen dafür ästhetische Aspekte einen größeren Raum
einnahmen. Doch bestanden zwischen den Genres keine undurchlässigen
Grenzen; es gibt Beispiele für Übergangsformen, bei denen die
künstlerischen und politischen Kom-ponenten anders verteilt waren. Viele
Motive fanden bei der Bearbeitung des Themas gattungsüber-greifend
Verwendung, und so tauchten eben auch in den lyrischen Elaboraten Elemente
auf, die be-reits in der Publizistik vorgeformt waren.
Mit Blick auf den politischen Kontext läßt sich festhalten, daß
im Laufe der Jahre die literarischen und publizistischen Reflexe auf den
gefallenen König immer seltener wurden. Einige Zeit wurde noch versucht,
Gustav Adolf zumindest publizistisch am Leben zu erhalten. Angesichts wachsender
zentri-fugaler Tendenzen unter den protestantischen Reichsständen, die
sich von Schweden emanzipieren wollten, sollte auf diese Weise die integrierende
Kraft des Charismas Gustav Adolfs mobilisiert wer-den. Eng damit verknüpft
war die bis in die Zeit des Prager Friedens intensiv genutzte
Argumentationsfigur, die aus dem Tod des Königs, der als Aufopferung
für die evangelische Lehre und fürstliche Libertäten gedeutet
wurde, den Appell an die protestantischen Reichsfürsten ableitete, weiterhin
bis zum Frieden an der Seite Schwedens zu kämpfen.
Diese Befunde wird man insgesamt akzeptieren können, doch bleiben Vorbehalte
gegenüber der Anlage des Buches. Die Arbeit geht punktuell vor, indem
sie sich allein auf das Ereignis des Schlachtentods konzentriert, sie geht
enzyklopädisch vor, indem sie möglichst alle zu diesem Ereignis
relevanten Textformen berücksichtigt. Relevant ist damit jedweder Text,
in dem an irgendeiner Stelle der Tod des schwedischen Königs erwähnt
ist. Die eingehende Interpretation soll sozusagen strahlenförmig
nach allen Seiten hin geschehen (S. 11), mit anderen Worten: Es gibt
keinen interpretatorischen Flucht-punkt, der durch die Masse des publizistischen
Materials einen Weg weist. Wohl gibt es gattungsbe-zogene Haltepunkte, die
sich wiederum mit der chronologischen Abfolge verschränken. Denn Zeitun-gen
und Relationen griffen als erste dieses Thema auf, danach erschienen gedruckte
Gedenkpredig-ten und andere Formen der Trauerpublizistik. Auch in weiteren,
späteren publizistischen Kontexten tauchte das Thema des gefallenen
Königs auf, schließlich auch in poetischen Elaboraten. Doch diese
eher reihende Anlage von Einzelanalysen vermag nicht, die zweifelsohne
große Materialmasse in eine übersichtliche Struktur zu bringen
und die vielen interessanten Einzelbeobachtungen in einem synthe-tischen
Zugriff zu bündeln. Daß sich Motive und Intentionen
gattungsübergreifend wiederfinden lassen und dadurch Vorgriffe und auch
Rückbezüge unvermeidlich seien, darauf hat der Autor selbst
hinge-wiesen (S. 15) als ein warnendes Indiz für eine problematische
Anlage der Arbeit hat er dies nicht erkannt. So werden die verschiedenen
literarischen und publizistischen Genera nacheinander abgear-beitet, und
man erfährt tatsächlich vieles über die verschiedenen Muster
und Strategien, um den Tod des Königs darzustellen, und ebenso über
einzelne Topoi sowohl der Herrscherverherrlichung wie auch der literarischen
Trauer. Auch der politische Kontext wird berücksichtigt, doch bereits
hier unter-laufen dem Verfasser eine ganze Reihe von Mißinterpretationen,
die sich im Kontext einer sach- und nicht gattungsbezogenen Analyse sehr
viel eher hätten vermeiden lassen. Darauf sowie auf eine ganze Reihe
von Einzelproblemen ist im folgenden kurz einzugehen, wobei allerdings
dies sei hier vorausgeschickt keineswegs der germanistische Erkenntniswert
der Arbeit in Frage gestellt, sondern nur Monita von historischer Warte
aufgezeigt werden sollen.
Insgesamt fällt auf, daß der Aussagewert der untersuchten und
verglichenen Quellen nicht immer kritisch hinterfragt, mitunter dann auch
falsch eingeschätzt wird. So werden manche Äußerungen in
Flugblättern distanzlos behandelt, als würde das Medium den
zuverlässigen Wortlaut einer tatsächlich gemachten Äußerung
transportieren. Ob beispielsweise Gustav Adolf tatsächlich wenige Tage
vor der Schlacht bei Lützen die Worte verlauten ließ, daß
er, wenn er falle, vor sein [=Gottes; M.K.] heiliges Wort / vnnd vor
die teutsche Freyheit sterbe (S. 56), sei dahingestellt abgesehen
davon, daß auch der schwedische König gewisse Äußerungen
bewußt lanciert haben mochte. Wünschenswert wären aber auch
grundsätzliche Worte zur Publikation von Briefgut gewesen. Fragile
Kommunikationslinien und abgefangene Briefe sind ein Strukturproblem (nicht
nur) dieses Krieges gewesen, doch warum Fürsten- und
Feldherrenkorrespondenzen und auch Vertragswerke in den Druck gegeben und
damit (wenn es denn immer echte Briefe waren) politische Arkana bewußt
einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, sind Fragen, die
vor der Interpretation dieses Materials geklärt werden müssen.
Auch eine quellenkritische Unterscheidung zwischen offiziell publizierten
Briefen, wie sie eben der schwedische Reichskanzler Axel Oxenstierna und
der schwedische Feldherr Baner in Druck gaben (S. 268 f. u. S. 271 f.), und
quasi anonymen Briefen und Relationen eines Niedersächsischen
(S. 249 ff.) und eines fürnemmen Gesandten (S. 258 f.) sucht
man vergebens.
Daß auch die Interpretation nicht publizierter Briefe ihre Tücken
hat, zeigt die Korrespondenz Wallensteins und Kaiser Ferdinands II. in Reaktion
auf die Schlacht bei Lützen. Hieraus deutlich eine Freude des
Kaisers über den Tod des Hauptgegners abzulesen (S. 69), ist deswegen
schwierig, weil in diesem Fall der Kriegsherr seinen Feldherrn zu einem Erfolg
beglückwünscht und sich dazu eines im Duktus stark formalisierten
Briefes bedient, emotionale Spuren also gattungsbedingt kaum oder nicht so
offenbar aufzufinden sein dürften. Daß an der Wiener Hofburg der
Tod Gustav Adolfs mit freudiger Erleichterung aufgenommen wurde, wird hingegen
auch nicht durch die in Khevenhüllers Annales Ferdinandei überlieferte
Episode relativiert, derzufolge Ferdinand II. keine Freude, sondern
ein hertzliches Mitleiden an den Tag legte (S. 89): Auch ein Kaiser
hatte sich in fürstlicher Solidarität zu üben, eine
Herrschertugend, die hier um so leichter fallen mochte, als der Betroffene
bereits tot war.
Es gibt schwer erklärbare Befunde, so der Umstand, daß auf
kaiserlich-katholischer Seite publizi-stisch nur selten der massiven
proschwedischen Propaganda entgegengehalten wurde. Die Überle-gung,
daß der schwedische Siegeszug auch alle Druckzentren unter schwedische
Kontrolle gebracht hätte und auf diese Weise die technischen
Möglichkeiten für publizistischen Gegenkampagnen fehl-ten (S. 79
f. u. S. 312), sollte aber nicht überstrapaziert werden. Denn damit
wird die Effizienz einer schwedenfreundlichen Zensur schlichtweg
überschätzt und dies gerade angesichts des in der Frü-hen
Neuzeit immer wieder beobachteten Phänomens, daß es kaum eine
Obrigkeit je geschafft hat, die Presse und die Publikationsmöglichkeit
in der gewünschten Weise zu kontrollieren. Nur erwähnt sei auch
für diesen zeitlichen Rahmen der Untergrundbuchdruck in der
Niederrheinregion, der eine große Rolle für die Meinungsbildung
und -beeinflussung der öffentlichen Meinung im niederländischen
Raum spielte.[1]
Doch von diesen echten und höchst komplexen
Interpretationsproblemen abgesehen, gibt es die nicht seltenen Fälle,
in denen eindeutige historische Sachverhalte mindestens schief oder unklar
dar-gestellt werden. So verkennt die Behauptung, daß Gustav Adolf
über den Widerstand protestantischer Reichsstände ihm gegenüber
erfreut gewesen sei, weil ihm auf die Weise die betroffenen Territorien kraft
des Kriegsrechts als Eigentum zufielen (S. 39), das Legitimationsproblem
der schwedischen In-vasion: Da der schwedische König als Retter der
protestantischen Reichsstände auftrat, war er drin-gend auf reguläre
Verbündete angewiesen eine politische Notwendigkeit, die durch
Kontributionen und Kriegsgewinne kaum kompensiert werden konnte. Daß
nun bis in die 1630er Jahre eine Union protestantischer
Reichsstände auftaucht (bes. S. 38, 218, 267), daß es einen
türkischen Kaiser gibt (was also nicht als Quellenbegriff
kenntlich gemacht wird, vgl. S. 223), daß das Herzogtum Pommern schon
von Gustav Adolf annektiert wurde (vgl. S. 259 u. 379: Annektion
[!]) und daß die böhmische Kurwürde an Bayern gefallen war
(S. 223 Anm. 689), ist genauso ärgerlich wie eine problematische und
unzutreffende Begrifflichkeit: So wird immer wieder der (gerade bei der Benennung
von Adressa-ten) undeutliche Kollektivbegriff die Deutschen und
Deutschland gebraucht, während die ständische Gesellschaft
als Klassensystem bezeichnet wird (S. 25 Anm. 69); mit
hochdekorierten Offizieren sind hingegen nicht mit Ehrenabzeichen
und Orden dekorierte, sondern, wie das Quellenzitat erkennen läßt
(S. 60), hochrangige Offiziere gemeint, und Zwickau erfuhr keine
Entsetzung (wurde also nicht von einer Belagerungsarmee entsetzt,
sprich befreit), sondern wurde vielmehr im Sturm genom-men, wie bereits aus
dem Kontext selbst hervorgeht (S. 65).
Wie sehr der mangelhaft ausgeleuchtete historische Hintergrund die Interpretation
des Autors schwächt, läßt sich anhand des Details verdeutlichen,
daß der schwedische König ohne Rüstung in die Schlacht ge-gangen
sei. Die zeitgenössischen Reaktionen erklären dieses Faktum nicht,
sondern interpretieren es einmal (tendenziell kritisch) als
übermäßigen Wagemut und ein anderes Mal (tendenziell positiv)
als Ausdruck eines tiefen Gottvertrauens (S. 57-61). Den eigentlichen Grund
dafür, daß der König nur einen Elchlederkoller, aber keine
Rüstung trug, sieht die Forschung seit längerem darin und
dies ist entscheidend für den Stellenwert der zeitgenössischen
Erklärungsversuche , daß Gustav Adolf seit seiner schweren
Verwundung in der Schlacht bei Dirschau 1627 keine Brustpanzerung mehr am
Leib zu tragen vermochte.[2]
Nun mag der Eindruck entstehen, daß hier ein Beckmesser in der
unverkennbaren Absicht unter die Historiker gegangen ist, einen Vertreter
der benachbarten germanistischen Disziplin zu bekritteln. Doch gegen diesen
möglichen Einwurf sei auf das Buch selbst verwiesen, das sich durchaus
auch an einem historischen Wissensfortschritt zu beteiligen anschickt. So
soll das hier zugrunde gelegte Quel-lenmaterial auch dazu geeignet sein,
weitere Erkenntnisse zur Person des schwedischen Königs zu
gewinnen (S. 12), eine Einschätzung, die angesichts der intentionalen
Ausrichtung der hier behandel-ten Medien zweifelhaft erscheint. Daß
die historische Forschung in der Hinsicht skeptisch bleibt, tut sie mit
großer Berechtigung; daß aber die historische Forschung
publizistische Materialien generell als Quellen ablehnt und sie
nicht beachtet (S. 10), ist eine gewagte Behauptung. Dabei behandelt das
Buch selbst eine Thematik, die wie kaum eine andere die Kombination
germani-stischen und historischen Arbeitsweisen erfordert. Denn gerade bei
Flugblättern und verwandten Medien der Zeit, die oft auf einen sehr
konkreten zeitgenössischen Sachverhalt verweisen und damit einen sehr
punktuellen Bezugs-rahmen haben, ist eine präzise Wahrnehmung der
historischen Begleitumstände unumgänglich, will man nicht Gefahr
laufen, auch die Bewertung sei sie nun eher germanistisch, sei sie
nun eher histo-risch ausgerichtet unpräzis werden zu lassen.
Daß dies kein entrücktes Ideal ist, sondern durchaus eingelöst
werden kann, hat vor einigen Jahren die Germanistin Silvia Serena Tschopp
gezeigt. Diese vor allem auch in ihrer Fragestellung und im analytischen
Zugriff vorbildhafte Studie läßt die Möglich-keiten erkennen,
die eine Beschäftigung mit der Publizistik zu Gustav Adolfs Tod
offeriert.[3]
1 Vgl. dazu Johannes Arndt, Das Heilige Römische Reich und die Niederlande 1566 bis 1648 (Münstersche Historische Forschungen, 13), Köln/Weimar/Wien 1998, bes. S. 232 ff.
2 Michael Roberts, Gustavus Adolphus. A History of Sweden 1611-1632, London 1958, Bd. 2, S. 343; Marcus Junkelmann, Gustav Adolf (1594-1632). Schwedens Aufstieg zur Großmacht, Regensburg 1993, S. 271.
3 Vgl. Silvia Serena Tschopp, Heilsgeschichtliche Deutungsmuster in der Publizistik des Dreißigjährigen Krieges. Pro- und antischwedische Propaganda in Deutschland 1628 bis 1635 (Mikrokosmos, 29), Frankfurt a.M. u.a. 1991, bes. S. 11 f. zur Konzeption.
Rezensiert für den Server für die Frühe Neuzeit (sfn) und H-Soz-u-Kult von:
Michael Kaiser, Historisches Seminar der Universität Köln
Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>
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